Blaue Bohnen zum Frühstück

  • Heyne
  • Erschienen: Oktober 2000
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension vonDez 2022

Harte Jungs & schöne Frauen: fröhlicher Krimi-Unfug

Shell Scott, Privatdetektiv in Los Angeles gerät auf die Todesliste des gefürchteten Gangsterbosses Marty Sader. Den auf ihn abgefeuerten Kugeln kann Scott ausweichen ausschalten. Eine hübsche Rothaarige, die ihn um Hilfe angehen wollte, kennt womöglich den Grund für Saders Zorn, doch sie verschwinde. Der neugierig gewordene Detektiv setzt sich auf die Spur dieses Iris Gordon. Sie arbeitet für Sader in dessen Nachtclub „The Pit“. Dort hat sie etwas gesehen, das eindeutig nicht für ihre Augen bestimmt war.

Doppeltes Pech für Scott, dass er jetzt auf der Szene erscheint, denn Sader ist nervös und deshalb besonders gefährlich. Er steht im Krieg mit Collier Breed, einem Gangster, dem gute Verbindungen zur Mafia nachgesagt werden. Vor einigen Wochen war Scott während eines Überwachungsauftrags zufällig mit einem von Breeds Schergen aneinandergeraten, was diesem einen Krankenhausaufenthalt eingetragen hatte. Seitdem befindet sich der ahnungslose Detektiv auch auf Breeds Radar.

Scott kann Iris aus Saders Gewalt befreien, der nun glaubt, dass der Detektiv Breeds Mann ist. Gleichzeitig wird Breed auf die Ereignisse aufmerksam. Auch er würde gern mit Scott und Iris ‚reden‘ und setzt seine Jungs in Bewegung. Jetzt wird es eng für den Detektiv, der nicht nur Iris, sondern auch ihre in die Ereignisse verwickelte Freundin Mia beschützen muss und sich zu einer brandgefährlichen Partie gezwungen sieht, mit der er die Gangster gegeneinander ausspielen will ...

„Law & Order“ hübsch verpackt

In den 1950er Jahren war die Welt in den USA noch in Ordnung. Den Zweiten Weltkrieg hatte man gewonnen, den Krieg in Korea noch nicht verloren; die Roten hielt man in Schach, und die Atombombe war ein notwendiges Instrument, dessen Existenz nur Verrätern, Defätisten und anderen Schlappschwänzen Angst einjagte.

Es war eine gute Zeit, in der die Autos in jedem Modelljahr einen halben Meter länger und die ‚Mädchen‘ immer jünger und hübscher wurden - die Zeit für Kerle wie Shell Scott, den der Krieg in Sachen Gewalt zum Mann gemacht hatte, während er mental auf der Stufe eines spät pubertierenden Jünglings stehen geblieben war, wobei dies eine Interpretation des 21. Jahrhunderts ist.

Scott ‚lebte‘ und wirkte in einer Welt, die real wirkte, aber nicht war. „Blaue Bohnen zum Frühstück“ erzählt eine rasante, in der Handlung künstlich verkomplizierte, auf Serientauglichkeit getrimmte Geschichte, die gelesen und für spannend befunden, aber anschließend vergessen werden konnte. Ins Gedächtnis graben sollten sich nur die Namen des Autors Richard Scott Prather (1921-2004) und seines Helden, denn der nächste Shell-Scott-Krimi kam bestimmt und sollte gekauft werden.

Spannung von der Stange

Auch der Plot von „Blaue Bohnen ...“ ist garantiert frei von Raffinesse. Er funktioniert dennoch halbwegs; zwar ist die Geschichte dieses Gangsterkriegs en miniature reichlich abgehoben, aber das ist unwichtig, denn die Umsetzung macht den Scott-Thriller aus. Man kann Prathers Bücher durchaus als gedruckte Vorgänger späterer TV-Krimi-Serien betrachten, in denen ein scheinbar unlösbarer Fall binnen 45 Minuten zum Abschluss gebracht wurde.

Folgerichtig lebt „Blaue Bohnen ...“ von einer Handlung, die niemals zum Stillstand kommt, selbst wenn Scott gefesselt seinen Verfolgern gegenübersitzt. Er wird einen Weg finden, die Fesseln zu sprengen, und man darf sich darauf verlassen, dass dies nicht ohne Prügel und Schüsse geschieht. Ansonsten streut Verfasser Prather Stichworte wie „Mafia“ ein und arbeitet ansonsten mit Standardsituationen und -bildern: Der Held wird in seinem Büro von einem Schläger bedroht, Gauner verhören und prügeln ihn, in einem brennenden Haus spielen Detektiv und Mörder Katz und Maus etc.

Nach diesem Strickmuster entstanden über zweieinhalb Jahrzehnte Shell-Scott-Romane. Allein in den USA erreichte die Reihe angeblich eine Gesamtauflage von mehr als 40 Millionen Exemplaren: Richard S. Prather hatte die Bedürfnisse und Erwartungen der lesenden Masse sehr genau erfasst und lieferte Action, Gewalt und Sex in den vom Gesetz jeweils gestatteten Dosen: Während „Blaue Bohnen ...“ als dritter Band der Serie noch sehr harmlos wirkt, ging es in den Scott-Romanen der späten 1960er und 70er ungleich härter und deutlicher zur Sache.

