Tin Men

  • Polar
  • Erschienen: Oktober 2020
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Michael Drewniok
90°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Apr 2022

Unkontrollierte Gefühle fluten beschädigte Seelen

In Hamilton, gelegen in der kanadischen Provinz Ontario, sind selbst die abgebrühten Beamten der Mordkommission schockiert: Detective Julie Owen, eine geschätzte Kollegin, wurde in ihrem Schlafzimmer nicht nur umgebracht. Der hochschwangeren Frau wurde das Baby buchstäblich aus dem Leib geschnitten; es ist verschwunden.

Lebt das Kind noch? Diese Frage beschäftigt nicht nur, aber vor allem Detective Oswald „Os“ Green, denn er ist der Vater. Im Revier weiß niemand davon, denn Os und Julie hielten ihre Beziehung geheim und haben sich außerdem schon vor Monaten getrennt. Sein schlechtes Gewissen treibt Os bei der Klärung des Falls, mit dem ihn Detektive Sergeant Jerry Morgan ahnungslos betraut, voran und bald über jene Grenze, die einen Polizisten zum Verbrecher macht.

An seiner Seite ermitteln Partner und Freund Charlie „Woody“ Woodward und Dennis Hamlet, den die beiden Polizisten als Schwächling verachten. Hamlet hält sich an die Vorschriften, während für Woody und Os das Fahndungsergebnis im Vordergrund steht. Dass vor allem Os dabei körperliche Gewalt einsetzt, wird von den Kollegen und Vorgesetzten ignoriert, wenn es der Fahndung nutzt. Doch dieser Fall stellt die Fahnder auf eine zu harte Probe. Woody ist seit dem Tod von Frau und Kind rauschgiftsüchtig, während Os seine Gewalttätigkeit kaum noch kontrollieren kann. Dennis ist eifersüchtig, sodass von einer zielgerichteten Zusammenarbeit keine Rede sein kann.

Stattdessen kommt Os wie ein Racheengel über die Unterwelt von Hamilton. Er legt sich mit der örtlichen Russen-Mafia an, drangsaliert den Boss einer vietnamesischen Gang und verschont schließlich auch seine zunehmend misstrauisch werdenden Kollegen nicht …

Der Dreck, die Reinigung & der Preis, der zu zahlen ist

Wenn du zu lange in den Abgrund hineinschaust, blickt bzw. springt der Abgrund in dein Hirn: Diese Paraphrase eines bekannten Sprichworts, das auf Friedrich Nietzsche (1844-1900) zurückgeht, wurde auch (oder gerade) in der Kriminalliteratur zur gern genutzten Vorlage. Die Ableitung liegt nahe und sorgt für spannende Implikationen: Gerade diejenigen, die das geschriebene Gesetz hüten, sind in besonderer Gefahr. Weil sie sich an Regeln halten müssen, auf die das Verbrechen pfeift, wächst die Frustration. Während der Gegner sich durch Tricks und Gewalt der Verantwortung entzieht, kleben die ‚Guten‘ in einem Fliegenleim eingeschränkter Möglichkeiten fest.

Wer seinen Job allzu persönlich nimmt, mag sich womöglich irgendwann nicht mehr die lange Nase zeigen lassen, sondern übernimmt die ‚Angewohnheiten‘ des ‚Feindes‘. Aus Polizisten werden dadurch Vigilanten und womöglich Henker, die das Recht in die eigenen Hände nehmen und ignorieren, dass sie sie zu denen werden, die sie jagen sollen.

Der „schwarze Krimi“ ist die Domäne aus dem Gleis gesprungener Gesetzeshüter, die immer tiefer in den Abgrund geraten, weil sie sich zu nahe an dessen schlüpfrigen Rand gewagt haben. Im hier vorgestellten Roman ist Os derjenige, der sich von einem ohnehin ‚angeborenen‘ Hang zur Gewalt verleiten lässt Schurken zu verprügeln, um ein Ventil für angestaute Wut zu finden. Partner und Freund Woody ist in eine andere Falle getappt. Privates Unglück hat ihn zum Rauschgift greifen lassen. Stets muss er fürchten, dass die Kollegen und Kameraden ihn erwischen, wenn er sich ‚Nachschub‘ beschafft. Außerdem zeigt der Missbrauch inzwischen Folgen. Dennis sucht Trost bei transsexuellen Prostituierten, was auch ihn zum Kandidaten für eine peinliche Bloßstellung macht.

Das Fass läuft über

Selbstverständlich kann diese Schieflage nur bedingt funktionieren. Autor Knowles setzt mit seiner Geschichte ein, als die Welt der drei angeschlagenen Cops erst in Aufruhr gerät und dann Stück für Stück auseinanderbricht. Die daraus resultierenden Ereignisse sind dramatisch, brutal und traurig. Eine an kriminologischen Fakten orientierte Handlung ergibt sich daraus nicht: „Tin Men“ ist kein „police procedural“, d. h. keine akkurate Schilderung polizeilicher Ermittlungen; ein Genre, das vor allem Ed McBain (1926-2005) in seinen 55 (!) Romanen über das 87. Polizeirevier geprägt hat.

Knowles bleibt oberflächlich, vermeidet jegliche ‚CSI‘-Prägung. Zwar gibt es durchaus ein „Whodunit“-Element: Erst final wird die Frage geklärt, wer Julie Owen umgebracht hat. Doch selbst dieses klassische Krimi-Element wird primär genutzt, um die Trostlosigkeit jener Ereignisse zu krönen, die am Ende einer ohnehin deprimierenden Story stehen. Im Mittelpunkt stehen drei Männer, die am Ende, weil nur scheinbar „Tin Men“ sind, deren Herzen aus Metall bestehen, an denen Gefühle abprallen.

Dass sich dieser Eindruck auf die Leser überträgt, ist das Verdienst eines Schriftstellers, der jegliche Rührseligkeit vermeidet, ohne dadurch auf Emotionen zu verzichten - nur scheinbar ein Widerspruch, der ein Rätsel für jene Autoren bleibt, die den Krimi mit sentimentalen, oberflächlichen Zwischenmenschlichkeiten verschneiden.  „Tin Men“ bietet Mustern, die der „Noir“-Krimi wie jedes andere Subgenre ausgebildet hat. Sie lösen sich leicht in Klischees auf. Auch Knowles wandelt diesbezüglich auf einer schmalen Schneide, hält aber das Gleichgewicht. Seine knappe, klare Sprache verhindert den Eindruck, emotional manipuliert werden. Dass Mike Knowles hierzulande (und sehr gut!) übersetzt wurde, ist Balsam für eine Krimileser-Seele, die viel zu oft durch Schmalz- oder Folter-‚Thriller‘ verletzt wird - und ein Beleg dafür, dass auch Kanada für Lektüre-Entdeckungen gut ist!

Fazit

Außerordentlich intensiver, dazu spannender Cop-Thriller, dessen Autor nicht auf die Darstellung akkurater Ermittlungsarbeit setzt, sondern ein Pandämonium entfesselt, in dessen Sog die Hauptfiguren hilflos untergehen: ein rasanter Höllenritt jenseits sämiger Beziehungskisten/Als-ob-Krimis!

Tin Men

Mike Knowles, Polar

Tin Men

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