Lautlos wie die Nacht

  • Heyne
  • Erschienen: Januar 1964
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Michael Drewniok
75°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2022

Sein definitiv letzter Coup

Wieder ist ein Coup schiefgegangen; fünf Jahre saß Karl Heisler dieses Mal im Knast. Ohne Geld kehrt er zu seiner resignierten Frau und einem Sohn zurück, der ihm fremd geworden ist. Trotzdem plant Heisler wider alle Vernunft einen letzten bzw. den Streich, der ihn und seine Familie für den Rest des Lebens absichern soll - und dieses Mal will er sich sogar mit der Mafia anlegen!

Mit seinen 54 Jahren gehört Heisler aus krimineller Sicht zum alten Eisen. Gewalt ist ihm ein Gräuel; bekannt wurde er durch gute Planung (und Pech in letzter Sekunde). Von einem in der Haft verstorbenen Kumpel erfuhr Heisler von einem unbekannten Zugang ins „Skyline House“. Außerhalb San Franciscos hat die Mafia dort ein in Kalifornien illegales, aber einträgliches Spielcasino eingerichtet. Die Einnahmen werden im Safe-Keller des Gebäudes gesammelt, gezählt und abgeholt.

Ausgerechnet den wie eine Festung gesicherten Keller will Heisler knacken. Sein Plan könnte funktionieren. Weil er das Ding nicht allein durchziehen kann, holt er seinen ebenfalls gerade entlassenen Zellenkumpan Frank Toschi ins Boot; als Fahrer stößt noch dessen Schwager Louis Goodwin hinzu.

Dummerweise nähert sich ohne Wissen der kleinen Bande im „Skyline House“ gerade eine Krise ihrem Höhepunkt. Leon Bertuzzi, lange eine große Nummer in der Mafia, soll wegen seiner angeschlagenen Gesundheit durch den jungen Stanley Nagel als Leiter des Casinos ersetzt werden. Bertuzzi will nicht weichen, sondern den verhassten Nebenbuhler umbringen - und zwar ausgerechnet dann, als Heisler und Toschi ins Casino einsteigen …

Scheitern voller Schwermut

Verbrechen zahlt sich nicht aus: Über Jahrzehnte war dies die offizielle Maxime, mit der obrigkeitlich behauptet wurde, man habe die Kriminalität und ihre Verursacher unter Kontrolle. Wenn die Unterhaltungsindustrie Einbrecher, Räuber oder andere Strolche in den Mittelpunkt stellte, galt es als Pflicht, diese nach spannendem Treiben scheitern, einsperren oder im Kugelhagel des Gesetzes sterben zu lassen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die nicht zu leugnende Wahrheit durch: Verbrecher wird es immer geben - und sie werden längst nicht immer erwischt!

„Lautlos wie die Nacht“ steht auf der Mitte zwischen „Strafe muss sein“ und „Verbrechen lohnt doch“. Zwar glänzt die Polizei durch Abwesenheit. Sie wird ersetzt durch ein Schicksal, das hart arbeitenden Übeltätern ebenfalls weder Erfolg noch Glück wünscht. Der lange geplante Überfall auf das Casino bleibt eher eine Nebenhandlung. Binnen weniger Seiten ist die Tat begangen und vor allem die Erfüllung eines Versprechens: Nachdem der Verfasser viele Seiten mit den Seelenzuständen der Verbrecher gefüllt hat, muss er letztlich liefern, was aufwändig vorbereitet wurde.

Dabei geht es John Trinian - geboren 1933 als Marvin Leroy Schmoker, gestorben 2008 unter dem nach dem Zweiten Weltkrieg angenommenen Namen Zekial Marko - nicht um den „heist“, also den komplizierten, raffiniert eingefädelten und wider sämtliche Hindernisse durchgeführten Raubzug, sondern um Berufsverbrecher, die mit persönlichen Problemen wie gegen Windmühlenflügel kämpfen.

Die Welt ist ungerecht - auch zu Gangstern

Faktisch sind die typischen „heist“-Elemente da: Das Casino ist hermetisch abgeriegelt und schwer bewacht, ein ‚normaler‘ Einbruch oder gar ein frontaler Überfall reiner Selbstmord. Tief unter der Erde liegt das Geld in einem Raum hinter dicken Betonmauern. Nur ein Fahrstuhl fährt dort hinunter, darin zwei Mafia-Buchhalter sowie zwei Wachmänner.

