Aliens Bändigung

  • Polar
  • Erschienen: Juli 2022
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension vonAug 2022

Zwischen Auge und Zahn

Kurz vor dem Millennium fällt es schwer, Unterwelt und Gesetz dort zu unterscheiden, wo Chief Inspector Roberts und Detective Sergeant Brant für die Metropolitan Police in London aktiv werden. Vor allem Brant pfeift auf die Vorschriften. Er bekämpft das Verbrechen mit dessen eigenen, primär brutalen Methoden und achtet darauf, dabei seinen Schnitt zu machen.

Roberts deckt ihn, weil ihm Ergebnisse wichtiger sind als Regeln. Außerdem wurde bei ihm gerade Hautkrebs festgestellt, der eine schmerzhafte Behandlung nach sich ziehen wird. Doch Schonung ist keine Option, denn die nur gezwungenermaßen nach Roberts‘ Pfeife tanzenden Kriminellen nutzen gnadenlos jede Schwäche aus.

Zu allem Überfluss hat sich Brant auf eine private Rachemission begeben. Roy Fenton, genannt „Alien“, hat ihn im Auftrag eines verärgerten Gangsters zu Tode erschreckt und gedemütigt. Dafür verdient er aus Brants Sicht die Todesstrafe. Doch Fenton ist just in die USA gereist, wo er seine Ex-Gattin umbringen will. Das passt Brant prinzipiell gut, denn einen Flug über den Atlantik könnte er nutzen, um in den USA ein flüchtiges Gaunerpärchen zu erledigen, das einen jungen Polizeikameraden erstochen hat.

Nur zu gern würden die amerikanischen Kollegen den groben Briten loswerden. Da von dem flüchtigen Duo inzwischen nur noch die außerdem festgenommene Frau lebt, soll Brant diese nach England überführen. Da den weiter oben erwähnten Gangster die Angst plagt, Brant könne erfahren, dass er hinter der Alien-Attacke steckt, beauftragt er einen Killer, der den verhassten Polizisten noch am Flughafen umbringen soll.

In London gerät Polizistin Falls auf die Spur eines Brandstifters, den sie zum Anschub ihrer Karriere allein zu stellen versucht. Ihr Plan scheitert katastrophal, und Falls landet schwer verletzt im Krankenhaus. Viel Drecksarbeit wartet auf Heimkehrer Brant - und das Alien hat er keineswegs vergessen …

Tat, Strafe & Vergeltung

Wer die ‚Kriminalromane‘ von Ken Bruen kennt, weiß um die scheinbare Abwesenheit der sonst genreimmanenten Ernsthaftigkeit. Sie wird ersetzt durch grenzenlosen Irrwitz, dessen Auswirkungen in sich kongruent bleiben und letztlich doch einen kruden Sinn ergeben, auch wenn der Weg dorthin durch grelle, brutale Zwischenstationen geprägt wird. Bruen wählt die Kakophonie, um einen Kommentar zum Zustand der Welt zu geben, um die es aus seiner Sicht offensichtlich schlecht steht.

Das Millennium bot ihm diesbezüglich eine gute Gelegenheit. Während das ‚alte‘ Jahrhundert verging, wurde das 21. Jahrhundert als Gelegenheit zum glatten Abschluss bejubelt. Doch der erträumte (oder halluzinierte) Neubeginn unter Vermeidung alter Fehler blieb natürlich aus. Die Sünden der Vergangenheit fließen stets in die Gegenwart ein. Bruen verdeutlicht es am Alltag einer Polizei, die mit der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung völlig überfordert ist.

Von Sparschwein-Politikern und Karrieristen gegängelt und in ihren Möglichkeiten immer weiter eingeschränkt, haben die Beamten entweder resigniert - oder wie Roberts und vor allem Brant beschlossen, die Methoden der Gegenseite zu übernehmen, um ihren Job wenigstens halbwegs zu erledigen. In der Wahl ihrer Methoden sind sie nicht zimperlich; auch dies ist eine Form der Anpassung, denn das moderne Verbrechen ist nicht nur organisiert, sondern auch und vor allem grausam in der Durchsetzung ihrer Forderungen.

Wie du mir, so ich dir - aber doppelt so hart!

