Altes Leid

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 2023

- Die Ida-Rabe-Reihe 1

- Paperback, Klappenbroschur

- 448 Seiten

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Thomas Gisbertz
70°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2023

Ein steiniger Weg für eine starke Polizistin in der Nachkriegszeit

Hamburg, 1947. Nach nur wenigen Wochen Ausbildung tritt Ida Rabe ihre erste Stelle als Polizistin bei der Davidswache auf St. Pauli an. Sie soll die neu gegründete Weibliche Polizei verstärken. Doch nicht jeder steht der weiblichen Verstärkung positiv gegenüber. Während Ida ihr Glück über die Anstellung kaum fassen kann, zweifelt Polizeimeister Hildesund an ihren Fähigkeiten: „Sie sollten sich nicht zu sehr daran gewöhnen. Die Zeiten könnten sich schneller ändern, als Sie vermuten.“ Aber Ida bleibt gar keine Zeit, sich über das männliche Machtgehabe zu ärgern, denn sie bekommt gleich viel zu tun: Im nachkriegszerbombten Hamburg trifft man das Elend an jeder Ecke – in Form von Bettlern, Prostituierten und stehlenden Kindern.

Als eine Frau im Umland tot aufgefunden wird, grausam verstümmelt und mit aufgeschnittenem Unterleib, scheint sich niemand besonders für den Fall zu interessieren. Doch Ida, deren eigene dunkle Vergangenheit mit der Unterwelt Hamburgs verschlungen ist, macht sich auf die Suche nach dem Täter. Bald ist klar: In Hamburg geht ein Monster um. Und um es zu fassen, muss Ida ihm gefährlich nahe kommen.

Neue Kriminalreihe

Lea Stein ist das Pseudonym der Autorin, Lektorin und Journalistin Kerstin Sgonina, die bereits mehrere Romane veröffentlichte. Als sie mit 18 Jahren nach Hamburg zog, verliebte sie sich sofort in die Stadt. Nach dem Abitur schlug sie sich auf der Reeperbahn als Türsteherin und Barfrau durch. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Brandenburg.

„Altes Leid“ ist ihr erster Kriminalroman und der Auftakt der Reihe um Polizistin Ida Rabe. Als historisches Vorbild für ihre Protagonistin diente Rosamunde Pietsch, die „Mutter aller Polizistinnen“. Sie war eine der ersten Frauen in Deutschland, die zur Schutzpolizei kamen, Streife liefen und uniformiert waren. Pietsch wurde in den 1950ern als einzige Frau zur Kommissarin ausgebildet und kurze Zeit später zur Leiterin der Weiblichen Schutzpolizei in Hamburg ernannt. Sie leistete Pionierarbeit, besonders auch im Bereich der Gleichberechtigung in einer männerdominierten Polizeiwelt.

Ambivalenter Roman

Man muss bei der Bewertung des Romans zwischen zwei Bereichen unterscheiden: der Darstellung der Weiblichen Polizei und des zeitgeschichtlichen Hintergrunds einerseits und dem eigentlichen Plot und dessen Gestaltung andererseits.

Zunächst bietet der gut recherchierte und historisch genaue Roman viel Zeitkolorit. Die Nachkriegszeit im Hamburg der späten 1940er-Jahre wird sehr lebendig und glaubwürdig dargestellt. Gleichzeitig bewegt sich die Autorin aber manchmal zu nah an den Fakten und ihren Rechercheergebnissen. Dann gibt es das eine oder andere Detail zu viel, zumal das Ziel nicht nur ein nah an den historischen Fakten angelegter Roman sein sollte, sondern vor allem eine spannende Kriminalerzählung. Dieser Spagat gelingt aber vor allem im ersten Teil des Romans nur bedingt. Zu sehr erinnert der Einstieg sprachlich und inhaltlich an die Romane der Autorin, die im Hamburg der 1950er- und 1960er-Jahre spielen und bei denen ebenfalls starke Frauenfiguren im Vordergrund stehen. Insgesamt noch zu viel Roman und zu wenig Spannung und Tempo. Dies liegt auch daran, dass die besondere Protagonistin und ihre Einführung zunächst (zu) sehr im Vordergrund stehen.

Sexuelle Diskriminierung

Die junge Polizistin Ida wird immer wieder mit der patriarchalischen Welt der Polizei und aus heutiger Sicht unfassbaren Stereotypen konfrontiert. Vor allem muss sie sich häufiger mit der selbstzufriedenen, anmaßenden und überheblichen Art des Polizeimeisters Hildesund auseinandersetzen: „Doch bilden Sie sich ruhig für eine Weile ein, hier auf Verbrecherjagd gehen zu können. Bald ziehen wir andere Saiten auf. Dann heißt es: zurück in Ihren Wirkungskreis, Beste, ins traute Heim zu Kindern und Kochtöpfen. Und lassen Sie uns hoffen, dass Ihnen Ihre Anmut bis dahin nicht restlos verloren gegangen ist.“ Doch es gibt auch Männer, die Ida unterstützen und ihren scharfen Verstand zu schätzen wissen, wie den Gerichtsmediziner Ares Konstantinos, mit dem sie sich mehr und mehr anfreundet und ihm auch persönlich näher kommt.

Aber auch ohne ihn lässt sich dich junge Polizistin zum Glück nicht vom Machtgehabe einiger Polizisten beeindrucken und geht selbstbewusst ihren Weg - auch wenn der zunächst im Abtippen von Meldungen besteht. Dennoch nimmt die junge Polizistin ihren Dienst ernst, ist die Weibliche Polizei doch für Frauen, Kinder und weibliche Jugendliche zuständig. Allerdings darf sie weder mit den männlichen Kollegen in einem Büro sitzen noch eine Waffe tragen.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit führt eine Spur Ida zu Sexualdelikten in Vierlande, am Stadtrand von Hamburg. Mehrere Frauen wurden vergewaltigt, als sie versuchten, bei den Bauern etwas zu essen zu bekommen. Während Ida den Frauen glaubt, suchen die männlichen Polizisten oftmals die Schuld bei den Opfern - denn „Notzucht“ liege nur vor, wenn der Mann große Kraft aufbringen müsse und die Frau wirklich Widerstand leiste: „Ein bisschen eitles Sträuben macht niemanden zum Opfer.“ Als schließlich auch noch ein brutaler Mord an einer Frau verübt wird, ist Idas Spürsinn geweckt und trotz männlicher Widerstände ist die junge Polizistin nicht mehr zu bremsen.

Fazit

Lea Stein gelingt es den Ton der Zeit zu treffen und ein beeindruckendes Bild einer starken Frau zu zeichnen. Allerdings würde der Handlung mehr Tempo und ein früherer Spannungsaufbau guttun. Es lohnt sich aber, einen langen Atem zu haben, da die Story zunehmend packender wird und das Motiv hinter dem Verbrechen zutiefst traurig und berührend ist.

Altes Leid

, Heyne

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