Das Publikum war Zeuge

  • Ullstein
  • Erschienen: September 2022
Das Publikum war Zeuge
Das Publikum war Zeuge
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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2022

Mord wider alle Regeln

Im Grosvenor Theatre zu London setzt Produzent Douglas B. Douglas abermals dazu an, mit einer seiner typischen, d. h. niemals originellen, aber pompös in Szene gesetzten Musik-Komödien erfolgreich über ein Publikum zu kommen, das solche hohlen Spektakel liebt, zumal Showman Douglas dafür sorgt, dass die Uraufführung durch flankierende Werbung und Medienrummel vorbereitet wird.

„Blue Music“ heißt das aktuelle (Mach-) Werk, für das Douglas keine Kosten gescheut hat. Brandon Baker, seit vielen Jahrzehnten bewährter Darsteller jugendlicher Helden, trifft auf den kapriziösen Star Gwen Astle. Die Handlung des Stückes ist wirr, aber unwichtig, denn die Schauwerte zählen.

In dieser Hinsicht übertrifft sich Douglas dieses Mal unfreiwillig selbst, denn während einer Duell-Szene wird Star Baker auf offener Bühne erschossen; offenbar vom Darsteller Hilary Foster, der sich kurz darauf das Leben nimmt.

Scotland-Yard-Inspektor Wilson war anwesend, als der tödliche Schuss fiel; mit seinem Sohn, dem Reporter Derek Wilson, saß er im Publikum. Vater und Sohn bilden ein Ermittlerteam. Sie teilen sich die Fahndungsaufgaben, die durch den Tatort beträchtlich erschwert werden, denn ein Theater weist viele dunkle Ecken und Schlupfwinkel auf, und Schauspieler sind notorisch schlechte Zeugen. Darüber hinaus erweisen sich scheinbar eindeutige Indizien als falsch. Was tatsächlich im Grosvenor Theatre geschehen ist und wer wen (und wieso) umgebracht hat, erfordert eine einfallsreiche Untersuchung, die aufgrund ständiger Rückschläge nur träge voranschreitet und in einem unerwarteten Finale gipfelt …

Ein Mikrokosmos jenseits etablierter Regeln

In den 1930er Jahren war der englische Kriminalroman eine ernsthafte Sache. Die Autoren standen unter Druck: Plot und Handlung hatten ‚realistisch‘ zu sein, Zufälle und Hintertüren waren ‚verboten‘. Es gab Regeln, die der 1928 in London gegründete „Detection Club“ erlassen hatte. 26 Mitglieder zählte er; darunter befanden sich einige der prominentesten Autoren ihrer Zeit - aber nicht Alan Melville, der eigentlich William Melville Caverhill (1910-1983) hieß und nicht nur Kriminalromane, sondern auch Drehbücher für Radio und Kino schrieb sowie selbst vor die Kamera trat.

Auch Bühnenstücke verfasste er, weshalb er das Theater-Milieu sehr gut kannte. „Das Publikum war Zeuge“ belegt diese Vertrautheit, die sämtliche Aspekte jenes Dramas berücksichtigt, das sich auf, vor und hinter der Bühne abspielt und diesem Motto folgt: „The show must go on“, denn sie ist live und findet vor einem (hoffentlich) zahlenstarken Publikum statt, das für sein Vergnügen viel Geld bezahlt hat und eine ungestörte Vorstellung erwartet.

Melville schildert vergnüglich die Tricks und Kniffe, die meist unbemerkt von den Zuschauern zum Einsatz kommen. Mit allen Wassern gewaschene Profis sorgen dafür, dass es irgendwie weitergeht, wenn etwas schiefläuft. Einen Mord können allerdings selbst sie nicht unter den Tisch kehren - zumindest nicht, wenn die Leiche auf den Brettern liegt und das Blut über den Bühnenrand rinnt.

Gegen den Strich gebürstet

Das Theater war vor dem Zweiten Weltkrieg ein beliebter Tatort. Noch konnte es sich gegen das Kino behaupten, noch war seine Reputation ungebrochen. Selbst die Angehörigen der Oberschicht gingen ins Theater, ohne in den Ruch jener Anstößigkeit zu geraten, die es unbedingt zu meiden galt.

Selbstverständlich sah die Realität anders aus. Alan Melville lässt jeglichen Theaterzauber zerstieben und schildert einen Mikrokosmos, in dem er an Wahnsinn grenzende Irrationalität mit Konkurrenzneid und Größenwahn mischt. An der Spitze steht Douglas B. Douglas, ein Blender im Geiste des Spektakel-Königs P. T. Barnum (1810-1891), welcher die ebenso einfallsreiche wie dreiste Unterhaltung (oder Täuschung) zur Kunst erhoben hatte („Jede Sekunde wird ein Trottel geboren“).

