Mord ist eine Wissenschaft

  • Droemer
  • Erschienen: Oktober 2022
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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2022

Wissen, wie man überzeugend mordet

Carla Valentine ist eine britische Forensik-Expertin, deren Wissen u. a. in der Rechtsmedizin gefragt war. Wurde dort eine Leiche eingeliefert, die unter nicht bekannten oder gar verdächtigen Umständen in diesen Zustand geraten war, alarmierte man sie und ihre Kollegen, die daraufhin den Körper von außen und innen unter die Lupe und sogar unter das Mikroskop nahmen: Nach mehr als einem Jahrhundert praktizierter Rechtsmedizin steht fest, dass faktisch jedes Verbrechen am Tatort oder an, auf und in einer Leiche Spuren hinterlässt, die man finden und auswerten kann. Auf diese Weise kommt man den meisten Verbrechern auf die Spur.

Gleichzeitig ist Valentine eine eifrige Leserin von Kriminalromanen, wobei sie berufsbedingt Agatha Christie besonders schätzt. Nach eigener Auskunft ist sie sogar für Valentines Berufswahl verantwortlich, denn Christie hat buchstäblich ihren jugendlichen Spürsinn geweckt und ihr jene Freude an der Lösung krimineller Rätsel vermittelt, die auch im Umfeld blutiger, verstümmelter oder verwesender Leichen blüht.

Mit „Mord ist eine Wissenschaft“ kombiniert Valentine Fachwissen und Hobby. Agatha Christie wird zur Führerin durch die Geschichte der Rechtsmedizin, die sie als Zeitzeugin begleitete. Christie war als Autorin überaus professionell. Ihr Ehrgeiz schloss die möglichst realistische Schilderung einer (Mord-) Ermittlung ein. Selbst hatte Christie eine Ausbildung als Apothekerin abgeschlossen, was ihr eine solide Basis verschaffte: In den vielen Jahrzehnten ihrer Schriftstellerlaufbahn setzte Christie immer wieder Gift als Mordinstrument ein, wobei sie die Mittel wechselte, aber stets darauf achtete, die durchweg grässlichen Folgen angemessen in Szene zu setzen.

Aller Anfang ist schwer

Heutzutage ist es einfach, sich in einen Ermittler einzufühlen. Unzählige Bücher, Dokumentationen, Filme und TV-Serien ließen und lassen sich von einer Rechtsmedizin inspirieren, der inzwischen scheinbar atomwinzige Fragmente genügen, um jeden noch so genialen Schurken zu entlarven. Dass es so wie in diversen „CSI“-Serien auf die Spitze getrieben doch nicht funktioniert, ist ein Faktum, das Valentine immer wieder zur Sprache bringt, berichtigt und durch einschlägige Fallgeschichten belegt.

Doch im Mittelpunkt steht eine Reise in die Vergangenheit einer speziellen Wissenschaft, in der sich unterschiedliche Forschungszweige zusammenfinden mussten. Valentine blendet in die Zeit vor Christies Geburt (1890) zurück, als ‚Polizeiarbeit‘ primär darin bestand, Tatverdächtige zu finden und einzusperren. Auf Spuren wurde wenig geachtet; sie hätten vor Gericht ohnehin nur die Geschworenen verwirrt oder den Richter verärgert. So landeten zahllose Pechvögel im Gefängnis oder baumelten am Galgen.

Erst der allgemeine Aufschwung von Wissenschaft und Technik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgte für den überfälligen Fortschritt. Gleichzeitig änderte sich die Strafverfolgung: Nunmehr wollte man einen Fall tatsächlich klären! Möglichst objektiv galt es sich einem Tatort zu nähern. Nach und nach - und begleitet von Rückschlägen und Irrtümern - kristallisierten sich die Arbeitsfelder heraus, die heute dazu führen, dass an Mordschauplätzen die untersuchenden Spezialisten beinahe so zahlreich sind wie die Schmeißfliegen.

Es findet zusammen, was heute zusammengehört

Valentine dröselt die Ermittlungsschritte an einem Tatort auf und erläutert sie, wobei sie der Chronologie der Analyse folgt. Sie beginnt mit den Fingerabdrücken, deren Unverwechselbarkeit zum idealen Identifikationsmerkmal wird, wechselt zu den klassischen Materialspuren, die einen Tatort förmlich tränken, und schwenkt über zur „forensischen Ballistik“, womit der Nachweis eingesetzter Schusswaffen gemeint ist.

