LAPD ’53

  • Ullstein
  • Erschienen: Mai 2022
LAPD ’53
LAPD ’53
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2022

Verbrechen ohne Filter und schwarzweiß

Das Los Angeles Police Department ist (nach New York City und Chicago) die drittgrößte Polizeibehörde der USA. Als sie 1869 gegründet wurde, lag die Entwicklung der Stadt noch in weiter Ferne. Die Gunstlage in Grenznähe zu Mexiko sorgte nach dem Zweiten Weltkrieg für ein Aufblühen, dem sich das lokale Verbrechen anschloss. Hollywood lockte Menschen in die Stadt, wo sie meist Teil einer vom Boom abgehängten Unterschicht wurden.

„Multikulti“ war in Los Angeles schon früh ein Allgemeinzustand. Das Zusammenleben einander oft feindselig gesonnener Gruppen sorgte für eine labile Situation. Die Polizei musste innovativ reagieren, um trotz permanenter Unterbesetzung für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen. Gewalt im Dienst gehörte zur Routine; Verdächtige wurden geschlagen, flüchtige Kriminelle „auf der Flucht“ und „in Notwehr“ erschossen. Für solche Praktiken war (und ist) das LAPD berüchtigt, denn die ‚Tradition‘ lebt, obwohl dies in diesem Buch immer wieder negiert wird.

Das Los Angeles Police Museum ist US-weit die einzige Einrichtung seiner Art. Gesammelt werden Dokumente, Fotos und Artefakte aus der Geschichte der Behörde. Jahrzehntelange Arbeit sorgte für einen beachtlichen und historisch wertvollen Bestand, der nicht nur ausgestellt, sondern auch erforscht und der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

„LAPD '53” ist ein Projekt, dessen Umsetzung mehrere Jahre in Anspruch nahm. Das Buch geht über den üblichen Ausstellungskatalog weit hinaus und stellt eine Mischung aus Bildband, Sachbuch und „True-Crime“-Dokumentation dar, wobei letztere buchstäblich literarische Qualitäten aufweist, da man für die Texte einen ganz besonderen Autor gewinnen konnte.

Der wütende Mann am schaurig-schönsten Ort der Welt

James Ellroy stellt einerseits eine naheliegende, andererseits jedoch problematische Wahl dar. Er wurde 1948 in Los Angeles geboren. Von seinen Eltern vernachlässigt, streifte er schon als Kind durch die Straßen und beobachtete durchaus voyeuristisch deren Schattenseiten. 1958 wurde Ellroys Mutters ermordet, der Fall nie geklärt. Darauf folgte eine dunkle Phase als Kleinkrimineller und Drogenabhängiger, bis Ellroy in den 1970er Jahren der Neustart gelang. Er wurde zu einem der bekanntesten Krimi-Schriftsteller seiner Generation, wobei seine Romane oft im historischen Los Angeles spielen: Die Vergangenheit der Stadt wurde zu Ellroys fixer Idee, was er allerdings künstlerisch erfolgreich umsetzen (und abreagieren) kann.

Immer wieder nutzt Ellroy das Archiv des Museums, setzt sich für die Institution ein, fördert sie finanziell und unterstützt sie mit seinem Namen. Er ist auch deshalb ein gerngesehener Gast, weil er die negativen Seiten der LAPD-Historie zwar nicht abstreitet, aber relativiert - dies nicht einmal zu Unrecht: Ellroy weist auch in diesem Buch immer wieder auf einen Lebensalltag hin, der mit der Gegenwart wenig zu tun hatte. Polizeibrutalität, Rassismus, Vorurteile: Die US-Welt bestand in den 1950er Jahren eben nicht nur aus Hochglanz-Kinofilmen, flossenbewehrten Straßenkreuzern oder Wolkenkratzern.