Als zusätzliche Faktoren mischt Bruen die Tücke des Objekts und die menschliche Dummheit in die Handlung. Kriminelle Genies hat die Moderne nicht hervorgebracht. Selbst erfolgreiche Gangsterbosse leiden unter erheblichen Nachwuchsproblemen. Novizen wie Collie fehlt es nicht an tödlicher Zielstrebigkeit; er prüft seine für ein Attentat erworbene Waffe, indem er erst einmal einen ahnungslosen Taxifahrer über den Haufen schießt.

Der Schwachpunkt ist das Fehlen von Intelligenz, wozu sich Disziplinlosigkeit gesellt. Roy „Alien“ Fenton ist nur deshalb vergleichsweise lange im Killer-Geschäft, weil er konsequent umbringt, wer gegen ihn aussagen könnte, sowie in seinem Verhalten absolut unberechenbar ist. Zusätzlich profitiert er vom Leerlauf einer Polizei, die einfach zu träge ist und ihn nicht wirklich fassen will. Brant ist zwar fest entschlossen, seinem Gegner aber zu ähnlich, weshalb er sich auf der Jagd nach dem Alien immer wieder ablenken lässt, bis schließlich das Schicksal eingreift, um dem Amoklauf des Alien ein (selbstverständlich groteskes) Ende zu bereiten.

Sein Überleben verdankt Brant vor allem der Dämlichkeit seiner Kontrahenten. Mit tiefschwarzem Humor inszeniert Bruen eine wüste Attacke durch Collie, den der Verfasser scheinbar als extrem gefährlichen, völlig gewissenlosen, kriminell aufstiegswilligen Psychopathen einführt, der mit seinem Ernst und seiner Ablehnung von Drogen sogar seinen abgebrühten Auftraggeber beeindruckt - und schließlich doch in jeder Hinsicht sowie blutig und schreiend komisch versagt.

Gefühle sind gefährlich

Mit Constable Falls mischt auch eine weibliche Polizistin in diesem Irrsinn mit. Sie steht noch am Anfang ihrer Laufbahn und muss lernen, dass sich der Arbeitsalltag erheblich von dem unterscheidet, was man sie auf der Polizeischule gelehrt hat. Falls ist nicht nur eine junge, hübsche Frau, sondern auch schwarz, was sie in der noch „#MeToo“ & Co. freien mit chauvinistischen und rassistischen Kommentaren sowie deutlichen Anzüglichkeiten konfrontiert. Dies beschränkt sich keineswegs auf die Gangster, sondern schließt die ‚Kollegen‘ und Vorgesetzten ein: Zumindest die oberen Etagen wollen die Herren frauenfrei halten!

Der Weg zur Erkenntnis ist dornenreich, zumal Falls als Anfängerin noch mit Zweifeln und Skrupeln kämpft. In „Aliens Bändigung“, dem zweiten Band der „Brant-&-Roberts“-Serie, steht sie noch am Anfang und wird schonungslos angegangen bzw. geprüft. Bis 2007 folgten fünf weitere Bände, in denen man auch verfolgen kann, wie Falls ihre Nische im Polizei-Alltag (oder -Wahnsinn) zu finden versucht.

Klingt alles, was hier über diesen Roman geschrieben wurde, ausschließlich zynisch? So einfach macht es Bruen vor allem jenen Kritikern nicht, die gern und rasch Menschenverachtung wittern. So ist Brant zwar stets auf der Hut, aber kein hirngeschädigter Soziopath; ein Zwischenstopp in Irland lässt ihn aus dem Schneckenhaus kommen. Parallel dazu liebt Gangsterboss Bill seine behinderte Tochter abgöttisch, was ihn in dieser Welt verletzbar macht; Brant demonstriert es ihm bei einer Gelegenheit nachdrücklich. Der stetige, meist ansatzlose Wechsel zwischen ‚Normalität‘ und Wahnwitz erfährt auf diese Weise eine zusätzliche Dimension.

Fazit

Der Irrsinn wird zum Normalzustand, lässt sich nie wirklich zähmen, sondern bricht immer wieder brutal und grotesk durch, während Polizei und Gangster ein Gleichgewicht zu bewahren versuchen, das unter diesen Umständen Fiktion bleiben muss: schneller, sehr schwarzer Krimi von hohem Unterhaltungswert.

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