Kurz wird es ‚trocken‘, wenn Valentine auf die Möglichkeiten der Deutung von „Dokumenten und Handschriften“ eingeht. Die Kapitel „Abdrücke, Waffen und Wunden“ und „Blutspurenmusteranalyse“ lassen an Drastik nichts zu wünschen übrigen, was sich in den Kapiteln „Autopsie“ und „Forensische Toxikologie“ auch deshalb spektakulär steigert, weil die Autorin nicht nur intensive Untersuchungsmethoden erläutert, sondern auch auf historische Kriminalfälle hinweist, die der einen oder anderen Technik zum Durchbruch verhalfen.

Dabei bringt Valentine immer wieder Agatha Christie ins Spiel. Diese war nie begeistert von allzu brutalen Verbrechen, scheute aber nicht davor zurück, im Dienst des Publikums ihre einschlägigen Kenntnisse zu erweitern. Valentine weist nach, wie die noch junge und unerfahrene Christie sich irrte, aber ihr Wissen um kriminalistische Praktiken stetig erweiterte. Der ‚reifen‘ und ihres Könnens sicheren Autorin war es ein Vergnügen jene zu widerlegen, die ihr diesbezügliche Fehler nachzuweisen glaubten. Tatsächlich hielt sich Christie auf dem Laufenden und verfeinerte ihr Werk, indem sie notfalls = im Namen der Spannung mit den Fakten spielte. Vor allem Hercule Poirot und Miss Marple profitierten von dieser Emanzipation: Zur Kriminalistik - der strikt auf Indizien basierenden Ermittlung - kam die Kriminologie, die der Psyche nicht nur des Täters, sondern auch des Verdächtigen mehr und mehr Raum gab.

Wissen ist Macht - und flexibel einsetzbar

Agatha Christie hielt sich ein halbes Jahrhundert als Schriftstellerin in den Bestsellerlisten. Die Zahl ihrer noch heute lesenswerten Bücher ist bemerkenswert hoch. Das kommt nicht von ungefähr. Christie beherrschte ihr Handwerk. In ihrer besten Zeit war sie so souverän, dass sie sich die Wissenschaft unterwarf. Poirot oder Miss Marple waren manchmal Kriminalisten, manchmal Kriminologen. Christie entschied dies zugunsten der jeweils erzählten Geschichte und scherte sich wenig um daraus resultierende Inkonsequenzen.

Mit vielen Beispielen und Zitaten legt Valentine Christies Arbeitsweise offen. Dabei konzentriert sie sich auf die forensische Seite der Ermittlungen, schaut aber immer wieder über den Tellerrand hinaus. Valentine beschränkt sich zudem nicht auf Agatha Christie. Diese war Mitglied des 1928 gegründeten „Detection Club“, zu dem viele klassische Krimi-Autoren gehörten. Valentine wirft deshalb einen Blick auf Christies ‚Kolleginnen‘ und ‚Kollegen‘ und das Krimi-Genre an sich, denn die spätere „Queen of Crime“ existierte nicht in einem quasi luftleeren Raum, sondern diskutierte ihr Werk mit anderen Autoren.

Im Spagat zwischen dem Mord als Wissenschaft bzw. Unterhaltung à la Christie ist Carla Valentine erstaunlich standfest. Sie profitiert davon, dass sie inzwischen nicht mehr am Seziertisch steht, sondern in einem Medizin-Museum arbeitet, wo sie ihr Wissen über die historische Rechtsmedizin erweitern konnte. „Mord ist eine Wissenschaft informiert gelungen darüber, wie Fakten zur Quelle unterhaltsamer Fiktion werden können.

Fazit

Die Darstellung der Entwicklung der modernen Rechtsmedizin wird verschränkt mit dem Werk der Krimi-Autorin Agatha Christie, die sich in der Materie gut auskannte; wieso dies so war und auf welche Weise Christie ihr Wissen literarisch einsetzte, stellt Forensikerin Carla Valentine sachkundig und allgemeinverständlich dar.

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