Bad Actors

  • Soho Press
  • Erschienen: Mai 2022
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Michael Seitz
85°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Schlechte Schauspieler? Guter Plot!

Sophie deGreer wird vermisst. Seit drei Tagen ist die „Superforecasterin“ mit Schweizer Pass nicht an Ihrem Arbeitsplatz in der Downing Street Nr. 10 aufgetaucht. Dort arbeitet sie für Anthony Sparrow, oberster „Spin Doctor“ des Premierministers. Sparrow, physisch klein und psychologisch gemein, ist einer dieser Politikberater, die von niemandem gewählt wurden, die aber in wohl allen Regierungen dieser Welt mehr und mehr Macht genießen, weil Ihre Beratungsleistungen für das öffentliche Ankommen und damit für das Fortkommen ihrer Politiker-Chefs geradezu unentbehrlich sind. Und Sophie besitzt – das hat sie mehrfach bewiesen - das seltene Talent, ziemlich genau vorherzusagen, wie die „Menschen draußen im Lande“ auf bestimmte politische Entscheidungen reagieren werden. Eine unschätzbar wertvolle Informationsquelle für Leute wie Sparrow, der für seinen Chef – nie namentlich genannt, aber doch unverkennbar der Noch-Premierminister des gar nicht mehr so großen Britannien – die nächsten Schritte zu Machtausübung und Machterhalt planen.

Also beauftragt dieser Sparrow Oliver Nash, Vorsitzender des Aufsichtskomitees über den Geheimdienst Ihrer Majestät, eine Untersuchung einzuleiten, um herauszufinden, ob deGreer womöglich dem berüchtigten Waterproof-Protokoll zum Opfer fiel, bei dem unliebsame Personen im Gewahrsam des Geheimdienstes auf Nimmerwiedersehen in osteuropäischen Gefängnissen verschwanden. Offiziell hat es dieses Protokoll natürlich nie gegeben, klar. Nash wiederum schickt Claude Wheelan, geschasster Ex-Chef des Geheimdienstes und Intimfeind der gegenwärtigen Amtsinhaberin Diana Taverner – sie war es, die ihn in einem der vorherigen Bände zu Fall brachte – in die Höhle des Löwen am Regent´s Park. Notgedrungen händigt Taverner ihrem Vorgänger einen USB-Stick mit den Telefondaten von deGreer aus und Wheelan stellt fest, dass die letzte Nummer, die Sophie vor Ihrem Verschwinden wählte, keinem geringeren gehört als Jackson Lamb, Chef im Slough House, wo die Nieten des Geheimdienstes, die „Slow Horses“, ihr tristes Dasein fristen. Und schon ist die Truppe um Lamb, Shirley Dander, Roddy Ho und Lech Wycinski mittendrin im geheimnisvollen Geschehen.

Parallel dazu stattet der oberste russische Geheimdienstchef der britischen Hauptstadt einen Besuch ab, der peinlicherweise erst nach einigen Tagen bemerkt wird. Gibt es einen Zusammenhang? Ja, gibt es, soviel sei verraten. Und deshalb gerät auch „Lady Di“ Taverner in gewaltige Bedrängnis, denn Sparrow`s Pläne beschränken sich keineswegs darauf, Sophie wiederzufinden, sondern zielen darauf, den Geheimdienst unter seine Kontrolle zu bringen und damit buchstäblich direkt auf den Kopf von Diana Taverner. Nur Jackson Lamb, ungehobelt wie immer, rülpsend, furzend, anderer Leute Essen fressend und Kette rauchend, behält den Überblick. Wird es ihm gelingen, den Tag zu retten in einem Verwirrspiel, bei dem nichts so ist, wie es scheint und in dem natürlich keiner der Akteure auch nur im Geringsten die Pläne verfolgt, die zu verfolgen er vorgibt?

