Welt verloren

  • Echter
  • Erschienen: Juni 2022
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Thomas Gisbertz
80°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2022

Ein tiefgründiger Kriminalroman über Schuld und Gerechtigkeit

Der Winter hält den Niederrhein seit Wochen fest in seiner Hand. Andauernder Schnellfall und eisige Temperaturen bestimmen das Wetter. Räumfahrzeuge stoßen kaum noch bis in die ländlichen Regionen vor. Am Heiligabend wird sogar der Notstand ausgerufen. Aber das alles ist dem alten Priester Jacob Beerwein egal. Er liebt den Winter. Beerwein lebt nach seiner Pensionierung wieder in seinem Heimatdorf Dornbusch in unmittelbarer Nachbarschaft zu seinem Freund Melchior. Das ruhige, bedächtige Leben der beiden gerät aber in Gefahr, als Hauptkommissar Barth plötzlich vor der Haustür des Pastorats steht. Dabei mag Beerwein es gar nicht, wenn sein Lebensrhythmus durcheinander gebracht wird. Der Kommissar hat keine guten Nachrichten: Raven Richards, ein ehemaliger Schulfreund von Jacob und Melchior, wurde ermordet. Sein Tod wirft Fragen auf, die bis weit in ihre gemeinsame Schulzeit zurückreichen. Und es bleibt nicht bei diesem einen Toten. Weitere Menschen aus Ravens Umfeld sterben. Gibt es eine Verbindung zwischen den Opfern?

Fundamentaltheologe als Krimiautor

Nach seinem Abitur am Bischöflichen Albertus-Magnus-Gymnasium in Dülken studierte Autor Gregor Maria Hoff in Bonn und Frankfurt Klassische Philologie, Katholische Theologie und später Germanistik. Anschließend war er einige Jahre als Lehrer am Niederrhein tätig. Nach Lehraufträgen in Vallendar, Aachen und Köln arbeitet Gregor Maria Hoff heute als Professor für Fundamentaltheologie und Ökumenische Theologie an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und ist seit 2015 als freier Autor für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ tätig. Darüber hinaus ist er Berater der Glaubenskommission der Deutschen Bischofskonferenz und Päpstlicher Konsultor in der Kommission für religiöse Beziehungen zum Judentum. In seiner Tätigkeit als Herausgeber und Autor setzt sich Hoff in seinen Werken mit Fragen der Religion, Ökumene und des Glaubens auseinander.

Mit „Welt verloren“ erscheint nun im Würzburger Echter Verlag der erste Kriminalroman Hoffs, der sich mit Themen wie Schuld, Verantwortung, Verlust und Gerechtigkeit beschäftigt. Ein etwas anderer Kriminalroman, der die Perspektive auf die legt, die mit dem Tod eines Menschen leben und ihn auch (mit-)verantworten müssen.

Ein nachdenklicher Kriminalroman

Das Krimidebüt von Gregor Maria Hoff ist außergewöhnlich. Es geht in erster Linie nicht um die Suche nach dem Täter. Im Mittelpunkt des Romans steht die Frage nach der Schuld, die vor allem Jacob Beerwein aus seiner Sicht im Laufe des Lebens auf sich geladen hat und die nun sein Gewissen quält. Eine Schuld seinen Mitmenschen gegenüber, aber gleichzeitig auch vor Gott. Dessen ist sich Jacob als Priester bewusst. Beerwein hadert mit sich und mit Gott, wenn er an den Tod seines Schuldfreunds denkt: „All die vergessenen Menschen. Die allein sterben. Die keiner kennt. Es gibt so viel Tod in dieser Welt, dass ich es manchmal nicht aushalte mit meinem Gott.“

Ravens Tod löst in ihm etwas aus, lässt ihn zweifeln und ruft Empörung hervor. Aber gleichzeitig drängt sich die Frage auf, ob Jacob überhaupt so etwas wie Verantwortung für das trägt, was geschehen ist. Er glaubt den ehemaligen Schulfreund Raven schon vor vielen Jahren aufgegeben zu haben, weil er nach dessen plötzlichen Verschwinden, kurz vor dem Abitur, nicht nach ihm gesucht hat. Dennoch trifft ihn Ravens Tod nun schwer. Es scheint ein Naturgesetz zu sein: Die Menschen, die Beerwein wichtig sind, verliert er. Der Fatalismus seines Lebens. Nur Melchior, der im Rollstuhl sitzende Freund, ist ihm geblieben und auch er erinnert ihn täglich an seine Schuld. Denn Jacob fühlt sich für das Schicksal Melchiors verantwortlich.

Gibt es Gerechtigkeit?

Der Roman stellt in der „kriminalistischen“ Tradition eines Friedrich Dürrenmatts auch die Frage, ob es so etwas wie Gerechtigkeit gibt. Vertraue ich der unendlichen Geduld des Schöpfers oder muss ich selber etwas tun, wenn dieser nichts tut? „Gott, du mein Gott, dich suche ich, meine Seele dürstet nach dir“, betet Jacob die Laudes - aber ist dies überhaupt noch sein Gott? Warum lässt dieser dann zu, dass sein einstiger Freund nun brutal getötet wird? Während Beerwein hadert, hat jemand anderes längst für sich eine Antwort gefunden und die Gerechtigkeit in seine Hand genommen. Weil er es nicht mehr aushält, weil er muss, denn sein Vertrauen in Gott reicht nicht mehr aus.

Anspruchsvoller Stil

Man muss sich Zeit nehmen für Hoffs Kriminalroman. Denn er ist weit mehr als das. Im Mikrokosmos des kleinen Örtchens Dornbusch stellt der Autor aktuelle Glaubensfragen und verbindet diese mit einer spannenden Erzählung. Zugegeben: Ein „christliches Grundwissen“ ist hilfreich, wenn man dem mitunter anspruchsvollen religiösen Sprachgestus und den mitunter komplexen theologisch-philosophischen Fragestellungen folgen möchte.

Jacobs Freund Melchior hätte man sich des Weiteren gerne - besonders im Hinblick auf die Zweifel des Priesters - als noch stärkere Kontrastfigur gewünscht. Denn vor allem die Gespräche zwischen den beiden Freunden prägen den Roman. Dafür beeindruckt Hoff aber mit einer wundervollen, oft beseelten Sprache, stimmungsvollen, eindringlichen Bildern und kraftvollen Dialogen.

Fazit

Ein vielschichtiger, gedankenvoller Debütroman, der aber gerade deswegen so lesenswert ist. „Welt verloren“ ist aber kein gewöhnlicher Kriminalroman. Eine nachdenkliche, ruhige Erzählung, die zeigt, dass Glaubensfragen durchaus spannend sein können. Gerne mehr davon.

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