Die Taten der Opfer

  • Edition Raetia
  • Erschienen: April 2022
Die Taten der Opfer
Die Taten der Opfer
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Thomas Gisbertz
75°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2022

Wenn die Vergangenheit einen einholt

Da ein Kollege unbestimmte Zeit ausfällt, wird Streifenpolizist Filippo Magnabosco in die Bozner Mordkommission berufen. Zusammen mit der neuen Assistentin Carmela Pasqualina muss er einen brutalen Frauenmord aufklären. Im Wunderbrunnen des Neustifter Klosters liegt eine Frauenleiche. Das Opfer wurde vor seinem Tod mit einer mittelalterlichen Zungenschere gefoltert. Was steckt hinter dieser ungewöhnlichen Martermethode? Wollte man die Frau zum Schweigen bringen? Obwohl ihnen der Staatsanwalt und der Vorgesetzte im Nacken sitzen, haben Magnabosco und Pasqualina auch nach Wochen keine heiße Spur.

Während die Ermittler noch rätseln, verdächtigt Lokalreporter Andreas Schmalzl die seltsame Schriftstellerin Anne Marschall. Diese spricht ständig in einem anachronistischen Idiom und lebt sehr zurückgezogen, ist aber mit ihren Romanen äußerst erfolgreich. Ihr Lieblingsthema: das Mittelalter. Es dauert nicht lange und ein weiterer rätselhafter Mord geschieht ...

Südtiroler Autorin

Simone Dark ist das Pseudonym der Schriftstellerin Susanne Wiebel. Die gebürtige Freiburgerin wuchs in Breisach an der französischen Grenze auf. Sie ist gelernte Übersetzerin und Dolmetscherin für die Sprachen Italienisch und Französisch. Wiebel lebt seit 2008 in Südtirol und arbeitet in Bozen als Übersetzerin. 2014 veröffentlichte Wiebel ihren ersten Roman im Eigenverlag, dem mehrere, vorwiegend regionale Krimis, folgen sollten.

2022 schrieb Simone Dark den Roman zur Folge „Verspieltes Glück“ der bekannten ARD-Krimireihe „Der Bozen-Krimi“ mit Chiara Schoras und Gabriel Raab in den Hauptrollen. „Die Taten der Opfer“ ist nun ihr zweites Buch bei Edition Raetia, einem regionalen Literatur- und Sachbuchverlag mit Sitz in Bozen.

Ungewöhnliche Protagonistin

Die Figur der mysteriösen Schriftstellerin Anne Marschall ist nicht vollkommen neu. Bereits in Simone Darks 2016 erschienen Roman „Annes Schwester“ taucht die Protagonistin namentlich auf. Die „neue“ Anne ist eine ungewöhnliche Frau: Die sehr introvertierte Autorin hat sich im alten Haus ihrer verstorbenen Mutter ihre eigene kleine Welt geschaffen. Zugang zu dieser erhält eigentlich nur ihre gute Freundin und Assistentin Marlene Pittscheider, deren Leben Anne gerettet hat und um die sich Marlene nun im Gegenzug kümmert.

Schon während ihrer Zeit im Mädcheninternat galt Anne als Außenseiterin, weil ihr Interesse der Geschichte, Religion und dem Mittelalter galt und sie bis heute eine glühende Verehrerin des Minnesängers Oswald von Wolkenstein ist. Anne wurde aufgrund ihrer ungewöhnlichen Vorlieben zu Schulzeiten Opfer eines brutalen Mobbings durch die anderen Mädchen. Hat sie sich nun zum 30-jährigen Klassentreffen an den damaligen Übeltäterinnen gerecht?

Die Suche nach sich selbst

Auch der Streifenpolizist Magnabosco ist ein besonderer Charakter: Nicht nur, dass er unfreiwillig zum Mordermittler wird, erfährt er auch von seiner On-Off-Beziehung Clara, dass diese von ihm schwanger ist. Wie gut, dass es Freund Sergio gibt, mit dem er des Öfteren in den Kneipen rund um Brixen anzutreffen ist. Gleichzeitig scheint der doch eher ungepflegte Magnabosco das Herz seiner Kollegin Carmela entflammt zu haben, die ihrerseits nicht auf den Mund gefallen ist. Genau diese Mischung aus ungewöhnlichen, mitunter skurrilen Charakteren ist es dann auch, was den Roman so lesenswert macht. Die Handlung lebt weniger von einer knisternden Spannung, da man schnell weiß, wer hinter den Taten steckt - obwohl die Autorin am Ende noch mit einer Überraschung aufwartet.

„Die Taten der Opfer“ ist ein Roman, bei dem auch nicht die Ermittlungsarbeit im Vordergrund steht. Tatsächlich erfährt man hier nämlich nur das Nötigste. Stattdessen geht es in diesem trotz der brutalen Morde doch recht geruhsamen Krimi um die Menschen und deren Motive für ihr Handeln. Dies gilt in gleicher Weise für die Täterin bzw. den Täter wie für alle anderen Figuren. Egal, ob Mörder, Ermittler, Journalist oder beste Freundin. Allesamt sind sie Suchende - nach der Wahrheit oder einfach nach sich selbst. Wie der Titel bereits sagt, sind es die Taten der Opfer und deren Fehlverhalten, an denen Kritik geübt wird. Letztendlich ist aber auch die Täterin bzw. der Täter ein Opfer der eigenen Vergangenheit. Dass es den Figuren dennoch bis zum Schluss etwas an Tiefe fehlt, ist der Kürze des Romans geschuldet.

Fazit

Simone Dark legt mit „Die Taten der Opfer“ einen in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen, aber lesenswerten Kriminalroman vor, der von den besonderen Charakteren lebt und mit einem klaren, oft ironischen Sprachstil zu überzeugen weiß. Magnabosco und Pasqualina dürfen gerne in Serie gehen.

Die Taten der Opfer

, Edition Raetia

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