Inspektor Queen greift ein

  • Scherz
  • Erschienen: Januar 1973
Inspektor Queen greift ein
Inspektor Queen greift ein
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2022

Der alte Mann auf Mörderjagd am Meer

Nun hat es ihn doch erwischt: Inspektor Richard Queen musste nach Erreichen des Pensionsalters seinen Schreibtisch räumen. Die Polizeiarbeit war sein Leben, mit dem er nun nichts Rechtes anzufangen weiß. Zu allem Überfluss ist er allein, denn Sohn Ellery, der berühmte Schriftsteller und Detektiv, hat sich auf eine ausgedehnte Europareise begeben. Ein ehemaliger Kollege konnte ihn aus der Stadt New York an die Atlantikküste locken, wo der Rentner meist trübsinnig aufs Meer hinausblickt.

Queens Elend hat ein Ende, als sich ganz in der Nähe ein Mord ereignet! Vor der Küste liegt eine Insel, auf der ausschließlich Millionäre hausen. Zu ihnen gehört das Ehepaar Humphrey, das gerade einen Säugling adoptiert hat. Doch Michael erstickt in seinem Bettchen - ein Unfall, wie es offiziell scheint, bis Säuglingsschwester Jessie Sherwood behauptet, den Abdruck einer Hand auf jenem Kissenbezug gesehen zu haben, unter dem das Kind gestorben ist. Doch der Bezug ist verschwunden. Nur Richard Queen, der seinen Freund, den Polizeichef, begleiten durfte, glaubt ihr.

Da die Indizien für eine offizielle Mordermittlung nicht ausreichen, übernimmt Queen den Fall. Bei seinen Ermittlungen begleitet ihn meist Schwester Jessie, aber bald greift der alte Polizist auf ebenfalls pensionierte und gelangweilte Ex-Kollegen aus New York zurück: Dort sucht Queen nach Spuren und konzentriert sich auf die Adoption des Babys, bei der es nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Offenbar hat Humphrey das Kind einer unverheiratet schwanger gewordenen Frau ‚abgekauft‘. Ein zwielichtiger Anwalt sorgte für die notwendigen Papiere.

Wer war Michael, dass er mörderischen Zorn auf sich ziehen konnte? Der Mörder ist weiterhin aufmerksam; so stirbt der genannte Anwalt, bevor Queen ihn nach den Eltern befragen kann. Er bleibt nicht das letzte Opfer, das dieser Fall fordern wird. Wie alle an diesem Fall Beteiligten gerät auch Jessie in Lebensgefahr. Der herausgeforderte Gegner bekommt schließlich einen Namen und ein Gesicht, aber er erweist sich als schlauer Zeitgenosse, der eiskalt Macht, Verbindungen und Vermögen einsetzt …

Sohn und Vater als Ermittlerteam

Seit 1928 ließen die Vettern Frederic Dannay (alias Daniel Nathan, 1905-1982) und Manfred Bennington Lee (alias Manford Lepofsky, 1905-1971) den Kriminalschriftsteller und Privatdetektiv Ellery Queen ermitteln. Im Gegensatz zu anderen Serienfiguren trug das Autorenduo - das seine Romane und Kurzgeschichten unter dem Namen ihres Helden veröffentlichte - dafür Sorge, dass Ellery Queen sich im Lauf der Zeit veränderte und den Anschluss an den Publikumsgeschmack halten konnte. Dies gelang, führte aber zur Aufweichung einer lange plot-orientierten Handlungsführung, die mit seifenoperlichen Liebeständeleien versetzt wurde.

Damit sollten Leserinnen gelockt werden, und weil die Rechnung zunächst aufging, blieben die sehr routiniert schreibenden Autoren auf dem eingeschlagenen Weg. Heute sind es diese Queen-Romane, die am stärksten an Unterhaltungswert eingebüßt haben, weil sich die „Etepetete-Erotik“ der 1940er und 1950er Jahre überlebt hat und lächerlich wirkt.

Dies gilt es zu berücksichtigen bzw. zu akzeptieren, wenn man zum hier vorgestellten Roman greift. Richard Queen war stets an der Seite seines Sohnes Ellery, wenn dieser einen Fall löste. Der Senior stärkte dem Sohn den Rücken und sorgte für Polizei-Unterstützung, auch wenn Ellery wieder einmal eine ‚unmögliche‘ Theorie verfolgte und ohne den Vater auf offizielle Hilfe hätte verzichten müssen. Richard Queen vertrat außerdem die Leser, indem er stellvertretend Fragen nach dem Ursprung der genialen Einfälle stellte, die den Sohn wider eingefahrene Dienstregeln oder allzu offensichtliche ‚Beweise‘ agieren ließen.

