Allgemeine Panik

  • Ullstein
  • Erschienen: Mai 2022
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2022

Lebensbeichte eines reuelosen Drecksacks

Seit 28 Jahren schmort Fred Otash im Fegefeuer; zur direkten Höllenfahrt hat es trotz eines durchweg sündhaften Lebens nicht ganz gereicht. Otash hasst die Langeweile und die ständige Konfrontation mit den Geistern derer, denen er einst Schaden zugefügt hat. Deshalb lässt er sich auf einen Deal ein: Er soll Buße tun, indem er seine Lebensgeschichte niederschreibt; ehrlich, schonungslos und ohne Lücken.

Eine Strafe ist das eigentlich nicht, denn nur zu gern kehrt Otash in seine große Zeit zurück, als er zunächst im Dienst der Polizei, dann als Skandal-Journalist und schließlich als Spitzel tief in die Abgründe von Los Angeles eintauchte. Schon immer korrupt, geldgierig und scharf auf schöne Frauen, hat Otash gegen jedes geschriebene Gesetz und gegen jede moralische Regel verstoßen.

Seine Laufbahn beginnt nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Front hat sich Otash geschickt ferngehalten und in der Etappe mit krummen Geschäften begonnen. Als Polizist ist er bestechlich, in kriminelle Machenschaften verwickelt und immer auf der Suche nach geheimen, schlüpfrigen und erpressungstauglichen Geheimnissen. Politiker, Geschäftsleute und vor allem die Stars von Hollywood: Otash kennt ihre Verfehlungen und verdient gut daran, sie entweder aufzudecken oder zu vertuschen.

Als Starreporter des Klatschmagazins „L. A. Confidental“ läutet Otash eine Ära nie gekannten Schmutzes ein. Schmierige Skandale werden angedeutet, die tatsächliche Offenlegung durch Geldzahlungen der Betroffenen verhindert. Otash ist ein gefürchteter Mann, der alles weiß, bis er sich in eine Mordaffäre verstrickt, die seine Gegner nutzen, um ihn zu Fall zu bringen bzw. ihn in ihren Dienst zu zwingen. Nun muss er auf Anweisung abhören, intrigieren und schmieren, aber er wäre nicht Fred Otash, würde er nicht auf jenen Moment warten, in dem sich ihm ein Schlupfloch auftut …

Zwischen Liebe und Wahnsinn

Wieder einmal verfällt James Ellroy in einen literarischen Veitstanz. Der überaus fleißige Autor arbeitet weiterhin (wie) besessen an einer fiktiven Historie seiner Heimatstadt Los Angeles. Dabei interessiert ihn die Realität nur marginal. Ellroy nutzt sein immenses Wissen um die (kriminellen) Schattenseiten von L. A. seit Jahrzehnten zur Erschaffung eines fiebertraumartigen Konstrukts, das vor allem sein eigenes Wesen widerspiegelt.

Ellroy wurde 1948 in eine zerrüttete Familie geboren. Der Vater verschwand, die promiskuitive Mutter starb 1958 durch einen nie aufgeklärten Mord. Daraufhin entwickelte sich der vernachlässigte James zum Spanner und Dieb; er soff, nahm Rauschgift, wurde immer wieder verhaftet. In den 1970er Jahren gelang ihm der Absprung; als Schriftsteller verarbeitet er seine zahlreichen Traumata und jene Leidenschaft, die ihn weiterhin auszeichnet. Statt sie zerstörerisch gegen sich selbst zu richten, hält sie Ellroy als Autor unter Kontrolle.

Das Ergebnis sind Historienkrimis, die zwischen Realität und Fiktion mäandrieren. Ellroy hat sich über Jahrzehnte zu einem Fachmann für die Kriminalgeschichte von Los Angeles entwickelt, ohne sich deshalb in akribischer Faktenhuberei zu ergehen. Die historische Wahrheit ist für Ellroy eine Knetmasse, die er zu seinem Bild einer Vergangenheit formt, die es in dieser Drastik nie gegeben hat.

