Ein langes Wochenende: Und dein Mörder wartet schon

  • Blanvalet
  • Erschienen: Oktober 2022

- Übersetzung: Sabine Schilasky

- Originaltitel: "The Long Weekend"

- Klappenbroschur

- 450 Seiten

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Stefanie Eckmann-Schmechta
89°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2023

Ein Wochenende, das alles verändert

Drei Frauen sind für ein langes Wochenende aufs Land gefahren, in die abgelegene Moorlandschaft von Northumbria, nahe der Schottischen Grenze. In einer ehemaligen Scheune, das zum Ferienhaus umgebaut wurde, sollen sie auf ihre drei Ehemänner warten. Jayne, Ruth und Emily sind alles andere als begeistert. Als sie unerwartet ein Geschenk mit Karte auf dem Küchentisch finden, machen sie eine verstörende Entdeckung. Die Karte ist von Edie, die seit jeher Teil der „Gang“ und mit ihren Ehemännern befreundet ist. Edie wünscht ihnen ein schönes Wochenende und teilt ihnen gleichzeitig mit, dass sie jetzt, da sie dies gerade lesen, einen ihrer Ehemänner ermordet hat…

Drei Frauen, drei Reaktionen

Während Jayne sich auf ihre Ausbildung im Geheimdienst besinnt und versucht, analytisch an die Sache heranzugehen, gerät Emily, die jüngste von ihnen, in Panik. Ruth hingegen ist ganz in ihrem eigenen Dilemma gefangen. Sie hat alles geschafft, was man sich wünschen kann. Doch als frischgebackene Mutter ist sie unsicher. Ihre Gedanken wandern dabei immer wieder zu der Flasche Wodka in ihrer Tasche. Während sich Jayne und Emily Gedanken machen, was sie von Edies makabren Nachricht halten sollen, ist sie bereits mit tiefen Schuldgefühlen im Vollrausch versunken – sie weiß nicht mehr, was um sie herum geschieht.

Ein Ich-Erzähler macht sich unterdessen daran, die Dinge zu regeln, um mit Imogen – Edies Tochter – ein neues Leben anzufangen. Doch eine Leiche verschwinden zu lassen ist gar nicht so leicht, vor allem wenn etwas dazwischenkommt. Und am Ende sind es doch immer die Kleinigkeiten, die alles auffliegen lassen, nicht wahr?

Nichts ist wie es scheint

Durch das geschickte Verweben zahlreicher Momentaufnahmen und Rückblenden hat Gilly Macmillan einen echten Pageturner geschrieben. Der psychologisch klug inszenierte Thriller zeigt die Kehrseite von Freundschaft und Vertrauen; trügerisch über viele Jahre im Verborgenen gehalten, konnten dunkle Geheimnisse und gefährliche Pläne gedeihen. Unter all dem Schönen und Vertrauten ist in dieser Freundes- „Gang“ so viel Falsches. Vielleicht ahnen das die drei Frauen, die diese Bande nur von außen betrachten, ohne sie wirklich zu verstehen.

Gilly Macmillan erzählt aus den Perspektiven aller Beteiligten. Dabei wird nichts genau erklärt oder angeknüpft, man muss die einzelnen Personen nach und nach kennen lernen, um sich ein genaueres Bild machen zu können. Macmillan stellt überzeugend ihre verschiedenen Denkweisen dar und ihren Umgang mit der zunehmend bedrohlichen Situation. Die Frage nach dem ob - und wenn ja, wer und wie - bleibt immer präsent, während es eine Ausnahme gibt:  Nur eine Person erzählt selbst, aus der Ich-Perspektive. Das ist sehr clever von Gilly Macmillan, denn er – oder sie?  - gibt sich lange nicht zu erkennen.

Besonders fesselnd an Macmillans dichter Erzählweise ist, dass sie uns tief in die Seelen jedes Protagnisten blicken lässt und damit zeigt, wie fragil die Persönlichkeiten in Wirklichkeit sind. Ihr Bild nach außen, die Wahrnehmung der anderen, ist eine ganz andere. Da ist die Offizierin, die den Ton angibt, die Perfektionistin, die im Beruf und im Privatleben alles hinbekommt und die wunderschöne, junge Frau, die ein sorgloses Leben im Luxus hat... Doch: In Wirklichkeit ist da Verzweiflung, Verwirrung, ja sogar Wahnsinn, und jede Menge aufgestauter Wut. Ihre Motive, Handlungen lassen die Situation immer weiter eskalieren, bis eine fatale Ereigniskette in Gang gesetzt wird. Die Ironie bei dieser Entwicklung ist bedrückend und faszinierend zugleich.  

Macmillans Sprache ist dabei sehr klar und präzise. Sie beschreibt bildhaft die bedrohliche Natur, den dichten Nebel und die Gefahren, die dort auf die drei Frauen lauern. Die Dunkelheit, die Nässe, gepaart mit Orientierungslosigkeit lösen eine bedrückende und unheimliche Stimmung aus. Am Ende steht die persönliche Katharsis jedes Einzelnen. Knapp, intensiv mit eindringlichen Bildern. Das bleibt im Gedächtnis.

Fazit

Ein überaus klug inszenierter Thriller über die Abgründe freundschaftlicher Bande. Der zeigt, auch die verlässlichsten, ältesten Freundschaften können hoch toxisch sein – doch wer ist so voller Hass, dass er (oder sie) töten würde? Macmillan hält uns mit „Ein langes Wochenende“ wirklich in Atem.

Ein langes Wochenende: Und dein Mörder wartet schon

, Blanvalet

Ein langes Wochenende: Und dein Mörder wartet schon

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