Zehn Gäste und ein Mord

  • Dryas
  • Erschienen: März 2022
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Carola Krauße-Reim
25°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2022

Ein Whodunit mit sehr viel Luft nach oben

Hauke Schlüter hat Wirtschaftsingenieurwissenschaften studiert, Fachbeiträge und Belletristik auch unter Pseudonymen veröffentlicht und einige Jahre den Frankfurter Buchmesse-Krimi mitproduziert. Nach eigenem Bekunden inspirierten ihn Agatha Christie, Dorothy Sayers und die anderen Mitglieder des „Detection Club“ „ein klassisches Murder Mystery zu schreiben“. Mit der Anspielung auf den Krimi „Zehn kleine Negerlein“ (mit aktuellem Titel „Und dann gabs keines mehr“) hat sich der Liebhaber von Anagrammen sehr große Schuhe angezogen, die er leider bei weitem nicht auszufüllen vermag.

Die Hyde Park Agency wird aktiv

Kleos Henry Mehlos und Joanna Santow betreiben die High Park Agency in London. Ihr Auftraggeber beordert sie nach Wimbledon, wo die „Key Note“ für das „sensationelle digitale Produkt“ seines hochbewerteten Start-Ups vorgestellt werden soll. Doch während der Präsentation stirbt er – und Millionen Zuschauer sehen zu. Wer von den zehn Gästen war der Täter und warum musste Craig Lloyd sterben?

Wer sind die zehn Gäste?

Was sich wie ein typischer Whodunit nach Art von Agatha Christie anhört und damit enorm viel Spannung im Vorfeld aufbaut, entpuppt sich sehr schnell als Reinfall. Schon die Auflistung der Personen im „Cast“ hätte eine Vorwarnung auf noch Kommendes sein können. Aufgeführt sind 13 Personen, davon sind aber diverse Angestellte des Unternehmens genannt und nur 7 Externe. Wer also sind die 10 Gäste? In diesem wenig konkretem Stil geht es munter weiter.

Schlechte Recherche und ein schlechter Stil vermiesen das Lesevergnügen

Wenn man sich so herausragenden Schriftstellerinnen wie Sayers und Christie als Vorbild nimmt, sollte man auch so intensiv wie sie recherchieren. Doch das hat sich Schlüter scheinbar gespart, was die immer wiederkehrenden inhaltlichen Fehler belegen. Schon auf der zweiten Seite der Geschichte berücksichtigt er nicht, dass die gleichgeschlechtliche Ehe in Großbritannien erst 2013 möglich war und ein paar Seiten weiter gibt er eine Adresse mit „Porthchapel Beach in Cornwall, Wales“ an.

Doch nicht nur die fehlende Korrektheit im Detail lässt das Lesevergnügen sehr schnell gegen Null gehen, der holprige und mit enervierend vielen Anglizismen durchsetzte Stil tut den Rest. Viele Sätze bestehen aus nur wenigen Wörtern, was den gewünschten Lesefluss in einem Roman behindert und streckenweise eher an die Lektüre eines Telegramms erinnert. Wenn es dann auch noch in gefühlt jedem längeren Satz von z.B. „pods“, „Big data“, „fast learner“, „Stealth Mode“ und anderen Anglizismen wimmelt (hier wird sogar mit „Shice“ verenglischt geflucht), und sich das schon am Anfang mit dem „Cast“ ankündigt und in der Danksagung mit „Credits“ endet, ist man nur noch genervt und vermisst die Spannung eines guten Whodunit schmerzlich.

Der scheinbar sehr technik-begeisterte Autor setzt dem Ganzen die Krone auf, indem er Drohnen kreisen lässt, die Akteure ständig auf ihre Smartphones starren, Nachrichten versenden oder andere raffinierte Geräte zum Einsatz kommen. Der Schluss mit einer Zusammenkunft á la Hercules Poirot setzt dem Ganzen dann ein wenig überraschendes, aber ebenso sehr technifiziertes Ende, das aber dadurch wenigstens zum Rest der Geschichte passt.

Figuren reißen auch nichts mehr

Gut geschilderte und diverse Charaktere hätten hier eventuell noch einiges wieder wettmachen können. Doch selbst die Inhaber der Hyde Park Agency bleiben charakterlich ebenso nebulös, wie ihre Tätigkeit. Was die beiden, scheinbar mit großen finanziellen Mitteln ausgestatteten Mehlos und Santow eigentlich mit ihrer Agency tun wird nicht genannt, ihr Hintergrund kaum beleuchtet. Auch die anderen Figuren geistern ohne Tiefe durch das Geschehen, entsprechen höchstens Klischees, wie der finanzkräftige englische Aristokrat oder die etwas unterbelichtete Influencerin. Wenn dann aber ausgerechnet an falscher Stelle zu viel verraten wird, reißen die Figuren nichts mehr.

Fazit

„Zehn Gäste und ein Mord“ ruft Assoziationen hervor, die nicht zu halten sind. Inhaltliche Fehler, ein mit Anglizismen durchsetzter holpriger Schreibstil, fehlende Tiefe der Figuren und ein wenig fesselnder Plot machen diesen Whodunit zu einem Krimi, der noch enorm viel Luft nach oben hat und den ich leider nicht mit ruhigem Gewissen empfehlen kann.

Zehn Gäste und ein Mord

, Dryas

Zehn Gäste und ein Mord

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