Keiner will’s gewesen sein

  • Fischer
  • Erschienen: Mai 2016
Keiner will’s gewesen sein
Keiner will’s gewesen sein
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Michael Drewniok
75°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Blick hinter fadenscheinige Familienpracht

Krankenschwester Sarah Keate wird angeheuert, um privat einen betuchten Patienten zu umsorgen, der sich nicht der Zumutung aussetzen möchte, in einem Hospital voller kranker Normalsterblicher zu liegen. Familie Thatcher will außerdem einen Skandal vermeiden: Angeblich hat sich Bayard beim Reinigen seines Revolvers versehentlich angeschossen.

Diese Mär hat Hausherrin Adela in die Welt gesetzt, um neugierige Nachbarn und die Medien fernzuhalten. Tatsächlich sollte Bayard umgebracht werden, was alle Anwesenden genau wissen. Die im Haus anwesenden Thatchers - außer Adela sind dies ihre Geschwister Hilary und Daniel, hinzu kommen deren Gattinnen Evelyn bzw. Janice, Gast Allen Carick sowie die Bediensteten Emmeline, Highby und Florrie - hassen Bayard, was dieser Schwester Keate mitteilt, ohne weitere Einzelheiten zu nennen.

Dazu wird es auch nicht mehr kommen, denn ein neuer Mordversuch am nächsten Tag ist erfolgreicher: Bayard liegt tot in der Bibliothek - und sämtliche Hausbewohner haben Alibis, wobei es hilfreich ist, dass sowohl der Sheriff als auch der Hausarzt zum Thatcher-Clan gehören. Ein ‚Einbrecher‘ soll die Tat begangen haben, woran Keate zweifelt. Sie beginnt mit eigenen Ermittlungen - und erregt das Interesse des eigentlichen Täters …

Der Ruf rechtfertigt jegliche Rechtsbeugung

Obwohl die USA erst 1776 entstand und die Gleichheit sämtlicher Bürger in der Verfassung fixierte wurde, gibt es auch dort einen ‚Adel‘, der sich jedoch weniger als Stand, sondern über einen Reichtum definiert, dessen raubgierig-moralfreie Erlangung so lange zurückliegt, dass sich die Nachfahren als vornehme „Herren“ und „Damen“ gerieren können.

Auch die Thatchers haben jegliche Erinnerung an die hässlichen Seiten der Familiengeschichte ausgeblendet. Das funktioniert, solange nicht gegen einen Kodex verstoßen wird, der den US-‚Adel‘ als ehrenwert und vorbildlich zeichnet. Bleibt die Fassade gewahrt, kann dahinter nach Herzenslust gesündigt werden. Wehe aber denen, die Verbrechen begehen, die nur des Pöbels sind! Umgehend ist es vorbei mit den beanspruchten Privilegien. Selbst nicht schuldige Familienmitglieder verfallen einer moralischen Sippenhaft.

Deshalb ist es verständlich, dass die Thatchers an einer echten Aufklärung des Mordfalls Bayard keinerlei Interesse hegen. Der gewaltsame Tod soll als von außen in die Familie getragenes Unglück gelten, während jeder Verdacht auf ein mörderisches Clanmitglied unbedingt unterdrückt werden muss. Um dies zu gewährleisten, ist den Thatchers jedes Mittel recht; eine Erfahrung, die nun auch Schwester Keate machen muss.

Mit im Boot - dann über Bord!

Keate gerät zufällig in den Strudel einer schwärenden Affäre. Der skrupellose Bayard hat sich Beweise für kompromittierende Aktivitäten verschafft, die den Thatchers gesellschaftlich das Genick brechen könnten. Nun ist er erfreulich tot, aber dummerweise war Schwester Keate dort, wo sie mehr sah, als sie sehen (und hören) sollte. Deshalb wird sie mehr oder weniger offen im Thatcher-Haus festgehalten. Es liegt so abgelegen, dass sie es nicht so einfach verlassen kann. Die lokale Polizei ist keine Option, denn der steht ein Familienmitglied vor.

Also muss Keate sich selbst helfen. Zu ihrem Glück ist sie kriminalistisch keine Anfängerin und „Keiner will’s gewesen sein“ der fünfte Band einer Serie, die Keate immer wieder dorthin führt, wo Kapitalverbrechen begangen werden. Normalerweise gerät sie anschließend mit einer Polizei aneinander, die stets in die falsche Richtung ermittelt und ihre wertvollen Hinweise ignoriert, sodass Keate quasi gezwungen ist, der Gerechtigkeit auf die Sprünge zu helfen. Dieses Mal steht sie allerdings allein, ist aber nicht hilflos.

