Der Tisch steht falsch

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1962
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Michael Drewniok
75°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2022

Eine Zusatz-Leiche; vorsichtshalber

Die Angelegenheit scheint tragisch, aber klar zu sein: Nachdem einige Jugendliche einen Laden ausgeraubt hatten, gerieten sie auf der Flucht an eine Polizeistreife. Eine eher zufällig abgeschossene Kugel traf und tötete den Sergeanten Joe Bartlett, die Gangster wurden später gefasst.

Bartletts Partner Frank Walsh hegt Zweifel am Ablauf des Geschehens. Der junge Mann fasst sich ein Herz und wendet sich an Leutnant Luis Mendoza vom Morddezernat der Polizei von Los Angeles. Walsh vermutet ein gezieltes Attentat auf Bartlett, für das Sündenböcke gesucht und gefunden wurden. Obwohl ihm eindeutige Beweise fehlen, erkennt auch Mendoza Schwächen in der Beweiskette und beschließt deshalb eine interne Untersuchung, die er selbst leitet.

Rasch stellt sich die Unschuld der Jugendlichen heraus. Die Ermittlungen führen stattdessen auf die Spur eines merkwürdigen Zeitgenossen: Brooke Twelvetrees trägt nicht nur einen auffälligen Namen. Er arbeitet für eine obskure Sekte, die von dem Gaunerpärchen Martin und Cara Kingston geleitet wird. Was genau er für sie leistet, darüber schweigen sich die seltsamen Heiligen aus. Die Frage wird indes bedeutungsvoll, als Mendoza im Kriechkeller von Twelvetrees Wohnung den Inhaber höchstpersönlich findet: erschlagen und in einem flachen Erdgrab verscharrt ...

Eine vergessene Meisterin des Polizeikrimis

„Police procedurals“ sind jene Kriminalgeschichten, die das Wirken der Polizei in den Mittelpunkt stellen. Dazu gehört nicht nur die möglichst authentische Darstellung der realen Ermittlungsarbeit, sondern auch der Blick auf die Psyche derer, die sie leisten: Der gute Autor stellt Polizisten dabei nicht als eindimensionale Fahndungsroboter im Dienst eines perfekten exekutiven Systems dar, sondern berücksichtigt eine Wirklichkeit, die von menschlicher Unvollkommenheit, der Tücke des Objekts und den Medien geprägt wird. Im Schnittpunkt von Theorie und Praxis entsteht die Spannung des Genres.

Dell Shannon (1921-1988) gehört zu den Autoren, die seine Regeln beherrschen. Tatsächlich hat Shannon es sogar mit erfunden. Dennoch gehört der Verfasser - der eigentlich Barbara Linington hieß und folgerichtig eine Frau war - zu den heute weitgehend vergessenen Namen des Kriminalromans. Das ist schade; selbst ein Roman wie „Der Tisch steht falsch“, der ein reines Routine-Produkt darstellt, kündet vom Talent der Autorin.

Kleine Ursache führt zu mörderischer Wirkung

Ungeachtet des blödsinnigen deutschen Titels liest sich dieses Buch ungemein spannend. Gewisse zeitgenössische Eigenheiten muss man akzeptieren; sie spiegeln eine vergangene Zeit mit anderen gesellschaftlichen Normen wider und tragen heute nicht selten zum Lektürevergnügen bei. Der Plot ist für eine Autorin, die in ihren besten Zeiten drei Romane pro Jahr veröffentlichte, erstaunlich komplex geraten. Er wird - die Überraschung steigt - höchst professionell, d. h. spannend, logisch und flott umgesetzt.

Polizeiarbeit ist vor allem Erfahrung und Routine. Indizien werden gesichert und überprüft. Meist führen sie in eine Sackgasse. Irgendwann sind alle falschen Spuren geduldig aussortiert. Diesen immer gleichen Vorgang unterhaltsam zu ‚verpacken‘ ist keine einfache Aufgabe. Viele Autoren lassen deshalb gern das Duo Geistesblitz & Zufall die Handlung beschleunigen. Dell Shannon lässt diesen Trick außen vor. Sie vermag den Fortschritt der Ermittlung aus der Handlung selbst zu entwickeln. Wie sie aus einer Schießerei mit Jugendlichen einen völlig anderen ‚Fall‘ entstehen lässt, ist bemerkenswert.

Kein Polizist von der Stange

Luis Mendoza: Ein Mann spanisch-mexikanischer Herkunft hat es zu einem hohen Rang in der Polizei-Hierarchie gebracht. Um 1960 war das weder in der Realität noch im Kriminalroman eine Selbstverständlichkeit. Dell Shannon ging noch weiter: Mendoza reiht sich nicht ostentativ bescheiden in seine Kollegenschar ein. Er hat geerbt und genießt seinen Reichtum, fährt einen europäischen (!) Luxuswagen und kleidet sich betont teuer und elegant. An seiner Seite sieht man stets schöne Frauen.

Faktisch hat er es nicht nötig zu arbeiten, aber er ist aus dem Holz eines wahren Ermittlers geschnitzt. Nach dem Willen der Autorin hat sich dies im LA-Morddezernat herumgesprochen, wo man Mendoza mit Respekt und Freundschaft begegnet; es ist übrigens dasselbe LAPD, das noch 2001 wegen Polizeibrutalität, Rassismus, Korruption und Drogensucht der direkten Aufsicht des US-Justizministeriums und der Stadt Los Angeles unterstellt werden musste ...

Solche Unerfreulichkeiten fanden in einem ‚normalen‘ Kriminalroman 1962 selbstverständlich keine Erwähnung. Hier ist besagtes Morddezernat der Hort engagierter Männer, die hart gegen das Verbrechen und für die Gerechtigkeit arbeiten. Verbrecher können die Polizei zwar eine Weile an der Nase herumführen, werden letztlich jedoch natürlich überführt. So wünschte es die Mehrheit eines Krimi-Publikums, die vom Profi Shannon routiniert bedient wurde.

Fazit

Obwohl das Serienprodukt einer versierten Vielschreiberin, ist der dritte Krimi der Luis-Mendoza-Serie nicht nur sauber geplottet, sondern auch spannend geschrieben und mit gut gezeichneten Figuren besetzt: Mittelmaß kann unterhaltsam sein!

Der Tisch steht falsch

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Der Tisch steht falsch

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