ZEIT Verbrechen

  • Eichborn
  • Erschienen: Oktober 2020
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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2022

Der Tod kommt oft/unverhofft

Berichte über kriminelle Handlungen, deren Aufklärung sowie die sich anschließenden Gerichtsverhandlungen gehören zum unverzichtbaren Inhalt von Zeitungen, seit es diese gibt. Die Faszination derer, die als Zuschauer und damit in Sicherheit und aus der Deckung heraus verfolgen möchten, wie Mitmenschen beraubt und/oder massakriert, die Täter gesucht, gefasst und verurteilt werden, spiegelt ein elementares Bedürfnis wider: Man möchte das Gesetz bei der erfolgreichen Arbeit beobachten. Hinzu kommt ein durchaus natürlicher Voyeurismus, der den Blick über den Zaun des kriminell gewordenen Nachbarn zum angenehm schauerlichen Vergnügen werden lässt.

Folgerichtig halten sich die meisten Zeitungen Kriminalreporter, die sich in Gerichtssälen tummeln, aber auch mit der ermittelnden Polizei kurzschließen. Für „DIE ZEIT“ arbeitet seit vielen Jahren Sabine Rückert in dieser Funktion. Sie hat zahlreiche Fälle begleitet, die zum Teil, aber nicht unbedingt in die moderne Kriminalgeschichte eingegangen sind oder sein müssten, weil sie stattdessen etwas über die Gesellschaft aussagen, in denen diese Verbrechen begangen wurden.

Die Zeitung ist ein kurzlebiges Medium. Was heute interessiert gelesen wird, dient am nächsten Tag dazu den Fisch einzuwickeln, den man trieffrei transportieren will. Gerade Kriminalreporter investieren viel Zeit und Mühe in ihre Nachforschungen. Was sie anschließend aus ihren Unterlagen destillieren, geht oft deutlich über das Verfallsdatum einer Zeitung hinaus. Sabine Rückert wurde von der „ZEIT Online“-Redaktion gefragt, ob sie ihre Reportagen aufgreifen und neu erzählen, d. h. überarbeiten und ‚fortsetzen‘ wolle: Oft wirken Kriminalfälle weiter. Täter und (überlebende) Opfer, Familienmitglieder und Freunde können nach einem ergangenen Urteil nicht einfach abschließen. Zudem gibt es immer wieder Verbrechen mit einem politischen oder sozialen Subtext, der in seiner Bedeutung erst viel später begriffen wird.

Dekalog möglicher Eskalationen

Rückert arbeitete mit dem „ZEIT“-Redakteur und Leiter des Ressorts Wissen Andreas Sentker zusammen, der sie bei der Faktenprüfung unterstützte. Beide taten sich außerdem im Podcast „ZEIT Verbrechen“ zusammen, wo sie online und in Wort statt Schrift seit April 2018 zweiwöchentlich überaus erfolgreich alte Fälle aufgreifen - dies längst auch vor einem Live-Publikum.

Was lässt uns schwerkriminell werden? Die hier versammelten Reportagen sorgen für Unbehagen: Einerseits kann offensichtlich jede/r Mensch jenen Punkt erreichen, an dem er oder sie die Grenze überschreiten. Dies geschieht nur selten plötzlich, sondern ist in der Regel das Resultat einer langen Vorgeschichte, die Rückert und Sentker in die Darstellung einbeziehen. Unter bestimmten Umständen können wir die Kontrolle verlieren und dadurch nicht nur das Leben des Opfers zerstören, sondern auch das von Angehörigen und Freunden - dies mit einer Wucht, die das Autorenduo ebenfalls eindringlich zu schildern weiß.

Rückert und Sentker gehen über ‚klassische‘ Verbrechen - Raub und Mord - hinaus. Sie beschäftigen sich kritisch mit der Polizei und mit der Justiz, stellen Fragen zur oft suggestiven ‚Befragung‘ geistig schlicht gestrickter Verdächtiger, die schließlich ‚gestehen‘, damit sie endlich ihre Ruhe haben. Dass es tatsächlich Menschen gibt, die das daraus resultierende Prozedere - Verhaftung, Gericht, Verurteilung, Gefängnis - nicht begreifen, ist keine einfach zu vermittelnde Tatsache, weshalb die hier gebotenen Informationen hilfreich sind.

In dieses Umfeld passen zwei Beiträge, in denen es nur oberflächlich um Gesetzesverstöße geht. So interviewt Rückert Beate Klarsfeld, die 1968 den deutschen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger öffentlich ohrfeigte, um auf dessen Verstrickung mit den Nazi-Regime aufmerksam zu machen - ein ‚Verbrechen‘, das eine längst überfällige Diskussion in Gang setzte. Außerdem erinnert Rückert an Vera Brühne, die man 1960 für einen Doppelmord verurteilte, den sie stets abstritt. 1978 wurde sie aus der Haft entlassen, um bis zu ihrem Tod 2001 an diesem Narrativ festzuhalten - ein Fall, der nicht mehr geklärt werden kann, weil die Fakten unter Mythen begraben wurden.

Grauzonen; nur ausnahmsweise schwarz oder weiß

Die reale Kriminalistik ist auch eine Mühle, die jene zu zermahlen droht, die in ihren Schlund geraten. Wer als Opfer ein Verbrechen überlebt, muss sich auf eine Justiz gefasst machen, die dem Verdächtigen dieselben Rechte wie dem Geschädigten einräumt. Der Auftritt vor Gericht kann oft zum Martyrium ausarten - dies nicht nur, weil quälende Erinnerungen öffentlich neu aufgerührt werden, sondern auch, wenn Verteidiger im Dienst ihres Mandanten das schrecklich Erlebte in Frage stellen; ein elementares Problem, auf das die Autoren immer wieder zurückkommen, weil es stets wiederkehrt.

Generell halten sich Rückert und Sentker zurück und verfallen nicht in „Law-&-Order“-Klischees. Hinter der oft schrecklichen Tat steht letztlich ein Mensch, dessen Handeln jenseits der Bestrafung verstanden werden muss, um ähnliche Verbrechen zu vermeiden. Ernüchternd oft türmen sich Probleme zu einem Berg auf, der einen Menschen zum Äußersten treiben kann. Die Autoren sehen darin keine Entschuldigung, sondern eine Erklärung - und eine Aufforderung zur Verbesserung von Missständen, zu der es - auch das findet Erwähnung - durchaus kommen kann und gekommen ist.

Angenehm ist der durchweg dokumentarische Ansatz. Viele „True-Crime“-Werke setzen auf eine romanhafte ‚Nacherzählung‘ des thematisierten Verbrechens. In der Regel wird das aufgrund des Fehlens eines entsprechenden Talents zum berüchtigten Schuss in den Ofen. Fakten können zudem sehr gut und ohne melodramatischen „push“ für sich stehen, wenn sie entsprechend recherchiert, aufbereitet und präsentiert werden. Wer glaubt, dass dies nur dröge enden kann, wird hier eines Besseren belehrt! Gerade der Verzicht auf die Instrumente einer „Scripted-Reality“-Schmonzette verdeutlicht die Tatsachen. Dies unterstreicht eine ebenfalls betont nüchterne Bildauswahl, die auf blutige Tatortfotos verzichtet.

Fazit

Zehn Kriminalfälle, über die vor Jahren in der „ZEIT“ berichtet wurde, werden fern jeder Effekthascherei noch einmal aufgegriffen und in ihren zeitgenössischen politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhang gestellt; eine angenehm sachliche Alternative zu den üblichen „True-Crime“-Blut-und-Sumpfblasen.

ZEIT Verbrechen

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