Schiebung

  • Argument
  • Erschienen: Oktober 2022
Schiebung
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Michael Drewniok
90°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2022

Windmühlenkämpfe gegen unantastbare Täter

Wie üblich ist Victoria Iphigenia „Vic“ Warshawski, Privatdetektivin in Chicago, in Grabenkämpfe mit einer Welt verwickelt, in der Unrecht nicht durch das Gesetz, sondern durch die Reichen und Mächtigen definiert wird. Felix, Großneffe von Warshawskis Mentorin Lotti Herschel, scheint in den grausamen Mord an einem Mitstudenten verwickelt zu sein. Wie seine Telefonnummer in einer Hosentasche des Opfers landete, will er jedenfalls nicht erklären.

Dadurch wird er umgehend zum Hauptverdächtigen, den nicht nur die Polizei, sondern auch und vor allem der US-Heimatschutz unter die Lupe nimmt: Felix ist mit einer jungen Frau aus dem Nahen Osten befreundet, deren Vater sich illegal in den Vereinigten Staaten aufhält und deshalb automatisch als Terrorist und Störenfried gilt.

Schon diese Nuss ist kaum zu knacken, aber ausgerechnet jetzt meldet sich eine längst vergessene ‚Nichte‘ bei ihrer Tante Vic: Harmony Seale und ihre Schwester Reno sind Töchter jener Frau, die einst Warshawskis Schwägerin war, als sie den Anwalt Richard Yarborough geheiratet hatte; die Ehe ging rasch in die Brüche, weil der Gatte um jeden Preis reich werden und gesellschaftlich aufsteigen wollte.

Reno ist in Chicago verschwunden. Ihre Tante soll sie finden. Natürlich sagt Warshawski nicht nein. Ihre Ermittlungen ergeben, dass Reno sexuelle Belästigung an ihrem Arbeitsplatz öffentlich machen wollte. Zudem ist sie auf Machenschaften gestoßen, die mächtigen Leuten juristisch gefährlich werden könnten, und hat entsprechende Beweise an sich gebracht. Mordbereite Schläger suchen danach; Warshawski trifft mehrfach auf sie. Obwohl bald die Polizei, der Heimatschutz, diverse Juristen und ihr wütender Ex hinter ihr her sind, beschäftigt auch der Raub eines kostbaren archäologischen Fundstücks die überbeanspruchte Detektivin …

„Stars & Stripes“ im freien Fall

Man muss Sara Paretsky bewundern: Viele Jahre, nachdem sie den ‚weiblichen‘ Kriminalroman mit neu definiert sowie sich auf die Seite von Politik, Justiz, Wirtschaft und Medien ignorierter oder verteufelter Minderheiten geschlagen hat, ist Vic Warshawski ihren Idealen treugeblieben, obwohl sie damit im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert fast allein und auf verlorenem Posten steht.

Die US-Realität ist über jene gekommen, die nicht mehr mithalten können im quasi darwinistischen Kampf ums Überleben, zu dem der Alltag für mehr und mehr Bürger mutiert ist. „Schiebung“ spielt in den Vereinigten Staaten unter Präsident Trump, der die Lüge, die Gier und den Rassismus zum Regierungsprogramm erhoben hat und zur Jagd auf alle bläst, die nicht in sein Zwerghirn-Weltbild passen bzw. sich seiner Willkür nicht unterwerfen wollen.

Für Paretsky sind die USA endgültig einem faschistoiden Irrsinn verfallen, der einstige Werte und vor allem Menschenrechte systematisch aushöhlt. Die Auftritte des „Heimatschutzes“ bieten der Autorin viel Raum für bittere Anklagen, die nicht mit erhobenem Zeigefinger erhoben werden. Paretsky erzählt, was sich die dem Gesetz nicht verpflichteten und an Zahl ständig zunehmenden Geheimdienstorganisationen erlauben können. Dass Lotti Herschel, die einst aus dem von Nazis übernommenen Wien nach Amerika flüchtete, sich an die Gestapo erinnert fühlt, teilt sich dem Leser mit.

Essenz des „Lady Thrillers“

„Schiebung“ dürfte also keine Lektüre für jene Hälfte der US-Leserschaft sein, die „The Don“ und seinen republikanischen Schergen hinterherlaufen. Paretsky gehört eindeutig dem dort verhassten, linksliberalen Amerika an, das flüchtige Ausländer = Terroristen ins Land lassen will, Minderheiten-Rechte oder gar Gleichberechtigung für diejenigen fordert, die mehr oder weniger illegal ihr Leben in den USA fristen und deshalb problemlos ausgebeutet, verfolgt und deportiert werden können.

