Die Knochenleser

  • Suhrkamp
  • Erschienen: April 2022
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Sabine Bongenberg
85°

Krimi-Couch Rezension vonOkt 2022

Der Weg ist das Ziel

Für viele von uns sind die Antillen sicherlich ein Traumziel. Wer aber dort geboren wurde, der sieht die Inseln möglicherweise etwas differenzierter. Dazu gehört auch Michael Digson alias „Digger“. Nach dem Tod seiner Mutter schlägt er sich irgendwie durch und steht oft eine Handbreit vor dem Hungertod. Dennoch: Digger ist ein aufmerksamer Beobachter und so zieht er eines Tages die Aufmerksamkeit des Detective Superintendent Chillmann – dem Leiter der Polizeiwache – auf sich, als er bei der Aufklärung eines Verbrechens helfen kann. Damit beginnt Diggers Karriere, die ihn einerseits zur Polizei und andererseits zu einer Ausbildung als Forensiker führt. Aber trotzdem ist das kein Weg, der ihn jetzt auf Rosen bettet. Auf den Antillen spielt die Macho-Gesellschaft noch immer eine große Rolle, Frauen haben nicht viel zu melden und Übergriffe und Missbräuche liegen an der Tagesordnung. Der junge Polizist gerät in die Mühle zwischen politischen Forderungen, kulturellen Gegebenheiten und moralischen Ansprüchen, die an ihn gerichtet werden. Dazu kommen auch noch die Belastungen und das menschliche Leid aus Fällen, die ihn persönlich betreffen und unter seine Haut gehen. Ihm wird viel abverlangt und es bleibt die Frage, ob die Polizei tatsächlich seine berufliche Zukunft bleiben wird. Oder ob er nicht sogar mehr als nur einen Job verlieren wird.

„Töten hinterlässt ‘n Fleck, den man nicht abwaschen kann.“

Jacob Ross wurde 1956 in Grenada geboren und nimmt die Leser mit auf eine Reise zu den Antillen. Seine Helden leben auf der fiktiven Karibikinsel Camaho und manchmal wünschte ich mir beim Lesen auch, dass die dortigen Lebensverhältnisse fiktiv sind. Aber ich fürchte – das sind sie nicht. Wer hier ein echter Kerl ist, der hat nicht nur eine Frau, die fürsorglich als sein persönlicher Besitz gehütet wird sondern auch noch diverse Freundinnen und Liebschaften. Minderjährige Mädchen werden sorgfältig aus Sexobjekte herangezogen und – wenn sie ein Alter erreicht haben, das den Männern als geeignet erscheint – missbraucht, vergewaltigt oder schlicht und ergreifend gefügig gemacht. In der dortigen Männergesellschaft ist das auch nicht verwerflich. Im Licht der Öffentlichkeit mag es verurteilt werden, hinter der Hand aber gilt derjenige, der viele „Freundinnen“ hat, als ein toller Kerl.

In diesem Milieu nehmen Michael Digson und seine Kollegen die Ermittlungen zu verschiedenen ungeklärten Mordfällen auf. Da ist der Fall des verschwundenen Nathan, der vielleicht auch nur zu einer anderen Insel abgewandet ist – obwohl seine Mutter beschwört, dass das nicht sein kann. Da ist Digsons Mutter, die von einer Demonstration nicht zurück kam, da ist der Fall eines Religionsführers, der bei einer Taufe ermordet wurde und der offensichtlich auch kein unbeschriebenes Blatt war. Ross lässt mit seiner Sprache und mit gut beobachteten Szenen aus dem Alltag der Antillenbewohner ein lebendiges, manchmal berührendes und oft erschreckendes Bild entstehen.

„Mein Ausbilder sagte, dass uns das irgendwann in Fleisch und Blut übergehen würde. Ein Verbrechen aufklären, würde eine Aufgabe sein wie jede andere, wie wenn ein Elektriker einen Kabelbruch feststellt und alles daransetzt, ihn zu reparieren.“

Probleme hatte ich ehrlich gesagt mit dem Thema des Krimis. Hier ist für meinen Geschmack einiges einfach verworren, unklar und für meinen Geschmack unscharf dargestellt. Ich verstand einige Beziehungen zwischen den Akteuren nicht, oder konnte nicht nachvollziehen, ob sie nun rein dienstlich, doch kollegial oder sogar in einer Liebesbeziehung zueinanderstanden. Auch fiel es mir schwer, einigen Strängen des Krimis zu folgen und einige Charaktere sind für meinen Geschmack zu stark überzeichnet: Da ist Digsons Förderer Chilman, der sein Talent erkennt und ihn überhaupt zur Polizei bringt. Oft ist er ein unverwüstliches Raubein, immer wieder aber auch ein ständig betrunkener eigenartiger Charakter, der dennoch die örtliche Polizei, selbst nach seiner Pensionierung und immer noch betrunken, wie von Zauberhand zu steuern vermag. Nicht so recht schlau wurde ich auch aus Miss Stanislaus, die der Polizei als weitere Ermittlerin regelrecht aufs Auge gedrückt wird und über die der Leser erst nach und nach Informationen erhält, die vieles – aber sicher nicht alles – erklären.

Dennoch kam ich nicht an einer recht hohen Bewertung vorbei, weil der gesellschaftliche Roman einfach zu gut ist. Meiner Meinung nach tritt der Kriminalroman vor dem eigentlichen Roman zurück und das mag den reinen Krimileser enttäuschen. Dennoch war ich von der Stimmung dieses Romans, seiner Sprache und seinem Rhythmus einfach begeistert. Hier sind weniger die Auflösung der Verbrechen das Ziel des Romans sondern der Weg, der zu der Auflösung führt.

Fazit

Jacob Ross zeigt die Licht- und erheblichen Schattenseiten eines landschaftlichen Paradieses, dessen Bewohner aber zu oft - und sicher als Opfer der Umstände - der Schlange die Türe öffnen. Der Autor klagt nicht an, er zeigt, wie die Lebensumstände sind. Er zeigt aber auch, wie seine neuen Detektive versuchen, Ordnung und vor allem Gerechtigkeit in eine Gesellschaft zu bringen, in der wir als Europäer sicher einiges – oder vielleicht sogar vieles -  nicht verstehen.

Die Knochenleser

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