Stille blutet

  • Knaur
  • Erschienen: September 2022
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Thomas Gisbertz
75°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2022

Gelungener Start um neues Wiener Ermittlerteam

„Ein trauriges Ereignis droht demnächst die Medienlandschaft zu erschüttern. Eines der hoffnungsvollsten Talente der heimischen TV-Szene wird in Kürze tot aufgefunden werden. Ein Verbrechen wird man nicht ausschließen können. Bei dem Opfer handelt es sich um die siebenundzwanzigjährige Nadine Just.“

Erst im Anschluss an ihre Worte wird der aufstrebenden Wiener Nachrichtensprecherin wirklich bewusst, was sie in der Live-Sendung „Newsflash“ vom Teleprompter vorgelesen hat. Vor laufender Kamera kündigt die junge Frau gerade ihren eigenen Tod an. Und tatsächlich: Noch am selben Abend findet man Nadine Just ermordet in ihrer Garderobe. Ebenso ergeht es dem Journalisten Gunther Marzik nach einer ähnlich lautenden Ankündigung, die auf seinem Blog zu lesen ist. Während die österreichische Medienwelt kopfsteht, trendet der Hashtag #inkürzetot; Nachahmerbeiträge und Memes fluten das Netz. Wie soll die junge Ermittlerin Fina Plank im fünfköpfigen Team der Wiener „Mordgruppe“ zwischen einer echten Spur, einem schlechten Scherz oder schlichtem Fake unterscheiden? Schließlich rückt Nadines Ex-Freund Tibor Glaser ins Zentrum von Finas Ermittlungen, ein aalglatter Werbefachmann und Weiberheld, der verzweifelt seine Unschuld beteuert. Gleichzeitig geschieht ein weiterer Mord.

Österreichische Bestsellerautorin

Autorin Ursula Poznanski lebt mit ihrer Familie in Wien. Die ehemalige Medizinjournalistin ist eine der erfolgreichsten Autorinnen deutscher Sprache: Mit ihren Jugendbüchern steht sie Jahr für Jahr ganz oben auf den Bestsellerlisten. Ihr Roman „Erebos“ erhielt 2011 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Darüber hinaus schreibt Poznanski auch Krimis und Thriller (u.a. gemeinsam zusammen mit Arno Strobel). Zuletzt erschien im Knaur-Verlag ihre bekannte „Vanitas“-Trilogie.

Nun sorgt die Wienerin mit dem Auftakt ihrer neuen Thrillerreihe für Spannung. Eine bizarre Mordserie versetzt die Donau-Metropole in Angst und Schrecken. Die „Mordgruppe“ des LKA bekommt es aber nicht nur mit einem perfiden Mörder zu tun, sondern auch mit einem geheimnisvollen Unbekannten, der im Hintergrund sein ganz eigenes Spiel zu treiben scheint.

Neues Teammitglied

Poznanskis Roman beginnt mit einer cleveren Idee. Eine junge, aufstrebenden Journalistin kündigt live im TV ihren Tod an und wird keine zwei Stunden später ermordet aufgefunden. Kein Wunder, dass schon bald in den Sozialen Medien die Hölle los ist. Immer mehr Ankündigungen ähnlicher Art fluten regelrecht die Medien und das Internet. Für das Ermittlerteam des Wiener LKA wird es zunehmend schwieriger festzustellen, welcher der Postings und Beiträge tatsächlich ernst zu nehmen sind. Kein einfacher Fall also für die neue Bezirksinspektorin Serafina Plank und ihren Kollegen Oliver Homberg - zumal beide doch noch stark miteinander fremdeln. In seiner süffisanten, provozierenden und oft überheblichen Art lässt Homberg keine Möglichkeit aus, der neuen Kollegin zu zeigen, dass sie unerwünscht ist. Dieser bleibt nichts anderes übrig, als mit guter Polizeiarbeit allen im Team zu beweisen, dass sie ihre neue Stelle verdient hat.

Insgesamt wird man mit der Wiener „Mordgruppe“ als Leser aber noch nicht richtig warm. Dies mag daran liegen, dass die Zusammensetzung des Teams und der dargestellte Konflikt zwischen den Kollegen allzu bekannt, fast schon klischeehaft ist. Wirklich sympathisch beim Ermittlungsdienst erscheint hier nur Ahmed Kayali, Finas Lieblingskollege.

Auch wirkt die Geschichte trotz aller Aktualität und Brisanz thematisch etwas überladen, sodass die anfängliche Dynamik und Spannung zwischendurch immer wieder verloren geht. Dies mag auch an der doppelten Ermittlungsarbeit liegen, da sich sowohl die Mordgruppe auf die Spur des Täters macht wie auch der verdächtige Ex-Freund Glaser - zum Teil sogar am selben Ort.

Stimme aus dem Off

Der besondere Clou des Romans ist ohne Zweifel die zweite Erzählebene, die Ursula Poznanski einbaut. In einigen Kapiteln wendet sich eine unbekannte, mysteriöse Erzählerfigur, die selbst Teil der Handlung zu sein scheint, ohne dabei sichtbar aufzutreten, an den Leser. Diese geheimnisvolle Stimme aus dem Off scheint ihren ganz eigenen Plan zu verfolgen und nimmt aktiv Einfluss auf die Geschehnisse. Es bleibt aber im Unklaren, was genau ihre Absichten sind. Vielleicht erfährt man in den nächsten Bänden der Reihe mehr über die unbekannte Stimme. Die Kapitel, in denen sie sich meldet, nehmen ebenso Bezug zum bekannten Gedicht „An die Verstummten“ von Georg Trakl wie der Titel des Romans „Stille blutet“. Kaum ein expressionistischer Autor hat die Stadt so gehasst wie der gebürtige Salzburger, der diese als Ort der Verödung und Zersetzung ansah und dies mit dem für ihn typischen dunklen Bildern des Abends, des Sterbens und des Todes verdeutlichte - vielleicht ein erster Hinweis auf die mysteriöse Erzählerfigur.

Fazit

Ein insgesamt gelungener Auftakt der neuen Reihe um die Wiener LKA-Gruppe. Das Team der jungen Ermittlerin Fina Plank bietet genügend Potential für eine spannende Reihe, welches aber beim aktuellen Roman noch nicht ganz genutzt wird. Durch den Einbau der zweiten Erzählebene gelingt es Ursula Poznanski aber, zusätzlich für Nervenkitzel zu sorgen.

Stille blutet

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