Mr. Pinkerton und der nette alte Mann

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1972
Mr. Pinkerton und der nette alte Mann
Mr. Pinkerton und der nette alte Mann
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2022

Biologischer Feldzug gegen britische Familie

Eine schreckliche Tat wird vage angedeutet, was für Scotland Yard in dieser noch nicht durch Hast und enge Dienstpläne geprägten Ära zwischen den Weltkriegen Grund genug ist, Inspektor John Humphrey Bull zu der angegebenen Adresse zu schicken. Er trifft am Schauplatz eines tragischen Todesfalls ein: Nach mehrtägigem Leiden ist gerade erst Lawrence Sprague elend an der „Kieferklemme“ - dem durch das Tetanus-Bakterium verursachten Wundstarrkrampf - gestorben.

Der Bankangestellte hinterlässt seine beiden untröstlichen Schwestern Beatrice und Margaret. Ebenfalls oft im Haus anwesend sind Emily Sprague, eine ältliche Tante, und ihr Neffe Eric Cutler, der nichtsnutzige Cousin der Schwestern. Sie alle werden zu Verdächtigen, als Bull tiefer zu bohren beginnt. Den geistig ein wenig trägen, aber überaus pflichtbewussten und erfahrenen Polizist irritiert, dass erst vor wenigen Wochen auch der Vater der drei Geschwister plötzlich einer schweren Krankheit erlag.

Dann stellt die Spurensicherung fest, dass Lawrence absichtlich mit Wundstarrkrampf infiziert wurde. Die Bakterien stammen aus der Tasche eines Forschers, dem diese aus dem Auto gestohlen wurde. Sie enthielt nicht nur den Erreger für Tetanus, sondern auch für Grippe sowie weitere tödliche Mittel. Was plant der Dieb - der womöglich schon zum Mörder wurde - mit diesem brisanten ‚Vorrat‘?

Wie sich bald herausstellt, hat er - oder sie? - die Mitglieder der Familie Sprague im Visier. Mehrere seltsame Einbrüche, bei denen der Täter auf Geld oder Wertsachen keinen Wert legte, legen die Vermutung nahe, dass es etwas gibt, das noch wertvoller ist und gesucht wird - erst intensiv, dann zunehmend verzweifelt, was die Todesrate abrupt in die Höhe schnellen lässt …

Wie man völlig unnötig einen Krimi sabotiert

Früher war ganz sicher nicht alles besser: Die entsprechende Binsenweisheit sollte längst als solche entlarvt sein. Die deutsche Ausgabe des hier vorgestellten Buches ist nur ein weiterer, aber deutlicher Beweis. Wer hat der Übersetzung dieses Rätselkrimis zu allem Überfluss einen Titel geben dürfen, der den Tatverdacht der Leser in eine Richtung lenkt, die der Autor nur zart andeutet, aber ansonsten vorschriftsmäßig verschleiert, um erst in einem schockierenden Finale die Wahrheit zu enthüllen? Selbst der Allerwelttitel der Erst-Übersetzung („Wer ist der Nächste?“) sorgte diesbezüglich für die erforderliche Unkenntnis!

Wenn man weiß, wohin der Hase laufen wird, büßt dieser ansonsten gänzlich den Genremustern folgende Krimi an Wirkung ein; hinzukommt, dass ihm die Eleganz der großen Meisterinnen und Meister abgeht. Inspektor Bull ist kein Ermittler, der den Lesern im Gedächtnis bleibt. Womöglich ist Autor David Frome zu erfolgreich in seinem Versuch, eben keinen der typischen, d. h. ebenso genialen wie exzentrischen Ermittler auf Mörderjagd zu schicken. Schon der Name „John Bull“ ist ein Gag, denn so nannte man einst - und analog zum deutschen „Michel“ - den ‚typischen‘ Durchschnitts-Briten, der sein Heimatland buchstäblich personifizierte.

Bull ist zudem mit einer Statur geschlagen, die seinem Namen entspricht. Dies suggeriert eine Schwerfälligkeit (und Esssucht), die zur Charakterisierung gehört. Man setzt Bull dort ein, wo das Verbrechen keine höheren Gesellschaftsschichten betrifft, denn dort wäre er verloren, weil ihm die Bildung, das Geschick und die Gewandtheit abgehen, die beispielsweise einen Hercule Poirot klassenunabhängig agieren lassen. Bull ist ein einfacher Mann, der Verbrechen aufklärt, wo er sich auskennt: im unteren Mittelstand sowie im ‚Proletariat‘. Dort herrscht in dieser ‚unschuldigen‘ Ära eine Statik, die ‚Berufsverbrecher‘ und Täter aus Leidenschaft trennt, was wiederum die Fahndung erleichtert.

