Tauchstation

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2002
  • 5
  • New York: Berkley, 2000, Titel: 'Abduction', Seiten: 404, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 475, Übersetzt: Bärbel Arnold
Tauchstation
Tauchstation
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Michael Drewniok
1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2003

Das Meer ist tief, die Story flach

Weit und tief ist der Atlantische Ozean dort, wo das Forschungsschiff "Benthic Explorer" die Wogen durchpflügt. Perry Bergman, der Eigner, ist gleichzeitig Gründer und Präsident der Firma "Benthic Marine", die sich einen guten Namen mit schwierigen Tiefsee-Bohrungen gemacht hat. Im Moment arbeitet man allerdings auf eigene Rechnung. Der quirlige Bergman verfolgt ein ehrgeiziges Projekt, das ihm - sollte es gelingen - die ungeteilte Aufmerksamkeit vieler neuer Kunden sichern wird: Dort, wo tief unter dem Meeresspiegel zwei Erdschollen aneinander reiben und den Gebirgskamm des Mittelatlantischen Rückens aufwerfen, plant er in einem Tafelberg eine Magmakammer anzubohren.

Die Stimmung an Bord ist gereizt, denn die Arbeit geht nicht recht voran. Man ist auf eine seltsame, harte Bodenschicht gestoßen, die einen Bohrkopf nach dem anderen zu Bruch gehen lässt. "Benthic Marine" droht das Geld auszugehen. Der Chef beschließt den Schwierigkeiten im wahrsten Sinn des Wortes auf den Grund zu gehen. Das U-Boot "Oceanus" unter dem Kommando von Donald Fuller taucht mit Bergman und der Ozeanografin und Geophysikerin Suzanne Newell hinab zur Bohrstelle. Derweil gehen die drei grenzdebilen Taucher Richard, Michael und Louis mit einer Taucherglocke in die Tiefe, um einen weiteren Bohrkopf auszutauschen.

Ein hohler Berg voll Nöcks & Nixen

Den Reisenden bietet sich ein überraschender Anblick: Auf dem Meeresgrund gähnt ein riesiger Schacht, der direkt in das Innere der Erde zu führen scheint. Allzu neugierig wagt sich die "Oceanus" dort hinein - und wird von einem unwiderstehlichen Sog in den Abgrund gerissen. Nicht besser ergeht es Michael und Richard, die ebenfalls auf das mysteriöse Loch im Meer gestoßen sind. Nach einer wahren Höllenfahrt finden sich unsere U-Boot-Fahrer zu ihrer Überraschung im Inneren des Unterwasser-Berges wieder, den sie eigentlich anbohren wollten: Er ist hohl und er ist mit atembarer Luft gefüllt! Auch die beiden Taucher sind her gelandet. Damit beginnen für unser Quintett aber erst die Überraschungen: Besagter Berg entpuppt sich als gewaltige Schleuse, die in ein märchenhaftes Reich tief im Inneren der Erde führt.

Dort lebt seit Jahrmillionen das Volk der Interterraner, deren Zivilisation die der Landbewohner weit übertrifft. Nicht nur die Tiefsee wurde von ihnen längst kolonisiert. Die Interterraner kennen sogar die interstellare Raumfahrt. Alter, Krankheit und Tod haben sie überlistet, sie führen ein Leben, das den benommenen Erdmenschen wie ein immer währendes Fest erscheint. Freilich haben die Interterraner eine Archillesferse: Sie fürchten die Gewalt der Erdlinge, deren Kontakt sie tunlichst meiden. Das ist eine wertvolle Information, als sich herausstellt, dass die freundlichen Unterwasser-Menschen ihre "Gäste" nicht mehr ziehen lassen wollen. Doch diese sind zur Flucht quasi gezwungen, bevor die Interterraner merken, dass Richard und Michael zwei der ihren bereits zu Tode gebracht haben, denn die Interterraner sind friedlich, aber ihre Klondiener sind es nicht ...

Mr. Cook säuft kläglich ab

"Oh, heiliger Sankt Benedikt! Schon wieder bin ich eingenickt!" Dieser schöne Spruch ziert - mit Inbrunst tief eingeschnitzt - die Hörsaal-Bänke vieler Universitäten. Er lässt sich auch im wahren Leben wunderbar zur Anwendung bringen. Zur Lektüre von "Tauchstation" kann tatsächlich nur denjenigen Zeitgenossen geraten werden, die von ernsten Schlafproblemen geplagt werden. Sie müssen allerdings auf unvermittelte Strudel akuten Blödsinns gefasst sein, die zumindest den denkenden Leser immer wieder schockhaft aus dem Dämmerzustand reißen.

Denn "Tauchstation" ist zweifellos einer der dümmsten Romane der letzten Jahre. Das will schon etwas heißen in einer Buchwelt, in der Action-Nulltalente wie James Rollins, Matthew Reilly oder Steve Alten mit viel Erfolg um den Thron des Königs der Blöden raufen. Robin Cook schlägt deren Peinlichkeiten mit "Tauchstation" freilich um Längen. Sein Werk ist eine Zumutung: ein unfreiwillig schräg einsetzendes, von Clive Cussler schlecht abgekupfertes Unterwasser-Abenteuer, das in einem Science Fiction-Szenario verendet, welches 1 : 1 aus den US-Pulp-Groschenheften der 1920er oder 30er Jahre übernommen wurde. Wie es üblich ist unter Mainstream-Autoren, die in fremden Genre-Gefilden wildern, ignoriert Cook die Regeln der Science Fiction. Stattdessen glaubt er, das Rad neu erfinden zu können. Dabei würde nicht einmal der schundigste SF-Schriftsteller es wagen, die mausetote Mär von Shangri-La unter dem Meer wieder zu beleben. Naiv, lächerlich und tödlich langweilig ist stattdessen die Welt der "Interterraner". (Schon der Name ist ein Hohn!) Doch Cook erwartet allen Ernstes, dass sein Publikum offenen Mundes über sein Spießbürger-Utopia staunt!

