Eine verdächtig wahre Geschichte

  • Atlantik
  • Erschienen: Februar 2022
Eine verdächtig wahre Geschichte
Eine verdächtig wahre Geschichte
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Thomas Gisbertz
82°

Krimi-Couch Rezension von Thomas Gisbertz Apr 2022

Wenn die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen

Die junge Studentin Violaine Lepage arbeitet halbtags in einer großen Buchhandlung in Rouen und organisiert dort auch die Autorenlesungen. Als sie nach einer Veranstaltung mit einem bekannten Schriftsteller schläft, nimmt er Violaine auf ihr Bitten hin mit nach Paris. Dort erhält sie die Möglichkeit, für ein großes Verlagshaus zu arbeiten. Violaine muss nicht lange überlegen und arbeitet fortan als Gutachterin in der Manuskriptabteilung.

Jahre später ist sie Cheflektorin und Leiterin der Abteilung. Täglich kümmert sich Violaine mit ihrem Team um die unaufgefordert zugesandten Buchmanuskripte derjenigen, die auf eine große Karriere als Schriftsteller hoffen. Ein unerkanntes Genie ist aber nie dabei. Bis der Verlag eines Tages das Manuskript zum Roman „Die Zuckerblumen“ erhält. Die Euphorie ist groß, das Buch wird veröffentlicht und es landet letztendlich sogar auf der Shortlist eines renommierten französischen Literaturpreises.

Roman oder Realität?

Was zunächst nach einer großen Erfolgsstory aussieht, wirft mehr und mehr Fragen auf. Wer ist Camille Désencres, die Autorin bzw. der Autor des Romans? Es existiert lediglich eine Mailadresse. Aber die letzten Nachrichten werden nicht mehr beantwortet und die Existenz der Person bleibt rätselhaft. Ein weiteres Problem ergibt sich, als plötzlich Kommissarin Sophie Tanche im Verlag auftaucht. In Désencres Roman werden die Morde an zwei Männern exakt so geschildert, wie sie vor einem Jahr wirklich geschehen sind. Das Fatale ist: Im Laufe der Handlung sterben zwei weitere Figuren - und Violaine kennt alle Opfer.

Zwischen Roman und Krimi

Autor Antoine Laurain arbeitete als Drehbuchautor, Journalist, Regisseur und Antiquitätenhändler in Paris. In Frankreich ist er bereits ein gefeierter Bestsellerautor. Mit Liebe mit zwei Unbekannten (2015) gelang ihm der internationale Durchbruch. Auch sein Roman Der Hut des Präsidenten (2016) war in zahlreichen Ländern ein Bestseller. Zuletzt erschienen von ihm auf Deutsch beimImprint Atlantik des Hamburger Verlags Hoffmann & Campe Ein Tropfen vom Glück (2019) und Glücklicher als gedacht (2020).

Im Gegensatz zu seinen bisherigen Veröffentlichungen besitzt „Eine verdächtig wahre Geschichte“ eine spannende Kriminalerzählung, die zum Ende hin immer stärker in den Fokus rückt.

Violaine und ihr Reich

In erster Linie ist Antoine Laurain ein wunderbarer Romancier, der es versteht, unterhaltsame und zauberhafte Geschichten zu erzählen. Nun wagt er zum ersten Mal den Schritt in Richtung Kriminalroman. Zunächst ist der Roman aber eine pointierte, ungemein feingeistige Auseinandersetzung mit dem Verlagswesen, die auch nicht mit Kritik an dessen Oberflächlichkeit und Selbstverliebtheit spart. Im Mittelpunkt dabei steht die Abteilung, die für die Sichtung der zugesandten Manuskripte zuständig ist. Die bekannte Lektorin Violaine, die von sich behauptet, wahre Autoren und Talente zu erkennen, sortiert schonungslos die stümperhaften Schreibversuche derjenigen aus, die sich und ihr Werk bereits zwischen Autoren der Meisterklasse einzuordnen meinen. „Insekten“ nennt sie diese Laien und stuft sie somit auf den niedrigsten Rang der Lebewesen herab. So herrscht Violaine seit mehr als zwanzig Jahren über ihr Reich.

Nun wird ihr Leben aber gleich doppelt erschüttert. Nur knapp überlebt sie ein Flugzeugunglück, als sie auf dem Weg zu Stephen King nach Amerika ist. Die Folge:  Nach neunundzwanzig Tagen in Krankenhaus, davon achtzehn im Koma, scheint sie sich verändert zu haben und kann sich an einiges nicht mehr erinnern. Hinzu kommt die verworrene Geschichte um den rätselhaften Autor, dessen Roman ein großer Erfolg ist, von dem Violaine aber noch nicht einmal weiß, ob er ein Mann oder eine Frau ist. Für Öffentlichkeit weiß sie aber das Bild des mysteriösen Autors medienwirksam zu nutzen.

Wendungsreiche Geschichte

Nach und nach rückt aber die Geschichte des Romans „Die Zuckerblumen“ in den Mittelpunkt der Handlung. Tatsächlich scheint der Inhalt der Erzählung eindeutige Parallelen zur Wirklichkeit aufzuweisen. Allerdings wurden die darin beschriebenen Morde bereits ein Jahr vor Veröffentlichung des Romans begangen. Ist der Verfasser etwa ein Mörder?

Wer jetzt glaubt, dass diese Idee ein alter Hut sei, der wird am Ende eines Besseren belehrt. Der Schluss der Erzählung hat es in sich und ist so überraschend wie großartig. Laurain beweist einmal mehr, dass er ein ungemein cleverer Geschichtenerzähler ist.

Fazit

Antoine Laurain lotet gekonnt die Grenzen zwischen Roman und Kriminalerzählung aus. Eine wunderbar bissige, aber auch spannende und stets unterhaltsame Geschichte um Schein und Sein. Die große Stärke ist die oftmals pointierte Sprache voller Ironie und Witz. Eine literarische Wundertüte und ein großartiger Roman.

Eine verdächtig wahre Geschichte

Antoine Laurain, Atlantik

Eine verdächtig wahre Geschichte

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