„Spin-off“ einer Erfolgsserie

Der alte Queen gab sich gern bärbeißig und grob, was die filigrane Detektivarbeit des Sohnes konterkarierte. Besondere Charaktertiefe zeigte er selten, er blieb eine Nebenfigur, die durchaus über viele Kapitel oder gar gänzlich aus der Handlung verschwinden konnte. Dennoch war Richard Queen offenbar beliebt genug, um ihn ein ellery-freies Abenteuer erleben zu lassen.

1956 schufen Dannay & Lee „Inspector Queen's Own Case“. Sie schraubten dafür ordentlich am Profil des Inspektors, das ihn in der bisherigen Oberflächlichkeit nicht als Hauptfigur durch eine eigenständige Geschichte hätte tragen können. Richard Queen musste seine Eindimensionalität ablegen. Dafür trennten ihn Dannay & Lee erst einmal vom Sohn, der sich in Europa aufhält und persönlich nicht in Erscheinung tritt. Als weiterer Bruch mit der bekannten Vorgeschichte erfolgte Queen Seniors Pensionierung. Bei dieser Gelegenheit wurde erstmal sein Alter thematisiert, das in den Queen-Romanen oft erwähnt wurde, aber nicht wirklich eine Rolle spielte. Wie wir nunmehr erfahren, ist Richard Queen 63 Jahre ‚alt‘ - eine Information, die - doch dazu später - eine wichtige Rolle für die Nebenhandlung spielt.

Erst einmal lernen wir Queen Senior kennen, als er sich wie ein Fisch auf dem trockenen Land fühlt, weil er keine Verbrecher mehr jagen kann, obwohl er sich zumindest dafür keineswegs zu alt fühlt. Nun bleibt ihm mehr als genug Zeit, über die unbarmherzige Macht der Zeit zu sinnieren; wenn man Queen-Experten Glauben schenkt, war es Manfred Lee, der eigene Probleme auf Richard Queen projizierte.

Die Suche nach einem neuen Lebenssinn

Wie so viele Ex-Polizisten ist Queen süchtig nach der Jagd. Natürlich spricht er viel von Gerechtigkeit, aber dies wirkt fadenscheinig, wenn man beobachtet, wie er sich in den an sich gerissenen Fall verbeißt. Der einst so vorschriftentreue Queen lernt schnell seine hehren Ideale der Realität anzupassen. Die als ‚Andenken‘ aufbewahrte Dienstmarke setzt er schnell und ohne Gewissensbisse ein, um Verdächtige und Zeugen zum Reden zu bringen. Polizeikollegen werden belogen, was sich Queen als „Dienst an der guten Sache“ schönredet. Auch sonst legt er das Gesetz großzügig aus; womöglich erinnert er sich an seinen Sohn, der die ihm fehlende Amtsgewalt ähnlich einfallsreich auszugleichen pflegt.

Der Plot weist nicht die Raffinesse früherer Queen-Abenteuer auf, und die Identität des Gegners wird verhältnismäßig früh gelüftet. Dies ist jedoch Absicht, denn ein Element der Spannung ist die Konfrontation des nun faktisch machtlosen, weil pensionierten Polizisten mit einem mächtigen, reichen Mann, der über alle Mittel verfügt, seinen Jäger in die Schranken zu weisen. Queen Senior muss sich mit der Situation arrangieren. Die Aktivierung ehemaliger Kollegen ist kein brillanter Einfall, doch es funktioniert, zumal Dannay & Lee im Rahmen des Plausiblen bleiben, wenn sie die Aktivitäten dieser ‚Rentner-Gang‘ beschreiben.

Einige Kapitel werden aus Sicht der Krankenschwester Sherwood erzählt. Hier beginnt die Sekundärhandlung jenseits des Krimis, denn Dannay & Lee lassen eine Liebesgeschichte aufkeimen. Sie verliert ihr Herz an ihn, den drei Jahrzehnte Witwerschaft leider recht empfangstaub auf ihre Signale reagieren lassen. Das daraus resultierende Tête-à-Tête wuchert pilzartig in den Krimi hinein, in den es sich nie integriert, sondern immer Fremdkörper bleibt. Der endlose Reigen, den das ihre Liebe krampfhaft leugnende Paar aufführt, bremst die Handlung und sorgt für einen Unterton, der nicht zu einem Fall von Kinds- und Serienmord passt.

Fazit

Nicht Sohn Ellery, sondern Vater Richard Queen löst einen komplizierten Kriminalfall. Die Handlungsführung ist darauf abgestimmt, ohne aus dem Tausch der Hauptfiguren Funken schlagen zu können. Der Fall ist solide, weist die verfassertypischen Wendungen sowie eine finale Überraschung auf, leidet aber unter einer dem Geschehen allzu aufgesetzten Liebesgeschichte.

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