Ein einsamer Ort

  • Atrium
  • Erschienen: August 2022
  • 2
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Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Der Mörder und sein Freund, der Polizist

Während des Zweiten Weltkriegs hat Dickson „Dix“ Steele als Pilot für die USA gekämpft. Er liebte das Fliegen - und die Jagd auf den Feind. Als Zivilist weiß er mit seinem Leben nichts anzufangen. Ihm fehlt die Spannung, für einen ‚normalen‘ Beruf ist er ungeeignet.

Unstet zieht er durch die USA; seit einigen Monaten bewohnt er in Los Angeles die Wohnung eines Bekannten, der für ein Jahr nach Südamerika gegangen ist. Dix gefällt es in L. A., denn hier kann er seiner Passion nachgehen: Er verfolgt, vergewaltigt und erwürgt Frauen. Zwar beschränkt er sich auf ein Opfer pro Monat, doch da er bereits sechsmal zugeschlagen hat, sind Polizei, Medien und Öffentlichkeit aufmerksam geworden.

Dix fühlt sich sicher, denn er plant seine Attacken wie einen Kampfeinsatz und hinterlässt an den Tatorten nie konkrete Indizien. Zudem spielt ihm das Schicksal eine Gunstkarte zu: Dix nimmt den Kontakt zu einem alten Freund und Fliegerkameraden auf, der sich in Los Angeles niedergelassen hat. Erst ist er erschrocken, als er erfährt, dass Brub Nicolai inzwischen als Ermittler für das L. A. Police Department arbeitet. Dann erkennt er seine Chance und lässt sich vom Freund über den Stand der Fahndung in Kenntnis setzen.

Doch ist Brub tatsächlich so ahnungslos, wie er sich gibt? Allmählich erwacht in Dix der Verdacht, dass der ‚Freund‘ ihn mehr und mehr wie einen Verdächtigen behandelt. Ebenfalls gefährlich könnte ihm Sylvia, Brubs überaus aufmerksame Gattin, werden. Zu allem Überfluss verliebt sich der bisher so vorsichtige Dix in die schöne Laurel Gray, die selbst einige Geheimnisse hütet …

Welt ohne Wurzeln

Der Zweite Weltkrieg veränderte die US-Gesellschaft nachhaltig. Der Sieg über Nazi-Deutschland und das kaiserliche Japan brachten keine Rückkehr zu den Werten einer (angeblich) ‚besseren‘ Vergangenheit. Zahlreiche junge Männer waren in den Krieg gezogen, gefallen oder hatten Schreckliches er- und überlebt. Dass sie ihre Erfahrungen heimbrachten und diese sich nach Jahren unvermittelt und gewaltsam ihre Bahn brechen konnten, war eine zukünftige Erkenntnis. Nur ‚Schwächlinge‘ litten unter einem Kriegstrauma; ein ‚echter Mann‘ wuchs mit seinen Erfahrungen.

Dix Steele und Brub Nicolai verkörpern zwei Typen von Überlebenden. Im Krieg haben sie die Lebensgefahr geteilt. Brub hat dies keineswegs vergessen und seine Lehre daraus gezogen. Zukünftig will er als Kriminalist seinen Teil dazu beitragen, dem Töten ein Ende zu machen. Dix Steele ist sein Gegenpol. Er ist süchtig nach Aufregung und Tod geworden. Früher ist er aus den Wolken auf seine Opfer niedergestoßen. Nun dienen ihm Nacht und Nebel als Deckung, wenn er Frauen belauert und umbringt.

Dass diese beiden Männer sich begegnen, ist eine typische Konstellation des „Noir“-Krimis, der während des Zweiten Weltkriegs aufkam und sich im zeitgenössischen Kino zu einer Kunstform entwickelte. Die vermittelte Sicht war düster, die Welt ein Ort der Niedertracht. Familie, Freundschaft, Liebe: Einst positiv besetzte Gefühle wurden ins Gegenteil verkehrt, Berechnung, Gier und Betrug ließen sie monströs ausarten. „Schuld“ und „Unschuld“ vermischten sich, jeder Mann und erst recht jede Frau konnten gemein und kriminell werden.

Duell in Friedenszeiten

„Ein einsamer Ort“ ist ein Klassiker des „Noir“-Kriminalromans - zu Recht, denn liest man dieses 1947 erstmals erschienene Buch, erstaunt der scharfe Blick auf unbehaglich zur Kenntnis genommene, aber gern verdrängte Probleme. Dix Steele ist ein lupenreiner Soziopath, ein kontrollierter Serienkiller, der ohne schlechtes Gewissen seinem Trieb folgt und sich über seine Mitmenschen erhaben fühlt. Die Freundschaft mit Brub Nicolai lässt er aufleben, um sich mit dem Ermittler zu messen: Dix erregt der Gedanke, dass ihn ausgerechnet ein Mitglied des Fahndungsteams mit Fallinformationen versorgt.