Paretsky ist eine einsame Ruferin in der Wüste. Dass dies die Plots der von ihr geschriebenen Kriminalromane prägt, muss man wissen und gutheißen, denn verständlicherweise kann und will die Autorin nicht verbergen, dass sie Partei ergreift. Ihr ist hoch anzurechnen, dass die Plots darunter nicht leiden, sondern spannend und plausibel bleiben. Anders als (viel zu) viele jüngere Autorinnen hat Paretsky den „Lady Thriller“ nie aufgeweicht, sondern ist den Genre-Idealen treu geblieben. Auch in „Schiebung“ gibt es deshalb keine Liebesgeschichte, die sich würgend über die eigentliche Handlung legt.

Im Vordergrund steht ein Plot, der zudem komplex und kompliziert ist und die Bereitschaft zum leserlichen Mitdenken erfordert. Wie gut Paretsky weiterhin ihr Handwerk versteht, spiegelt sich in der Tatsache wider, dass 500 eng bedruckte Seiten zum Pageturner werden. Die Handlung schlägt immer neue Kapriolen, ohne darüber an Logik einzubüßen. Selbst die Mehrzügigkeit eines Plots, der nach und nach Gemeinsamkeiten entwickelt und zu einem Gesamtfall zusammenfindet, wirkt bei Paretsky keineswegs aufgesetzt.

Gutmensch im Hamsterrad

Es gehört zu den Klischees des klassischen Krimis, dass ein ‚guter‘, d. h. ehrlicher, unbestechlicher und seinen Fall bis zur Auflösung folgender Privatdetektiv sich selbst zur Wahrung seiner Ideale gratulieren und davon zehren muss, während sich öffentliche Anerkennung oder gar Lohn in Grenzen halten. Vic Warshawski steht in dieser Tradition, und sie zahlt ihren Preis dafür, denn Idealisten gelten heute mehr denn je als Idioten. Warshawski ist notorisch überarbeitet, aber unterbezahlt. Dass sie sich für die Schwächeren einsetzt, bewahrt sie nicht davor, von ihren Klienten mit Vorwürfen überschüttet zu werden, weil sie ihnen nicht die Sterne vom Himmel holt: Die Outcasts der Gesellschaft mutieren bei Paretsky nicht zu unterdrückten Engeln auf Erden, sondern bleiben Menschen - überforderte, furchtsame, weil immer wieder betrogene Menschen, die lernen mussten scheinbarer ‚Hilfe‘ zu misstrauen, weil sich dahinter nur eine weitere Schliche verbirgt, sie arm und manipulierbar zu halten.

„Schiebung“ ist eine Tour de Force. Warshawski will helfen, aber man traut ihr nicht. Gleichzeitig stehen die (Einfluss-) Reichen über Gesetz und Moral. Sie können ihre perversen Triebe ausleben, weil sie längst Politik und Justiz bestimmen. Folgerichtig glaubt Paretsky nicht mehr an Gerechtigkeit per Gesetz: Im turbulenten Finale unterwirft sie den Zentral-Schurken einem Gottesurteil, statt ihn verhaften zu lassen, denn die Superreichen dieser Welt sind unantastbar. Man könnte meinen es frustriert, Vic Warshawski immer wieder gegen Wände prallen zu sehen. Doch Paretsky sorgt für Ausgleich. Mit Köpfchen und Mut ist es weiterhin möglich, den allzu saturiert von ihrer ‚Göttlichkeit‘ überzeugten Brutal-Kapitalisten ein Schnippchen zu schlagen. Dafür muss Warshawski manchen Hieb einstecken, doch auch dies gehört zum Alltag eines echten Detektivs.

Ausgleichend hat die Autorin den Alterungsprozess der Heldin, ihrer Mitstreiter und sogar ihrer Hunde eingefroren; Mr. Contreras, der den hundertsten Geburtstag bereits in Reichweite sehen dürfte, ist weiterhin in der Lage, frechen Lumpen einen Hieb mit der Wasserpumpenzange zu versetzen, um seinen „Cookie“ Vic zu retten. Paretsky steckt in einer Falle, die Autoren wirklich langlaufender Serien nur zu gut kennen. Sie umgeht die Realität vorsichtig, um ihr eingespieltes Figurenpersonal zu halten.

Fazit

Obwohl auch Band 19 der Vic-Warshawski-Serie wieder mehr als 500 Seiten zählt, gibt es keinerlei Handlungsstillstand. Ein mehrzügiger Plot wird spannend vorangetrieben und aufgelöst, wobei ‚altmodische‘ Werte wie Nächstenliebe oder Gerechtigkeit nicht gepredigt, sondern plausibel in die Geschichte integriert werden: ein rundum gelungener Thriller.

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