Ein Atlantis für Schießbudenfiguren

Die missglückte Kulisse wird indes noch weit in den Schatten gestellt durch die Pappkameraden, von der sie bevölkert wird. Cook hat hier Figuren von geradezu brüllender Dämlichkeit erschaffen, die einen lange darüber rätseln lassen, ob er hier wohl mit Absicht handelte. Schließlich nennt er im Abspann als eine Quelle seiner Inspiration Jules Vernes "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer". Ein naives Abenteuer wie dieser Klassiker könnte ihm also vorgeschwebt haben. Doch Verne war ein weitaus besserer Schriftsteller als ihm dies die Kritik lange zubilligen wollte - einen Robin Cook deklassiert er jedenfalls heute noch mit Leichtigkeit!

Es kann außerdem kaum in Cooks Absicht gelegen haben, eine Horde durchweg unsympathischer Hohlköpfe über sein kümmerliches Garn herfallen zu lassen. Damit sind nicht nur die matschbirnigen Taucher-Rüpel Michael und Richard gemeint, sondern auch ihre angeblich besonnenen Vorgesetzten. So tief unter dem Ozean fehlt es offenbar an Sauerstoff, so dass sich auch Geschäftsmagnaten, Kapitäne oder Wissenschaftlerinnen rasch in Idioten verwandeln. Auf die Interterraner trifft dies allemal zu; das verraten schon Alien-Namen wie "Arak" und "Sufa", die selbst hochgradig bescheuerte Atlantis-Jünger nicht mehr in den Mund nehmen, sofern sie es nicht darauf anlegen, tüchtig ausgelacht zu werden.

Finale voller (peinlicher) Überraschungen

Die Story von "Tauchstation" selbst ist konsistent in dem Sinn, dass sie von ihrem Anfang bis in ihr Finale völlig ohne Überraschungen auskommt. Eine gewisse Abweichung lässt sich höchstens auf den letzten Seiten feststellen: Hier meint Cook sein Werk mit einem Schlussgag zu krönen, der originell sein soll und es insofern auch ist, weil der Leser inzwischen wirklich dachte, dass es hirnrissiger nicht mehr kommen könnte. Weit gefehlt, und in diesem Schock geht immerhin gnädig unter, dass Cook die bei den Interterranern zurückgebliebene Dr. Suzanne irgendwie vergessen hat: Was aus ihr wird, als sich im Reich der Maulwurfmenschen die Aufregung wieder legt, erfahren wir mit keiner Silbe; nicht, dass uns dies mit besonderer Trauer erfüllt ...

Gutes Marketing ist alles

Gibt es eine Erklärung für dieses Desaster, das von der offenbar tüchtig geschmierten "Chicago Tribune" als "eine Aufsehen erregende Geschichte - provozierend, intelligent und absolut packend" gerühmt wurde? Robin Cook begann seine Schriftsteller-Karriere in den 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit Thrillern im Mullbinden-Milieu (er war selbst Arzt) - und zwar mit durchaus lesenswerten Werken: "Coma" (auch verfilmt, u. a. mit Michael Douglas) gehört dazu. In den folgenden Jahrzehnten ließ Cook so ziemlich jede denkbare und unerhörte Katastrophe über brave Mediziner und Forscher hereinbrechen. Spätestens in den 90er Jahren war diese Mine weitgehend ausgebeutet. Verzweifelt begann Cook zu experimentieren, wobei sich sein Wagemut mit seinem Talent die Waage hielt: auf recht niedrigem Niveau, was peinlich offenbar wird, wo er das vertraute Terrain verlässt. "Chromosome 6" (dt. "Chromosom 6", Blanvalet-TB Nr. 35220) war so ein Rohrkrepierer: ein recht dreister Versuch, auf den damals noch unter Volldampf stehenden Seuchen-Thriller-Zug aufzuspringen.

Mit "Tauchstation" löst sich Cook nunmehr völlig von seinen Anfängen - und erleidet prompt Schiffbruch. (Dieser Kalauer sei gestattet.) Zu den Mirakeln des modernen Buchmarkts gehört es, dass dies dem Verkaufserfolg dieses und weiterer Cook-Abenteuer keinerlei Abbruch tut und tun wird: "Robin Cook" ist längst ein Markenzeichen, unter dem sich jeder Murks vermarkten lässt - ein Mittelklasse-Thrillerist, der vielleicht keine Bestseller hervorbringt, dessen Zielpublikum sich aber wahrscheinlich sehr präzise quantitativ erfassen und manipulieren lässt. Das heißt aber nicht, dass man sich solchen Machenschaften beugen muss. Diese Besprechung mag hoffentlich ihren Teil dazu beitragen, den Teufelskreis zu durchbrechen, in den eine verschworene Zweckgemeinschaft aus allzu geschäftstüchtigen Verlegern und Gefälligkeits-Kritikern den gutgläubig zahlenden Leser zwingen möchte.

Tauchstation

Robin Cook, Goldmann

Tauchstation

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