Mit Blut geschrieben

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1962
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Michael Drewniok
65°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Moderne Frau in absurder Falle

Durch eine Erbschaft zu Geld gekommen, unternimmt Patricia „Pat“ Carroll aus den USA eine Reise durch England. Dort wäre sie vermutlich ansässig geworden, doch ihr Verlobter, ein Testpilot, starb im Vorjahr bei einem Absturz. Pat fühlt sich verpflichtet, ihrer Beinahe-Schwiegermutter, der sie nie begegnet ist, einen Anstandsbesuch abzustatten.

Mrs. Trefoile lebt in einem abseits gelegenen, „Llandudno“ genannten Landhaus unweit eines kleinen Ortes in Wales. Mit ihr im Haus leben nur die Dienstboten Hector und Anna sowie der geistesschwache Joseph. Die Hausherrin empfängt ihre Besucherin erwartungsgemäß wenig herzlich; tatsächlich leidet Mrs. Trefoile unter einem religiösen Wahn, der sich in den letzten Jahren krankhaft gesteigert hat.

In Pat sieht sie die rechtmäßige Gattin ihres Sohnes, die jedoch auf sündhafte Abwege geraten ist und geläutert werden muss. Pats Zustimmung ist nicht erforderlich; als ihr nach einigen theologischen Lehrstunden der Kragen platzt und sie abreisen will, sperrt die Hausherrin sie kurzerhand in einem der vielen Zimmer ein.

Glaubt Pat zunächst noch an rasche Rettung, wird sie schnell eines Schlechteren belehrt. Die Bewohner des Dorfes hassen Mrs. Trefoile und betreten ihr Grundstück nicht. Hector und Anna hüten ein düsteres Geheimnis, das ihre Arbeitgeberin leider kennt; so sind sie ihr zu Willen. Von Joseph ist erst recht keine Hilfe zu erwarten.

Die letzte Hoffnung bleibt eine lose Verabredung mit dem Schriftsteller Alan Glentower, den Pat kurz zuvor kennengelernt hat. Nachdem diverse Fluchtversuche fehlgeschlagen sind und die fanatische Mrs. Trefoile ihre störrische ‚Schwiegertochter‘ immer brutaler attackiert, muss Pat auf die vage Möglichkeit vertrauen, dass Glentower sie zu suchen beginnt, wenn sie nicht am vereinbarten Treffpunkt erscheint …

In die Falle gegangen

Bösartige Schwiegermutter, religiöser Wahn, eine moderne Frau in der Falle: Was heute wie eine auf die Spitze getriebene Parodie eines Thrillers wirkt, galt einst als Garant für echte Spannung. Die eigentlich klassische Vorlage für eine wohltemperierte Schauergeschichte wurde auf ihre grellen Effekte zugespitzt, wobei es deutlich härter = brutaler zur Sache ging als früher.

Hier muss man u. a. bzw. vor allem Alfred Hitchcock mitverantwortlich machen. Er hatte just mit „Psycho“ nicht nur Kinogeschichte geschrieben, sondern dem Psycho-Thriller neues Leben eingehaucht - und wie! Unter Nutzung bekannter Genre-Regeln, die man mit zeitgemäßen Schauerlichkeiten verquirlte, wurde die bisher geübte Zurückhaltung aufgegeben. Prügel, Wahnsinn, körperliche Gewalt: Was bisher tabu war, wurde nun salonfähig.

„Anne Blaisdell“ - eines der vielen Pseudonyme der Autorin Barbara Elizabeth Linington (1921-1988) - war eine professionelle Unterhaltungsschriftstellerin mit hoher Veröffentlichungsfrequenz. Auf der Suche nach möglichst leserinteressanten Stoffen erkannte sie die Möglichkeit eines „Frau-in-Gefahr“-Garns, das die weibliche Hauptfigur buchstäblich unter Druck setzte.

Frischzellenkur für müde Thriller-Knochen

Nüchtern betrachtet ist „Mit Blut geschrieben“ eine Neuauflage sattsam bekannter „Lady“-Krimis, wie sie beispielsweise Mary Roberts Rinehart (1876-1958) schrieb. Pat Carroll mag sich als ‚moderne‘ Frau fühlen, doch das bewahrt sie nicht davor, in eine fatale Falle zu tappen. Dort muss sie primär Widerstandskraft unter Beweis stellen und durchhalten, bis doch wieder ein starker Mann erscheint, um sie zu retten.

Bis es soweit ist, muss Pat allerhand verkraften. Man hungert sie aus, verprügelt sie, sticht sie sogar mit scharfen Gegenständen - ‚unterhaltsame‘ Sadismen, die Pats Notlage unterstreichen sollen. Flüchten kann sie nicht, denn nicht nur die verrückte Hausherrin, sondern auch zwei an sie gebundene Schergen halten sie unter strenger Aufsicht. Selbstverständlich beschreiben diverse Seiten vergebliche Versuche zu entkommen; so erfordert es das Genre, obwohl nicht nur heutige Leser wissen, dass Pat erst dann vorankommen wird, wenn sich der Roman seinem Ende zuneigt; bis es soweit ist, wird vor allem Spannungs-Stroh gedroschen.

