Unschuld

  • Penguin
  • Erschienen: Oktober 2022
Unschuld
Unschuld
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Thomas Gisbertz
70°

Krimi-Couch Rezension vonNov 2022

Ein Kriminalroman ohne Überraschungen, aber mit einer großen Themenvielfalt

Die dreiundzwanzigjährige Molly Carver lebt zusammen mit ihrem Onkel Mick in einem kleinen Kellerappartement im New Yorker Stadtbezirk Queens. Überall an den Wänden und der Decke kleben Zeitungsartikel über ihren Vater. Seit Jahren sitzt dieser für den Mord an dem sechzehnjährigen Casper Rosendale im Gefängnis – nun soll das Urteil vollstreckt werden. Molly bleiben nur noch fünfunddreißig Tage, um die Unschuld ihres Vaters zu beweisen.

Auf der Suche nach Antworten kehrt Molly zurück in das Ostküstendorf ihrer Kindheit. Unter falschem Namen beginnt sie, als Hausmädchen für die Rosendales zu arbeiten, eine Familie, die einmal einflussreicher war als die Rockefellers. Schnell wird Molly klar, dass scheinbar jeder lügt und niemand unschuldig ist. Doch wer war damals wirklich der Täter?

Neuer Roman

Takis Würger, geboren 1985, berichtete als Journalist für das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ u. a. aus Afghanistan, Libyen und dem Irak. Mit seinen Reportagen gewann er zahlreiche Preise, darunter den Deutschen Reporterpreis und den CNN Journalist Award. Mit 28 Jahren ging er nach England, um an der Universität von Cambridge Ideengeschichte zu studieren. 2017 erschien sein Debütroman „Der Club“, der für den aspekte-Literaturpreis nominiert war und mit dem Debütpreis der lit.Cologne ausgezeichnet wurde. Nach „Stella“ (2019) und „Noah“ (2021), die zeitlich beide im Zweiten Weltkrieg spielen, hat Würger sich nun eines leichteren Themas angenommen. Für seinen aktuellen Roman „Unschuld“ recherchierte er mehrere Monate im Hudson Valley. 

Zwischen den Genres

Eins muss vorweg gesagt werden: Takis Würger ist ein phänomenaler Schriftsteller, dem es oft mit kurzen, ellipsenhaften Sätzen gelingt, ganze Welten entstehen zu lassen und einen Gefühlsorkan auszulösen. Man genießt als Leser dann jede Einzelheit, ja jeden noch so kurzen Nebensatz. Dies ist immer dann der Fall, wenn „Unschuld“ in seinem Schreibstil ein Roman ist. Dies gilt für den ersten Teil der Handlung und den Schluss. Hier zeigt Würger seine ganze Klasse, vor allem, wenn es um die enge Vater-Tochter-Beziehung geht. Dann entstehen wundervolle Passagen, wenn Molly zum Beispiel über den Verlust ihres geliebten Dads und den Moment, als ihr Leben zerbrach, nachdenkt:

„Manchmal glaubte Molly, wer so etwas erlebt hatte wie sie, der würde mit einem Teil von sich immer in der Vergangenheit bleiben, in der Zeit, als alles leicht gewesen war. Molly dachte, dass sie, seit sie vierzehn Jahre alt gewesen war, eigentlich nie wirklich in der Gegenwart gelebt hatte. Sie war nie ganz da. Manchmal war die Einsamkeit so groß, dass Molly sich fragte, wie sie weiteratmete.“

Zuviel des Guten

Aber der Roman schwächelt dann, wenn er zur Kriminalgeschichte wird, obwohl er durch häufige Ambivalenzen eine gewisse Binnenspannung erhält. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zunächst fragt man sich am Ende der Erzählung, was das eigentlich Hauptthema war, denn derer gibt es zahlreiche. Es geht unter anderen um die Welt der Megareichen, um Macht, Wohlstandsverwahrlosung, Medikamentenmissbrauch, Abhängigkeit, die US-amerikanische Waffenlobby, die Todesstrafe und um eine seltene Krankheit. Diese größtenteils allzu bekannten Themen mixt Würger ebenso durcheinander wie er die Genres wechselt. Hinzu kommt, dass die Erwartungen, die der Leser früh entwickelt, am Ende bestätigt werden. Der Roman ist frei von Überraschungen. Für eine Kriminalerzählung fatal. Hierfür ist die Storyline auch zu einfach gehalten. Dabei geht es Würger in erster Linie gar nicht um die Tat und das Verbrechen an sich, sondern die Beziehungen zwischen seinen Figuren. Diese gewinnen aber fast nie an Tiefe, sondern bleiben wie das Leben der Rosendales zu oberflächlich.

Die unfreiwillige Heldin

Was die Figurendarstellung betrifft, lässt nur die Hauptfigur wirkliche Nähe zu. Dabei taugt Molly Carver eigentlich nicht zu einer Heldin, muss aber eine werden, um ihren Vater zu retten. Den Mann, der seit frühester Kindheit und seit dem Verschwinden der Mutter ihr Zugang zur Welt war. Der Mann, der Probleme kleiner machte und ohne den sie nicht leben will. Seit Molly sprechen kann, stottert sie und nimmt deswegen missbräuchlich unentwegt ein Medikament gegen ihre Angststörungen und Panikattacken sowie ein starkes Schmerzmittel. Diese konsumiert sie abwechselnd, um sich einreden zu können, nicht vollkommen süchtig ist. In diesem Punkt ist Molly, die sich den Rosendales moralisch überlegen fühlt, den Mitgliedern der Familie aber sehr ähnlich. Gleichzeitig trägt sie die Ungewissheit mit sich herum, ob sie, wie ihr Vater, an einem Gendefekt und damit einer unheilbaren Krankheit leidet. Das Ergebnis eines Tests will sie nicht wissen. Molly ist eine Figur, die durch ihre Schwächen an Stärke gewinnt.

Wechselnder Schreibstil

Takis Würger ist in seinem aktuellen Roman zu sehr Journalist und zu wenig Schriftsteller. Es wirkt oft so, als ob er sämtliche Rechercheergebnisse unterbringen wolle. Schade, denn so kommt sein großes Schreibtalent zu wenig zur Geltung. Man spürt regelrecht, wann er sein Material zur Seite gelegt hat und in kleinen szenischen Episoden seine Figuren einfach begegnen lässt. Dann entsteht Nähe, gewinnt der Roman an Tiefe und berührt. Leider gibt es von diesen Momenten zu wenige.

Fazit

Takis Würger ist ein großer Romanschreiber. Die Mischung aus Familien-, Gesellschafts- und Kriminalroman will aber diesmal nicht so recht gelingen. Was bei seinem Debütroman „Der Club“ so exzellent gelang, sorgt diesmal dafür, dass es der Geschichte an Tiefe fehlt und sie der Wichtigkeit der behandelten Themen nicht gerecht werden kann.

Unschuld

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