Auch sonst stellt Melville uns das Theater als Ort vor, an dem der gesunde Menschenverstand = der ‚normale‘ Alltag ausgesetzt ist. Niemand ist ehrlich, was im Theater beinahe als Tugend gilt; jedermann und jede Frau tilgen so gut wie möglich alle Spuren in eine meist schnöde Vergangenheit, die nicht zum späteren Ruhm passt; dieser wird mit biografischen Märchen quasi nachträglich vorbereitet und ängstlich gegen jegliche Offenlegung geschützt.

Magische Kugel als Startschuss

Dorothy L. Sayers (1893-1957), die durch ihre Serie um den vornehmen Amateur-Detektiv Lord Peter Wimsey unsterblich wurde sowie zu den Gründungsmitgliedern des „Detection Club“ gehörte, rezensierte Melvilles Roman eher ungnädig. Sie nahm den Kriminalroman sehr (und viel zu) ernst, und ihr missfiel Melvilles respektloser Humor, für den sie keine ‚Antenne‘ besaß, und monierte zahlreiche Verstöße gegen die oben erwähnten ‚Regeln‘.

Selbstverständlich ist es absurd, dass ein Scotland-Yard-Inspector und sein Sohn, der ausgerechnet Sensationsreporter ist, quasi im Alleingang einen Mordfall übernehmen. In einem wie üblich informationsreichen Nachwort zur (britischen) Neuausgabe dieses Romans merkt Martin Edwards - u. a. Präsident des weiterhin existierenden „Detection Club“ seit 2015 - an, dass Realität keineswegs in Melvilles Absicht lag. „Das Publikum war Zeuge“ ist eine satirische Überspitzung zeitgenössischen Theater-Alltags, gekleidet ins beliebte Ambiente des Krimis, den der Autor bei dieser Gelegenheit ebenfalls tüchtig gegen den Strich bürstete.

Melville hatte erfasst, dass der britische Rätselkrimi selbst satirische Züge aufwies. Sherlock Holmes, der erwähnte Lord Peter Wimsey oder Hercule Poirot sind überlebensgroße Figuren mit unterhaltsam überzogenen Charaktereigenschaften. Ungeachtet der „Regeln“ spielen die „Whodunits“ in einem künstlichen Mikrokosmos, der eine von der Realität isolierte Sphäre bleibt. Melville thematisierte dies und orientierte sich zusätzlich an der in den 1930er Jahren beliebten „screwball comedy“, die dem Humor jederzeit den Vorzug vor der Logik gab.

Irrwitz gegen Ratio: unentschieden

Sayers‘ Schelte lässt unberücksichtigt, dass Melville die „Regeln“ keineswegs ignoriert, sondern sie ausdrücklich befolgt, um sie gleichzeitig auszuhebeln; womöglich ist es dies sowie das Geschick, mit dem der Autor diese Herausforderung meistert, was Sayers so erboste. Ungeachtet der ständig grotesker werdenden Ent- und Verwicklungen liefert Melville, was ein ‚echter‘ Rätselkrimi bieten muss.

So gibt es die üblichen falschen und echten Indizien, die erkannt und entwirrt werden. Selbstverständlich finden wir auch die typischen Verhöre potenzieller Täter/innen, die zudem - auch hier wahrt Melville die Form - ausschließlich dem Kreis der Verdächtigen entstammen. Inspector Wilson ist der bedächtige, aber gründliche Detektiv, während sein Sohn Derek die übereifrige Jugend verkörpert, die für die Fußarbeit im Hintergrund taugt sowie jene dummen Fragen stellt, die auch uns Lesern durch die Köpfe gehen.

Folgerichtig schürzt Wilson in einem Großen Finale die vielen vom Verfasser eingestreuten, natürlich ‚getarnten‘ Hinweise zum Knoten, der die Auflösung darstellt - nur um sofort und dieses Mal geradezu wollüstig die „Regeln“ zu ignorieren, indem er offenbart, was tatsächlich geschehen ist. Die Wahrheit ist witzig für Leser, die anders als Sayers Melvilles Absicht erkennen und schätzen, dass Senior und Junior Wilson sich peinlich berührt winden. Vielleicht war Alan Melville mit dem spielerischen Regelverstoß als Instrument der Unterhaltung seiner Zeit ein wenig zu weit voraus.

Fazit

Dies ist einerseits ein klassischer britischer Rätselkrimi, der andererseits die Regeln des Genres planvoll ‚missbraucht‘, um absolut plausibel eine bizarre Geschichte zu erzählen. Da der Autor (ebenso wie die Übersetzerin) sein (ihr) Handwerk versteht, ist die Lektüre dieses alten, hierzulande bisher unbekannten Romans ungemein vergnüglich.

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