Als Krankenschwester zählt Keate zur Schar jener Bediensteten, die den Reichen und Mächtigen die Ärsche hinterhertragen. Sie werden ignoriert und wie lebendige Arbeitsgeräte behandelt, wissen aber sehr genau um die Schwächen ihrer „Herrschaften“, was u. a. in TV-Erfolgen wie „Downtown Abbey“ thematisiert wird. Im Kriminalroman präsentieren Autoren Diener, Zofen oder Köchinnen meist als treuherzige Deppen, die nur ihrer Arbeit nachgehen und den Kopf nicht zum Denken missbrauchen. Sarah Keate entspricht diesem Klischee nicht. Als Krankenschwester hat sie eine Ausbildung. Außerdem ist sie selbstbewusst und still, aber aufmerksam.

Die übliche Unmöglichkeit der bösen Tat

„Keiner will’s gewesen sein‘ ist ein „Whodunit“ der klassischen Art. Sämtliche Elemente eines scheinbar unmöglichen Mordes sind vorhanden. Zudem spielt die Verfasserin fair. Es gibt keine final aus der Luft gegriffenen Spuren oder gar übernatürliches Wirken. Eberhart schildert lückenlos, was sich zum Zeitpunkt des Mordes ereignet, wobei sie Schwester Keate selbst als Zeugin einsetzt.

Allerdings täuscht die Autorin ihr Publikum. Die vorgeblich akkuraten Beschreibungen lenken unsere Gedanken in die Irre, denn die Indizienkette ist falsch geschmiedet; erst im Großen Finale werden uns die tatsächlichen Ereignisse erläutert. Dabei läuft Eberhart einerseits zu großer Form auf: Sie konfrontiert uns mit einer ganzen Serie plausibler Auflösungen, um jede Version umgehend als falsch zu entlarven. Sämtliche Anwesende geraten in Verdacht, werden im Rahmen plausibel ‚freigesprochen‘ - und geraten umgehend erneut in Schwierigkeiten, weil ihre Alibis platzen.

Andererseits übertreibt es Eberhart mit diesem Finale ein wenig. Die ausführliche Bewertung/Neubewertung der Fakten ist intensiv und zufriedenstellend, aber irgendwann geht dem Indizienspiel die Luft aus; wir wollen endlich wissen, wer es war. Die eigentliche Aufklärung erfolgt indirekt, spart unmittelbare Reaktionen aus und stellt selbstverständlich ein bisher betont unschuldiges (bzw. trügerisch als Täter ausgeschlossenes) Familienmitglied bloß.

Anmerkung: Die deutsche Übersetzungsgeschichte dieses Romans ist aufgrund eines schon alten Irrtums etwas kompliziert. In zahlreichen Mignon-Bibliografien werden „Murder by an Aristocrat“ und „Murder of My Patient“ als zwei unterschiedliche Bücher geführt - ein Irrtum, der durch die willkürliche Angabe des einen oder anderen O-Titels in den deutschen Übersetzungen weiterlebt. Tatsächlich handelt es sich bei „Murder of My Patient“ um eine Neuausgabe, die 1941 in England erschien, wo man diesen Roman sieben Jahre zuvor als „Murder by an Aristocrat“ herausgegeben hatte.

„Murder of My Patient“ im Kino

Der 1936 entstandene Film nach Eberharts Roman war ein typisches Produkt der B-Movie-Schmieden Hollywoods. In diesem Fall ließ das Studio Warner Bros. den auf solche möglichst günstig und schnell produzierten, aber keineswegs zwangsläufig minderwertigen Streifen spezialisierten Regisseur Frank McDonald (1899-1980) inszenieren und veröffentlichte „Murder by an Aristocrat“ 1936 als siebten Film einer zwölfteiligen „Clue-Club“-Serie. Marguerite Churchill (1910-2000) spielte Sarah Keating. Auch die übrigen Rollen übernahmen Schauspiel-Profis, die niemals Starruhm erlangten, aber ihren Job beherrschten. Gerade 60 Minuten dauert dieser Film, sodass keine Handlungslängen zu beklagen sind.

Fazit

In Band 5 der Sarah-Keate-Reihe gerät die für Kapitalverbrecher lästige, weil überaus aufmerksame Krankenschwester abermals in ein abgeschiedenes Haus und unter zahlreiche Mordverdächtige. Sämtliche Konzessionen an ein „murder mystery“ werden erfüllt, wobei die Routine der Autorin erneut und heute erst recht für unterhaltsame Krimi-‚Gemütlichkeit‘ sorgt.

Keiner will’s gewesen sein

, Fischer

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