Das Rezept wirkt immer noch

Erstaunlicherweise sind die Shell-Scott-Krimis trotz ihrer schematischen Konstruktion auch heute lesbar. Die ursprünglichen Attraktionen - harte Jungs und leicht bekleidete Mädchen - ziehen natürlich längst nicht mehr. Man durchschaut Prathers Tricks, aber man genießt sie trotzdem, denn in seiner auf Tempo und Krawall gebürsteten Nische verstand er sein Handwerk und übte es nie verbissen aus.

Mit einer Mischung aus Ignoranz und Unschuld, wie man sie so ausgeprägt wohl nur in den 1950er Jahren an den Tag legen konnte, gestaltete Prather seinen Shell Scott als Teufelskerl und Frauenhelden. Die Scott-Romane richteten sich vor allem an männliche Leser, und diese bekamen, was sie sich anscheinend wünschten; in Maßen jedenfalls, denn das Auge des Gesetzes las mit!

Shell Scott ist schon äußerlich ein ‚ganzer Kerl‘ mit seinen 1,90 m Größe und einem Kampfgewicht von 185 Pfund. Seine Nase ist gebrochen, was latente Gefährlichkeit signalisiert, ihn aber gleichzeitig noch attraktiver auf die Damenwelt wirken lässt. Um ihn noch unverwechselbarer zu machen, ließ Autor Prather ihm schneeweißes Haar und Augenbrauen wachsen, obwohl Scott erst 30 Jahre alt ist. (Älter wurde er übrigens nie.)

Als es noch echte Kerle geben durfte …

Wie jeder echte Mann liebt Scott schnelle Autos. In „Blaue Bohnen ...“ fährt er noch einen rubinroten Cadillac. Später wechselt er zu einem kanariengelben Modell dieses Herstellers. In seinem Büro steht ein großes Aquarium mit tropischen Zierfischen, was seinen Nonkonformismus unterstreichen soll.

Als Detektiv ist Shell Scott bei aller Flapsigkeit der klassische Ermittler: Übernimmt er einen Auftrag, bringt er ihn zu Ende, selbst wenn ihm dabei der Wind ins Gesicht bläst, Fäuste und Kugeln fliegen und sich die Polizei unfreundlich gibt. Obwohl er sich hart und unsentimental gibt, ist Scott ein altmodischer Ritter, der notfalls honorarfrei arbeitet, wenn es jemanden zu retten gibt. Das gilt primär dann, wenn eine Jungfrau in Not gerät, wobei ‚Jungfrau‘ vielleicht die falsche Bezeichnung ist, denn Prather-Frauen scheinen stets über einschlägige ‚Erfahrungen‘ zu verfügen - scheinen, denn zur Beweisführung schreiten sie nie. In dieser Hinsicht sind sie tatsächlich keine Frauen, sondern ‚Mädchen‘, wie der Verfasser sie notorisch nennt.

Auch Shell Scott ist eher Maul- als Frauenheld. Genüsslich beschreibt er seine knapp gekleideten und sich lasziv auf horizontalen Möbelstücken rekelnden Gespielinnen, doch steht dann die Umsetzung seiner feuchten Träume an, geschieht garantiert etwas, das dem Spaß ein Ende bereitet: Das Telefon läutet und ruft Scott an den Schauplatz des nächsten Verbrechens, Gangster stürmen das Schlafzimmer, oder der von seinem kriminalistischen Tun geschwächte Detektiv schläft wie im Finale von „Blaue Bohnen ...“ in den Armen gleich zweier schöner und williger Frauen ein.

Böse, aber nicht besonders schlau

Gangster sind eindimensionale Gestalten wie aus einem Märchen und gliedern sich in Bosse und Handlanger. Erstere wirken intelligent und geben sich vornehm, sind aber wie letztere dumm, feige und brutal; ihre Genialität bleibt Behauptung, und am Ende bekommen sie, was sie verdienen: den Knast oder die Kugel.

Auch hier gilt, dass Prather nicht mechanisch sein Garn abspult. Für eine Überraschung ist er stets gut. In „Blaue Bohnen ...“ bleibt die völlig verrückte Mrs. Sader im Gedächtnis, die sogar dem unerschrockenen Scott Schauder über den Rücken jagt. Gerät er an Frauen, die nicht seinem Beuteschema entsprechen, d. h. alt und/oder hässlich oder gar des selbstständigen Denkens fähig sind, weiß er ohnehin nicht, wie er sich verhalten soll. Solche Anachronismen wirken heute beinahe gewollt politisch unkorrekt, was das Vergnügen an solcher verstaubten Lektüre fördert, zumal Scott jederzeit durchblicken lässt, dass man ihn und seine Sprüche nicht allzu ernst nehmen sollte.

Nicht schrecken lassen darf man außerdem sich vom deutschen Titel; in den 1960er und 70er Jahren gab es offenbar eine Legion schmalhirniger ‚Witzbolde‘, die übersetzte Krimis mit schwachsinnigen Aufschriften versahen.

Fazit

„Hard-boiled“-Krimi aus einer lang laufenden Serie, die praktisch sämtliche Klischees vom eisenharten Schnüffler und Frauenhelden bedient und heute eher vergnüglich als spannend wirkt, wenngleich der Autor seinen Job versteht und gutes Handwerk abliefert.

Blaue Bohnen zum Frühstück

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