Grotesk, witzig und doch so nah an der Realität …

Auch im achten Band der Jackson-Lamb-Reihe versteht es Mick Herron meisterhaft, Realität und Fiktion in grotesker Weise miteinander zu verweben. Allein all die tollen Post-Brexit-Pläne, die der Premierminister bei jeder Gelegenheit öffentlich herausposaunt und die Großbritannien groß herausbringen und zum Neidobjekt der ganzen Welt machen werden, sind so Johnson, dass man sich in einer Nachrichtensendung der privaten Murdoch-Kanäle des englischen Fernsehens wähnt. Und auch das Waterproof-Protokoll ist ja – wenn auch nicht unter diesem Namen – einer bitteren Realität abgeschaut.

Gekonnt jongliert Herron auch mit der Figuren-Menagerie aus den vorherigen Bänden, und auch John Bachelor, Teilzeitspion und Protagonist aus der Slough-House Novelle „The List“ treffen wir hier wieder. Überraschend spielt River Cartwright, in den vergangenen Bänden stets eine der tragenden Figuren der „Slow Horses“, diesmal überhaupt keine Rolle, was den Rezensenten dazu veranlasste, im vorherigen Band nachzuschauen, ob er dort dessen Ableben etwa übersehen hat, zumal Herron mit dem Leben seiner „lahmen Enten“ in einigen der vorangegangenen Bände ja recht verschwenderisch umging. Aber keine Sorge: Ganz am Schluss deutet sich an, dass es für die Fans der Serie wohl bald auch ein Wiederlesen mit River geben wird.

Tragende Figuren sind diesmal aber vor allem Koksnase und Nahkampfspezialistin Shirley Dander, Roddy Ho, Resident Nerd und bei seinen Kollegen so beliebt wie ungewaschene Socken, die ewig intrigante Lady Di und natürlich Jackson Lamb, Meisterspion mit dem Gemüt und dem Geruch eines ungewaschenen Grizzlys und dem Charme einer Kettensäge. Und weil der Autor über ein breites Angebot an Pro- und Antagonisten mit sehr unterschiedlichen, allerdings meist nicht so liebenswerten Charakterzügen verfügt, wird´s auch diesmal alles andere als langweilig.

Der Plot ist dieses Mal recht linear und logisch angelegt, wird allerdings auf zwei Zeitebenen erzählt, was der Autor uns erst spät wissen lässt. Das macht das Lesen nicht so ganz einfach und hinterlässt den Leser manchmal ein wenig verwirrt. Aber das ist wohl der Sinn der Sache.

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, warum dieser Band „schlechte Schauspieler“ im Titel trägt. Zwar ist auch in diesem Band kaum jemand das, was er zu sein vorgibt, aber schlechte (oder auch gute) Schauspieler im eigentlichen Sinne sucht man vergebens. Könnte es vielleicht doch sein, dass die Verfilmung der beiden ersten Bände durch die BBC, die Abonnenten von Apple-TV schon jetzt anschauen können und die sicher mit gebührendem Abstand auch unsere Free-TV Kanäle erreichen wird, doch Pate gestanden hat für die Titelfindung des achten Bandes? Der Autor selbst bestreitet dies im Nachwort vehement und lobt die Akteure der Serie, allen voran Gary Oldman, über den grünen Klee – übrigens zu Recht, wie der Rezensent nach dem Genuss der Fernsehfassung bestätigen kann. Aber so ist es nun mal bei Mick Herron: Nichts ist, wie es scheint, und wer einmal eine Geschichte wie die um das Slough House erfindet, dem glaubt man besser nichts, dem ist alles zuzutrauen, auch in einem Nachwort.

Fazit

Für Fans der Reihe ohnehin ein „must have“. Lesern, die Mick Herron bisher nicht kennen, sei eine chronologische Lektüre der Reihe empfohlen, dann ist es leichter, die Figuren zuzuordnen und den Hinweisen auf frühere Ereignisse zu folgen. Wer jedoch britisch-trockenen Humor, gemischt mit Spannung und auch ein wenig Action zu schätzen weiß, der wird sicher auch einer „stand-alone“-Lektüre dieses Buches seine Freude haben.

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