Genregerecht, wird ein Plan entworfen, der die (für uns Leser) möglichst unterhaltsame und einfallsreiche Überwindung dieser Hindernisse beinhaltet, was hier u. a. die Klettertour auf einen turmhohen Mammutbaum erfordert. Nichtsdestotrotz ist die Achillesferse der Casino-Festung ein Schwachpunkt: Ausgerechnet die mit allen Wassern gewaschenen Mafia-Schergen sollen den alten Zugang zum Fahrstuhl ‚vergessen‘ haben?

Auf der anderen Seite passt diese Saumseligkeit ins Bild, denn Trinians Mafia erfüllt ganz und gar nicht das Klischee-Bild einer reibungslos rundlaufenden Verbrecherorganisation. Leon Bertuzzi ist ein mittelalter Manager im Krisenstress. Ein Jüngerer lauert auf seinen Posten, die junge Gattin ignoriert ihn, wirklich befehlen kann er ohne Genehmigung von ‚oben‘ nicht: Bertuzzi ist frustriert, weil er den Machtverlust registriert. In seiner Not greift er auf den typischen ‚Ausweg‘ seiner Verbrechen-Jugend zurück: Mord!

Was sollen wir denn sonst tun?

Auch Gangster können stolz sein, weil sie sich an selbst gesetzte Standards halten. Das Verbrechen ist Karl Heislers ‚Beruf‘. Er will nicht für einen Hungerlohn buckeln und sich gängeln lassen wie die ‚normalen‘ Arbeiterameisen, mag sich nicht einfügen bzw. unterordnen. Dafür zahlt er seinen Preis und jammert nicht; auch dies das Merkmal eines Profis. Für den tumb zuschlagenden Gauner-Nachwuchs hat Heisler nur Verachtung übrig. Dass er sich mit dem deutlich jüngeren Frank Toschi zusammentut, ist der Tatsache geschuldet, dass dieser zu den seltenen Ausnahmen gehört und Verständnis für Heislers Verbrecher-Kodex aufbringt.

Familienmitglieder und Freunde verstehen diese Haltung nicht. Gattin oder Mutter: Sie fordern jene Anpassung, zu der weder Karl noch Frank fähig sind. Es muss mehr geben als dieses enge, vorbestimmte, trostlose Leben! Doch die Zweifel bleiben. Während sie sich auf den Coup vorbereiten, überkommen Karl, Frank und Louis immer wieder böse Vorahnungen. Sie hatten bisher immer Pech. Sollte sich dies wirklich ändern?

Natürlich nicht, wobei die Auflösung der Ereignisse erst recht dem Wirken eines überirdischen Schicksals gleicht. Am Ende ist alles umsonst, doch wie es dazu kommt, bietet mehr als eine Überraschung. „Lautlos wie die Nacht“ entstand als schnell geschriebenes und günstig verkauftes Taschenbuch. Literarische Qualität bleibt außen vor, und die Melodramatik übertreibt Trinian deutlich. Trotzdem ist dieser Roman ein weiteres Beispiel dafür, dass ein talentierter Verfasser eine Geschichte ökonomisch auf 160 Seiten erzählen und zu Ende bringen kann.

„Lautlos wie die Nacht“ im Kino

In Frankreich las Regisseur Henri Verneuil (1920-2002) Trinians Krimi und beschloss ihn zu verfilmen. Ihn reizte die Gleichzeitigkeit von „heist“-Action und Drama, doch in Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Michel Audiard (1920-1985) beschloss er einige Änderungen. So spielte die Geschichte nun an der französischen Riviera, und der Überfall wurde zu einem knapp halbstündigen, fast dialogfreien und filmisch auf die Spannungsspitze getriebenen ‚Film im Film‘. Auch das Finale gestaltete Verneuil ‚cineastischer‘.

Mit Jean Gabin als „Charles“ und Alain Delon als „Francis“ besetzte Verneuil die Hauptrollen mit zwei Schauspieler-Stars ihrer Generationen; die Kombination bewährte sich, weshalb das Duo für zwei weitere Filme zusammenkam. (1965 spielte Delon in der französisch-US-amerikanischen Koproduktion „Once a Thief“, dt. „Millionenraub in San Francisco“, die ebenfalls auf einem Roman von Marko basierte, die Hauptrolle.) „Mélodie en sous-sol“ kam 1963 ins Kino, wurde ein Publikumserfolg, von der Kritik für die sorgfältige Machart und das Spiel der Darsteller gelobt und gilt als Klassiker des französischen Kriminalfilms.

Fazit

Der allzu große Coup könnte dem Gauner-Trio gelingen, aber das Schicksal wartet schon voller Hinterlist, um den Tatort in einen Hexenkessel zu verwandeln: Dieses Verbrechen zahlt sich zwar aus, doch am Ende gibt es trotzdem keine Gewinner - ein existenzielles Drama im Gewand eines Krimis.

Lautlos wie die Nacht

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