Dieses Buch konzentriert sich auf ein Jahr der Stadthistorie. 1953 war William H. Parker Leiter des LAPDs - ein tüchtiger, unbestechlicher Mann, der mit vielen Missständen aufräumte. Gleichzeitig war er ein bigotter, rassistischer Eiferer und Säufer. Für Ellroy erhebt ihn dies in den Stand eines gefallenen Engels, der als Polizist tat, was in einer dem Verbrechen unterliegenden Stadt getan werden musste, und keine Scheu hatte, sich die Finger schmutzig/blutig zu machen. Solche zwiespältigen Charaktere liebt Ellroy, der selbst um die Dämonen weiß, die einen Menschen heimsuchen und zerstören können.

Der unverstellte Blick in die Schatten

„LAPD '53” präsentiert Bilder aus dem Polizeialltag des genannten Jahres. Man sieht Ordnungshüter, Verdächtige - und Leichen, denn schon 1953 wurde ein Tatort gründlich fotografiert. Im Vordergrund stand dabei die möglichst deutliche Sichtbarkeit von Spuren, um Tatumstände juristisch relevant zu dokumentieren. Unabhängig davon sind die ausgewählten Fotos eindrucksvoll. Die Bildschärfe überrascht jene, die solche Qualität mit der Erfindung der digitalen Fotografie gleichsetzen. Doch die Schwarzweiß-Technik von 1953 besaß ein hohes Niveau, und die ‚Farblosigkeit‘ unterstreicht die Unmittelbarkeit der Szene. Nicht grundlos zieht Ellroy immer wieder Parallelen zwischen der Polizeifotografie und den zeitgleichen Kino-Klassikern der „Schwarzen Serie“. Die Fotos filtern das Unerfreuliche nicht aus; besonders eindrucksvoll ist jenes Bild eines Mannes, dem gerade ein Ohr abgeschossen wurde; es scheint ihn nicht groß zu kümmern (S. 215).

Ein Team engagierter Mitarbeiter des Los Angeles Police Museums hat die Geschichten hinter den Bildern rekonstruiert. Ellroy hat daraus Begleittexte gemacht bzw. mit der für ihn typischen Verve auf das Papier gerotzt. „Politisch korrekt“ ist für ihn bekanntlich ein Reizwort, das er erst recht ignoriert, wenn er die Vergangenheit wiederaufleben lässt. Also schwelgt Ellroy in ‚verbotenen‘ Wörtern, schreibt „Neger“, „Transe“, „Alki“ oder „mexikanischen Tunichtgute“, wie es 1953 alltäglich war. Selbstverständlich gendert Ellroy nicht, wie er überhaupt die übertriebene Rücksicht der Gegenwart mit ätzenden Kommentaren geißelt: Ellroy ist ein Außenseiter, und er zelebriert dies.

Auf historische Präzision legt er ausdrücklich weniger Wert. Ellroy nutzt die Chance und erzählt oft Geschichten zu den Fotos, die er sich ausgedacht hat. Die Bilder haben seine Fantasie angeregt, und er spinnt daraus kurze Schlaglichter, in denen er zurückkehrt in jene Vergangenheit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die er verehrt und bitterlich vermisst. „LAPD '53” wird zu einer - manchmal kruden - Mischung aus Sachbuch und Roman; dies auch deshalb, weil Ellroy die Polizeigewalt der Ära offenkundig befürwortet: Der Zweck heiligt die Mittel, zumal Kriminelle ohnehin Schwächlinge und Lumpen sind, die sogar noch viel öfter im „Grünen Zimmer“ - dort stand die Gaskammer - hätten enden müssen! Die Entscheidung, wieviel davon ehrliche Überzeugung oder spätpubertäre Provokation ist, bleibt den Lesern überlassen.

Fazit

Polizeifotos aus dem Jahre 1953 werden für den Krimi-Schriftsteller James Ellroy zum Auslöser für Geschichten aus der Unterwelt von Los Angeles. „True Crime“ mischt sich mit Fiktion, denn der Verfasser geht seiner lebenslangen Passion nach und formt die Vergangenheit nach seinen Wunschvorstellungen: ein vor allem aufgrund der aussagestarken Fotos interessantes Buch.

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