Doch ist ‚Freund‘ Brub wirklich so naiv und ahnungslos, wie ihn uns Dorothy B. Hughes aus Dix‘ Sicht schildert? Nach und nach ahnt der Mörder, dass ihm selbst ein Jäger im Nacken sitzt. Wie ‚echt‘ sind die ‚Informationen‘, die ihm Brub zukommen lässt? Der war selbst Kampfpilot und ist keineswegs so blind, wie ihn Dix einschätzt. Daraus entwickelt sich ein Duell, in dem sich die Veränderung der Rollen widerspiegelt: ein psychologisches Meisterstück!

Bewundernswert ist die Objektivität, mit der die Autorin das Geschehen schildert. Der Grundton ist sachlich, sogar kühl. Dix mag ein Killer sein, aber er ist auch ein Mensch. Hughes lässt seinen Charakter, seine Schwächen in die Ereignisse einfließen. Statt in endlosen Rückblenden zu schwelgen, wie es im aktuellen Thriller leider üblich ist, enthüllt sich uns Dix‘ seltsames Wesen im Fortschritt einer Handlung, die ohne Verzögerungen zielstrebig voranstrebt.

Rätsel und Schrecken: die Frau

Ein besonderes Kapitel des „Noir“-Krimis stellt die Rolle der Frau dar. Während des Krieges wurden sie in Industrie und Handel unentbehrlich. Plötzlich waren Frauen dort, wo die bisher allgegenwärtigen Männer sie nicht hatten dulden wollen. Nach Kriegsende gedachten die Frauen diese Freiheit keineswegs freiwillig aufzugeben = in Küche und Kinderzimmer zurückzukehren. Sie hatten ihren Wert entdeckt und waren selbstbewusst geworden.

Für die heimkehrenden Männer war dies ein Schock. Auf dem Arbeitsmarkt wurden Frauen zu Konkurrenten. Im Privatleben verlangten sie ein Mitspracherecht, das sie sich - zumindest im „Noir“-Krimi - notfalls nahmen. Dix Steele fühlt sich als Opfer dieser Entwicklung. Seine Morde zielen auf jene Frau, die sich ihm einst verweigerte. Sie bringt er stellvertretend immer wieder um.

Dem nur oberflächlich beherrschten, überlegenden Steele - schon der Name ist Ironie - jagen diese ‚neuen‘ Frauen Angst ein. Er ist ihnen nicht mehr automatisch überlegen, weil er ein Mann ist. Sylvia Nicolai und Laurel Gray durchschauen ihn, der die Polizei und seinen Freund Brub - sämtlich Männer - zu täuschen vermag. Hughes macht daraus kein feministisches Manifest, sondern einen fesselnden, erstaunlich ‚modernen‘ Roman, über dessen Neuausgabe (in einer neuen Übersetzung) man sich freuen kann, obwohl das Buch selbst klobig gebunden und lieblos layoutet daherkommt.

„Ein einsamer Ort“ im Kino

Schon 1950 verfilmte Nicholas Ray (1911-1979) Hughes‘ Roman. Das Drehbuch von Andrew Solt und Edward M. North veränderte allerdings die Vorlage. So wurde aus dem Serienkiller Dix ein unbeherrschter Drehbuchautor, der zwar Frauen durch seine Gewaltbereitschaft erschreckt, aber kein Mörder ist. Dies hing nicht damit zusammen, dass die Hauptrolle mit Humphrey Bogart (1899-1957) besetzt wurde, der zu berühmt war, um einen ‚echten‘ Bösewicht zu mimen (und als Produzent des Films ein gewichtiges Wort mitzusprechen hatte). Tatsächlich war es Regisseur Ray, der auf eine ‚nur‘ tragische, aber gewaltfreie Auflösung drängte. Nichtsdestotrotz lieferte Bogart eine seiner besten Schauspielerleistungen. „In a Lonely Place“ gilt heute als Klassiker des „Noir“-Kinos, obwohl die manchmal allzu theatralische (aber zeitgenössische sowie Ray-typische) Melodramatik der Handlung veraltet ist.

Fazit

Ausgezeichnet geplotteter und geschriebener Krimi der einen triebhaft-‚genialen‘ Serienmörder in den Mittelpunkt stellt. Ohne Sentimentalitäten und Klischees beschreibt die Autorin einen schwachen, aus der Bahn geworfenen Mann, der sich als Killer bestätigen will, aber an gleichwertige Gegner/innen gerät: ein zeitloses Meisterwerk.

Ein einsamer Ort

Dorothy B. Hughes, Atrium

Ein einsamer Ort

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