Der Gastgeber

  • Ullstein
  • Erschienen: Juni 2022
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Sabine Bongenberg
75°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2022

Die Suche nach der Herkunft – vieles spannend, aber nicht alles

Nika hat es gerade noch so geschafft, abzuhauen. Die beiden Männer, die sie bedrohten, die sahen nicht so aus, als würden sie sich wieder beruhigen und so hat sie ihre paar Sachen geschnappt und ist gelaufen. Jetzt macht sie das, was sie am besten kann: Untertauchen in der Anonymität des Airbnb. Keiner stellt groß Fragen, solange sie zahlt, keiner merkt sich groß ihr Gesicht, solange sie schön unauffällig unter dem Radar bleibt. Eines hat Nika aber vergessen: Wer in der Anonymität des Airbnb verschwindet – den vermisst auch keiner so bald.

Zwei unterschiedliche Welten – unterschiedlich erzählt

Arne Garrit stellt in seinem Roman „Der Gastgeber“ zwei spröde Heldinnen vor. Die eine ist die Ich-Erzählerin Nika, die – seitdem sie damals aus dem Kinderheim abgehauen ist – ihr Leben immer weiter auf der Flucht verbracht hat. Die andere ist die Polizeibeamtin Rita Benesch, über die in der dritten Person berichtet wird. An Flucht hat sie niemals gedacht und dabei gab es vieles, vor dem sie hätte flüchten können – und vielleicht hätte flüchten müssen. Da war der dominante Vater, der nicht zuließ, dass sie ihr eigenes Leben führte, die Kollegen, die sie nicht ernst nehmen, der Vorgesetzte, der sie belächelt. Beide Frauen wollen nicht so recht zueinander passen und doch beginnen ihre Leben sich miteinander zu verstricken. Das passiert spätestens als Nika in ihrem Airbnb auf ein verstecktes Zimmer stößt, das viele Fragen aufwirft. Die hier aufgehängten Fotos scheinen nämlich nicht nur zur reinen Dekoration zu dienen. Sie zeigen Frauen, die zu schlafen scheinen. Naja, wenn man genauer hinsieht, dann könnten sie auch tot sein.

Garrit hat mit dieser Idee ein spannendes Grundthema aufgegriffen. Dennoch passt in seinem Roman für meinen Geschmack einiges nicht zusammen, anderes wurde mit Gewalt passend gemacht, damit die Geschichte dann letztendlich aufgeht. Mich störte allein schon zu Beginn die Charakterisierung der Nika, die sich nirgendwo richtig bindet, schnell davonläuft und mit ganz wenig auskommen kann und scheinbar auch manchmal muss. Wer aber so eine Heldin erschafft, der sollte auch bedenken, dass bei einem solchen Leben das Geld knapp ist und gut gewirtschaftet werden muss. Wer so lebt, der kann sich nicht ständig einen Latte machiato gönnen, im schönen Café ein feudales Frühstück genießen oder mal eben die Flasche Champagner beim Tinder-Lover vergessen. Sicher – das mögen Kleinigkeiten sein, aber mich störten sie. Ich stieß mich auch an einigen Umständen zu dem versteckten Zimmer, denn auch da kam mir einiges sehr unrealistisch vor. Noch unglaubwürdiger war für mich die Person der Polizeibeamtin Benesch. Offensichtlich hatte diese genügend Kapazitäten um Nika hinterher zu ermitteln – wobei sich mir ehrlich gesagt das ursprüngliche Delikt nicht so recht erschloss – und folgte ihr mit einer Hartnäckigkeit, die vermutlich ansonsten nur bei einem guten, englischen Bluthund zu beobachten ist. Aber warum tat sie das? Ist der Polizei so langweilig, dass sie gelegentlich einfach mal immer weiter ermittelt, denn „für irgendwas ist es ja dann doch bestimmt mal gut?“ Zwar gab es für dieses Verhalten Erklärungsversuche des Autors, aber die überzeugten mich nicht.

Spannend – aber es bleiben Fragen

Sieht man von diesen Stolpersteinen ab, hat Garrit grundsätzlich einen spannenden Krimi geschaffen und auch wenn bei mir im Hinblick auf die Motive seines Bösewichts und auf die Umsetzung seiner Taten diverse Fragen aufploppten, so ist das Gesamtwerkt in jedem Fall spannend und unterhaltsam. Zumindest solange man diese lästigen Fragen der Logik außer Acht lässt. Schade ist an der ganzen Sache nur, dass Arne Garrit mit seiner Grundidee noch einen wesentlich dichteren Krimi hätte verfassen können und meiner Meinung nach wesentlich mehr „drin“ gewesen wäre.

Fazit

Die Anonymität des Airbnb und wie man darin untertauchen und sich verstecken kann – das ist eine spannende Idee. Aber ein sorgfältig inszenierter Thriller, der braucht auch gut aufgebaute, glaubhafte Personen und dann ist er tatsächlich atemberaubend.

Der Gastgeber

, Ullstein

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