Ebenso nervenzerrend - so jedenfalls der Plan - ist eine Parallel-Handlung außerhalb des Trefoile-Anwesens. Wie es sich gehört, scheint der verliebte Alan Glentower seine Pat irgendwann bzw. mehrfach aufzugeben, was sie hoffnungslos in ihre Hölle verbannen würde. Doch immer wieder ereignen sich Zufälle, die Glentower in seiner Sehnsucht - und später in seinem Verdacht, dass sich Übles ereignet - bestärken. Aus heutiger Sicht dauert es ein wenig zu lange, bis Glentower endlich begreift, was in Llandudno vorgeht. Dann jedoch sorgt er zuverlässig für handfeste Rettungs-Action!

Die böse Hexe der Gegenwart

Heimliche Hauptfigur ist Mrs. Trefoile - zwar erst recht eine Klischee-Figur, doch in ihrem Irrsinn wesentlich interessanter als Pat Carroll und der ohnehin erst im Finale relevante Glentower. Während Blaisdell diesen beiden Biografien andichtet, die nicht wirklich interessieren, bleibt sie wirkungsvoll vage, wenn es um die Ursache des Trefoile-Wahns geht. Erst im Epilog werden einige Rätsel gelüftet.

Die Herrin über Llandudno, Witwe und Nicht-mehr-Mutter mutiert zur furchteinflößenden Herrscherin über Leben und Tod. Der religiöse Wahn ist dabei Vorwand für eine krankhafte Wut, die im Wesen dieser Frau wurzelt. Anfang der 1960er Jahre begann sich das Wissen über „Soziopathen“, die jenseits der allgemeingültigen Gesetze und moralischen Regeln existieren, erst allmählich durchzusetzen. Heute sind ebenso übergeschnappte wie geniale Serienkiller krimi-alltäglich geworden. Ihre Taten werden farbenfroh-blutrot beschrieben, wobei dies in Film und Fernsehen besonders eindrucksvoll wirkt.

Anne Blaisdell bleibt verhältnismäßig dezent, wobei dies an den zeitgenössischen Standards zu messen ist. Sie sorgt für eingängige Hauptfiguren, die sie mit bizarren Rand-Charakteren - Hector und die ihre sadistische Ader entdeckende Anna, natürlich der tumbe Joseph sowie eine Galerie skurriler Einöd-Dörfler - umgibt. Das Ende ist durchaus derb, aber happy, mündet in eine schon früh feststehende Beziehung und bekräftigt nachdrücklich, dass diese Schauermär von der Zeit eingeholt wurde.

„Mit Blut geschrieben“ im Kino

„Nightmare“ wirkt als Roman wie eine Drehbuchvorlage. Tatsächlich dauerte es nur vier Jahre, bis die britische Produktionsfirma „Hammer“ - u. a. verantwortlich für die „Dracula“-Filme mit Christopher Lee - den Film „Fanatic” - in den USA als „Die! Die! My Darling!” in den Kinos - realisierte. Die Regie übernahm Silvio Narizzano (1927-2011), ungeachtet seines Namens ein Kanadier, der in Großbritannien arbeitete. Vor und hinter der Kamera trugen alle Beteiligten dick auf, um sich an thematisch ähnlichen Psycho-Gruslern wie den 1964 überaus erfolgreiche „Gothik-Thriller „Hush, Hush, Sweet Charlotte“ (dt. „Wiegenlied für eine Leiche“) anzuhängen.

Der Film entstand nach einem Drehbuch des Horror-Profis Richard Matheson (1926-2013), der auch als Romanautor Maßstäbe setzte: „I Am Legend“ (1954, dt. „Ich bin Legende“), „The Incredible Shrinking Man“ (1956; „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“), „A Stir of Echoes“ (1958; dt. „Echoes - Stimmen aus der Zwischenwelt“).

Für die Hauptrollen engagierte man US-amerikanische Darsteller mit noch jungen oder verblassten Karrieren: Stefanie Powers übernahm Jahre später die weibliche Hauptrolle in der Erfolgsserie „Hart to Hart“ (dt. „Hart aber herzlich“). Als Mrs. Trefoile glänzte in ihrem letzten Film Tallulah Bankhead, die in ihrer Rolle wie üblich mehr als alles gab. Als schwachsinniger Joseph trat der junge Donald Sutherland vor die Kamera.

Fazit

Solider, aber heute überholter Psycho-Thriller, der alte Genre-Regeln mit neuer Drastik mischt. Bekannter als der Roman wurde der Film, der die Schauereffekte in den Vordergrund stellte.

Mit Blut geschrieben

, Goldmann

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