Glückliches Schwein im Schlamm

Fred Otash ist Ellroys Alter Ego. Er bewegt sich durch das L. A. der 1950er Jahre, dem die ganze Sehnsucht des Autors gilt. Otash verkörpert sämtliche Schwächen, gegen die Ellroy einerseits kämpft, während er sie andererseits genießt. In einer auf die Spitze getriebenen, von Gewalt, Diskriminierung, Amtsmissbrauch und Polizeibrutalität geprägten Pseudo-Vergangenheit gleicht Otash einem Surfer, der auf der Welle reitet, bis sie ihn schließlich unter sich begräbt.

„Politisch korrekt“ bleibt für Ellroy ein Schimpfwort. Otash suhlt sich stellvertretend in den einst alltäglichen Ungerechtigkeiten der Vergangenheit. Rassismus, Sexismus, Misstrauen gegen ‚das Fremde‘: Dies sind nur einige Hässlichkeiten, die Ellroy im Detail wiederaufleben lässt. Zartbesaitete Leser werden ihm dies vorwerfen, weil sie nicht begreifen können oder wollen, dass Ellroy provoziert, indem er anspricht bzw. zuspitzt, was vor gar nicht so lange Zeit gesellschaftskonform war.

Lüge, Bigotterie oder lustvolle Brutalität - aus sandsackzerschmetterten Lumpenmäulern fliegen Ellroy-typisch wieder die ausgeschlagenen Zähne - dienen der Entladung verkrusteter Gefühle und unterdrückter Neigungen: Fred Otash ist mit allen Sinnen dabei und nur lebendig, wenn er mitmischen kann. Er kennt durchaus moralische Grenzen, die er allerdings überschreitet, wenn er unter Druck gerät. Anschließend leidet er ausgiebig, was man ihm weder glaubt noch zugesteht, denn Ellroy ist ein echter Kotzbrocken gelungen, der nicht einmal im Fegefeuer wirklich bzw. nur jene Sünden bereut, die er nicht begangen hat.

Sudelei als Dienst am Kunden

Das fiktive Sudelblatt „L. A. Confidental“ ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Ellroy-Romane und als solches Maßstab einer außer Rand und Band geratenen Welt. Hollywood gilt seit jeher als „Babylon“, in dem sittenlose Filmkünstler die moralischen Werte der ‚gesunden‘ USA mit Füßen treten. Ellroy gibt den moralinsauren Affen, die dieses Vorurteil förmlich atmen, mächtig Zucker. Er hat Glück, dass die von ihm quasi instrumentalisierten Schauspieler, Produzenten oder Studiobosse tot sind; er könnte sich sonst vor Klagen wegen übler Nachrede nicht retten.

Dabei greift Ellroy auf Klatsch und haltlose Vermutungen zurück, die in realen Magazinen der Nachkriegszeit zelebriert wurden. Bis sich endlich Betroffene zu wehren wagten, vergingen Jahre, in denen diese Blätter praktisch alles behaupten bzw. andeuten durften, was sie wollten. Die einschlägigen Mechanismen werden vom Verfasser wiederum grell überspitzt. Fred Otash wird zum Hexenmeister, der sämtliche Verstecke der sündigen Stars kennt, dort Abhörwanzen installiert und eine parallele Chronik der offiziellen Filmgeschichte fern mythischer Überhöhung schreibt.

Alle haben sie Dreck am Stecken, und zu ihnen gesellen sich Politiker, Juristen u. a. in der Öffentlichkeit würdevoll auftretende ‚Ehrenmänner‘, die tatsächlich Gesetze und Regeln mit Füßen treten, um ihre Träume von Reichtum und Macht auf Kosten der dumm gehaltenen Mitbürger auszuleben. Dies alles verarbeitet Ellroy zu einem Ritt, der aufgrund seiner durch Wiederholung bekannten Elemente nicht mehr die ursprüngliche Wucht besitzt, aber immer noch höllisch ist!

Fazit

Einmal mehr lässt Autor Ellroy ‚sein‘ Los Angeles aufleben, das er abermals mit seelisch beschädigten, skrupellosen, manisch getriebenen Charakteren besetzt: Weil nicht so in die Länge gezwungen wie sonst, ist dieser Roman aufgrund seines allgegenwärtigen Nihilismus‘ zwar anstrengend, aber spannend zu lesen.

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