Bekenntnisse eines Betrügers

  • Kein & Aber
  • Erschienen: Mai 2022
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Thomas Gisbertz
78°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Gisbertz Mai 2022

Vom Aufstieg und Fall eines Hochstaplers

Ramesh Kumar - Bildungsberater. So steht es auf der Visitenkarte des jungen Inders. Er ist einer der besten Prüfungsabsolventen Delhis und vermutlich der gesamten Welt. Oder besser gesagt: Ramesh ist ein professioneller Prüfungsbetrüger, der sich fürstlich dafür entlohnen lässt, für die weniger intelligenten Söhne reicher Inder die unterschiedlichsten Examen abzulegen. Skrupel kennt er keine, denn er sieht sich als Produkt einer „westlichen Arschloch-Meritokratie“. Moral ist eine Erfindung des Westens. Außerdem hat sich Ramesh seine Bildung hart erkämpft und möchte unter keinen Umständen in die bettelarmen Verhältnisse seiner Kindheit zurückkehren. Als er eines Tages bei den nationalen Uni-Aufnahmeprüfungen All Indias den ersten Platz belegt (eigentlich den zweiten, aber ein Muslim zählt eben nicht), macht er seinen Klienten, den 18-jährigen Rudi, über Nacht zum berühmtesten Mann ganz Indiens. Ausgelassen genießen die beiden das Leben in der Welt der Reichen und Schönen, treten aber den falschen Leuten auf die Füße und schlittern so in eine rasante Hetzjagd von Kidnapping und Erpressungen.

Modernes Indien

Rahul Rainas Leben spielt sich zwischen Delhi und Oxford ab. Auf der Seite des Schweizer Verlags „Kein & Aber“ heißt es: „In England leitet der Autor sein eigenes Beratungsunternehmen, in Indien arbeitet er für Wohltätigkeitsorganisationen und unterrichtet Englisch. Seinen Debütroman Bekenntnisse eines Betrügers schrieb er in der brütenden Hitze Neu-Delhis“.

Der Roman ist eine originelle, mitreißende, komische und bissige Satire auf das moderne Indien, die nicht an Gesellschaftskritik spart. Eine schonungslose, wütende, aber auch augenzwinkernde Abrechnung mit einem System, das sich längst überholt zu haben scheint.

Der Junge aus den Slums

In Rahul Rainas satirischem Debüt über seine indische Heimat sind die Dinge anders als in einem „Bollywood-Film“, auch wenn die Handlung mit seiner Aufstiegsgeschichte an den Film „Slumdog Millionaire“ nach der Romanvorlage von Vikas Swarup erinnert. Raina geht aber einen Schritt weiter und bietet ein literarisches Crossover durch ziemlich alle Genres. Das sollte man wissen, wenn man sich als Krimi-Liebhaber für diesen Roman entscheidet. Von Anfang bis Ende herrscht Chaos und Durcheinander und nichts ist so, wie es scheint.

Der 24-jährige Ramesh Kumar wächst in ärmlichen Verhältnissen auf den Straßen von Ost-Delhi auf. Seine Mutter stirbt bei der Geburt, der alleinerziehende Vater ist ein brutaler, desillusionierter Schläger, der sein Geld mit dem Verkauf von Tee verdient. Ein Leben, das ins Nirgendwo führt. Für Ramesh ein Albtraum. Doch dass alles für ihn dennoch zu einer Erfolgsgeschichte wird, verdankt er der französischen Nonne Claire, die ihn - nicht nur gegen den Widerstand des Vaters - unterstützt und ihm eine Schulausbildung ermöglicht. Um der an Krebs erkrankten Claire eine dringend benötigte Operation zu ermöglichen, legt er nach wochenlangem intensivem Studium die staatlichen Abschlussprüfungen für den Sohn des behandelnden Arztes ab - und das mit Erfolg. Dies ist der Beginn eines neuen „Bildungskonzepts“ und einer goldenen Zukunft für Ramesh.

Als sich die Eltern seines aktuellen Klienten für das „All India Examinations: Premium Package“ entscheiden, ahnt Ramesh noch nicht, was dies alles auslösen wird. Über Nacht wird der unwissende und naive Rudi nach der besten Prüfung des Landes nicht nur der Liebling der Massen, sondern auch ein erfolgreicher Quizshow-Moderator und eine Werbeikone. Ramesh nutzt die Gunst der Stunde und betreut ihn als Manager. Man kann sich denken, dass dies nicht gut gehen kann. Die Erfolgsgeschichte ruft Neider auf den Plan und der Betrug droht aufzufliegen.

Ab diesem Zeitpunkt überschlägt sich die Handlung. Bestechung, Erpressung, Verrat, Entführungen, Verfolgungsjagden: Die Geschichte lässt nichts aus, fragt aber auch nicht immer nach Logik. Wenn man sich aber mit der nötigen Gelassenheit darauf einlässt, unterhält die ungewöhnliche Geschichte, auch wenn die ständigen Einwürfe und Kommentierungen des Ich-Erzählers auch irgendwann ermüdend wirken können.

Der Roman entfaltet seinen besonderen Reiz, wenn man sich mit der Welt Indiens und den gesellschaftlichen sowie politischen Verhältnissen des Landes auskennt. Ansonsten erschließen sich die zahlreichen Anspielungen und spitzen Bemerkungen nicht immer. Man würde etwas verpassen, denn gerade hieraus zieht der Roman seine große Stärke.

Fazit

Ein Crossover-Roman, der sich literarisch nicht festlegen mag und vielleicht genau deswegen gelingt. Die „Bekenntnisse eines Betrügers“ ist ein Wechselbad zwischen Satire, Kriminalroman und Gesellschaftskritik. Wenn man sich Zeit für den Roman nimmt, wird man sich dem Charme der Geschichte nicht entziehen können.

Bekenntnisse eines Betrügers

Rahul Raina, Kein & Aber

Bekenntnisse eines Betrügers

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