Die Schrecken der modernen Medizin

So ‚weiß‘ Scotland Yard einfach, dass der Safe des Antiquitätenhändlers Benn nur von zwei gut bekannten ‚Kunden‘ geknackt worden sein kann: Man erkennt sie an ihrer handwerklichen Handschrift und hat sie schnell gefasst, denn sie sind sehr bodenständig, haben Frau und Familie und nehmen es nicht übel, wenn sie wieder einmal im Knast landen: Das wird als Berufsrisiko abgehakt.

Doch dieses Verbrechen, in das Bull zufällig gerät, weil er seinen Job so ungemein ernstnimmt, besitzt eine Dimension, die den systematisch vorgehenden, nie von Geistesblitzen heimgesuchten Inspektor zunächst überfordert. Bull hat Glück, dass er in einer Zeit aktiv ist, in der Dienstpläne noch nicht zum Korsett oder gar zur Würgeschlinge mutiert sind: Viele Wochen darf der Inspektor mit dem Segen seines Vorgesetzten ermitteln, obwohl lange nicht einmal feststeht, dass sich hinter dem Tod von Lawrence Sprague ein Verbrechen verbirgt.

Gerade dieser Verzicht auf jede durchaus auch im „Cozy“-Krimi übliche Überspitzung sorgt zusammen mit einer gewissen Schwerfälligkeit der Handlung für einen nicht durchweg positiven Lektüre-Eindruck. Wurde für diese (angebliche „deutsche Erstveröffentlich“, was sich nur auf die Übersetzung bezieht) Eindeutschung der Originaltext gekürzt, um den Band der zeitgenössisch leider gebräuchlichen Umfangnormierung - hier 144 Seiten - zu unterwerfen? Oder gehört dieser Roman zu jenen Krimis, die zwar alt, aber nicht ‚gut‘ sind?

Autorin im Such-Modus

Wir haben es hier mit dem frühen Werk eines Verfassers zu tun, der kein „er“ war und auch nicht „David Frome“ hieß: Die Schriftstellerin Zenith Jones Brown (1898-1983) - geboren in Kalifornien und nur für wenige Jahre (1929-1931) in England beheimatet - wählte sich wie viele weibliche ‚Kollegen‘ ein ‚männlich‘ klingendes Pseudonym, weil Frauen ja keine ‚richtigen‘ Krimis schreiben konnten; ein Vorurteil, das relativ bald relativiert wurde, weshalb Brown als „Leslie Ford“ später echten Ruhm erntete. (Als „Brenda Conrad“ schrieb sie außerdem einige Nicht-Krimis.) Für die insgesamt zwölf Bände der Bull-&-Pinkerton-Serie blieb sie jedoch „David Frome“.

Bis 1950 erschienen neue Romane, wobei der Löwenanteil in die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg fällt. Die Serie bietet Whodunit-Kost nach althergebrachtem Rezept. Handlung und Figurenzeichnung sind mit genauem Blick auf die erfolgreichen Bände heute gerühmter Autoren konzipiert, wobei wie schon gesagt die eigentliche Genialität fehlt. Dies unterstreicht eine obligatorische Liebesgeschichte - der Inspektor verguckt sich unbeholfen in eine hübsche Verdächtige -, die nicht für Dramatik sorgt, sondern Klischee bleibt.

Nicht hilfreich ist weiterhin, dass Inspektor Bull und Mr. Pinkerton zumindest in diesem Band kein echtes oder interessantes Team bilden. Obwohl Pinkerton den deutschen Titel bestimmt, ist er eine im Grunde überflüssige Nebenfigur. Zwar tritt er im Finale als rettender Engel auf, doch es bedarf anschließend einer langen und langatmigen Erklärung, wieso ausgerechnet Pinkerton diese Rolle übernehmen konnte. Als „Leslie Ford“ hatte Brown dies mit dem Ermittler-Paar Grace Latham und Colonel Primrose (16 Bände zwischen 1934 und 1952) besser im Griff.

Fazit

Der Start in eine insgesamt zwölfbändige Serie ist kein Donnerschlag, sondern bleibt als zeittypischer Rätselkrimi in der Handlung zäh, wird ein wenig zu sehr von Zufällen regiert und von gar zu nüchternen Figuren bevölkert: interessant wegen des ungewöhnlichen Tatwerkzeugs und als Beleg für Krimi-Handwerk, das es nicht zum Klassiker geschafft hat.

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