King Zeno

  • Rowohlt
  • Erschienen: Oktober 2020
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Yannic Niehr
82°

Krimi-Couch Rezension von Yannic Niehr Apr 2022

Blues aus der Hölle

New Orleans, kurz vor Beginn der Goldenen Zwanziger: Die Cops Charlie und Bill haben alle Hände voll zu tun mit der Ermordung ihres Kollegen Obitz. Zu allem Überfluss trägt Bill auch noch ein dunkles Geheimnis aus seiner Vergangenheit mit sich herum, das ihn nun einzuholen droht. Gleichzeitig versucht der begnadete Kornettspieler Isadore „Slim Izzy“ Zeno, der sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hält, sich endlich als Jazzmusiker einen Namen zu machen, fühlt sich aber – um seine Freundin und sein ungeborenes Kind zu ernähren – immer mehr dazu genötigt, auf die schiefe Bahn zu geraten. Beatrice Vizzini, Matriarchin einer der berüchtigtsten Mafiafamilien in der Stadt, ist währenddessen nicht nur mit ihren Schattengeschäften befasst, die mit aktuell stattfindenden Kanalarbeiten zusammenhängen, sondern auch mit der wachsenden Sorge vor ihrem hünenhaften, doch einfältigen Sohn Giorgio, der sich für ihren Geschmack ein bisschen zu gut ins Familienbusiness dreinfindet. Ein verschwundener Professor, der ein Gutachten über den Bau des Kanals verfasst hat, eine Leiche, die aus selbigem geborgen wird – zunehmend kommen Dinge ins Rollen, die zu eskalieren drohen. Und dann ist da ja noch der berüchtigte Axtmann, dessen Morde an italienischen Lebensmittelhändlern New Orleans in Atem halten. Könnte alles zusammenhängen? Und welche finsteren Mysterien könnten zutage gefördert werden, wenn man nur lange genug im Morast wühlt ...?

JAZZ KILLS

Autor Nathaniel Rich liegt das Schreiben im Blut: Sein Vater, der berühmte Frank Rich, war sowohl für die New York Times als auch für das New York Magazine tätig, seine Mutter Gail Winston hatte eine leitende Funktion bei HarperCollins inne. Rich selbst studierte an der Yale University und verfasste anschließend vielseitige Essays und Bücher sowie ein Werk über die Darstellung San Franciscos im Genre des Film Noir. Als Anwohner New Orleans‘ lag ein düsterer Roman über diese Stadt wohl recht nahe – dies ist mit King Zeno gut gelungen.

„Wie kriegt man eine ganze Stadt klein? Angst!“

Fans packender Thriller oder vertrackter Krimis werden bei diesem Buch wohl nur bedingt auf ihre Kosten kommen, denn Rich legt den Fokus nicht auf die Ausarbeitung und Lösung eines großen zentralen Rätsels (wenngleich ein solches natürlich eine Rolle spielt). Hin und wieder hätte man sich einen Handlungsstrang sogar etwas epischer gewünscht: Die Hintergründe um Bills Kriegsvergangenheit beherbergen eine packende, vielschichtige Story, die überraschend früh ihren Abschluss findet und nicht ihr volles Potenzial entfaltet. Nicht alle roten Fäden laufen am Schluss auf befriedigende Art und Weise zusammen. Zum Glück ist dies jedoch der einzige Aspekt, bei welchem King Zeno ein wenig blass bleibt. Denn die Spannung entsteht vor allem zwischen den Zeilen, im Wechselspiel verschiedener Figuren und Gesellschaftsschichten – hierin liegen die großen Stärken des Romans.

„Es gibt Wälder, unter Wäldern begraben. Es gibt Städte innerhalb von Städten. Und Ströme, die flussabwärts und flussaufwärts fließen“

Nathaniel Rich (und in der deutschen Übersetzung Henning Ahrens) gelingt es meisterhaft, die Atmosphäre in New Orleans kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs zu vermitteln und bedient sich historischer Hintergründe, in die er seine zwielichtigen, gebrochenen und doch hoffnungsvollen Charaktere einbettet. Das Grassieren der Spanischen Grippe (die Anspielung auf ein Pandemiegeschehen positioniert das Buch trotz des historischen Settings im klaren Dialog mit unserer Gegenwart), der höchst umstrittene Bau des Industrial Canal, die blutigen Umtriebe des Axtmanns, New Orleans‘ ureigenem „Jack the Ripper“ – mühelos verbindet Rich diese geschichtlichen Zeitaufnahmen und nutzt sie nicht nur, um die Welt, die seine Figuren bewohnen, plastisch zu machen, sondern auch, um ihnen Motivation und Kontur zu verleihen. Dieses New Orleans ist ein Sündenpfuhl und ein Hexenkessel, ein moralischer Sumpf, denen nicht unähnlich, die um die Stadt herum trockengelegt und erschlossen werden. Besondere Faszination entspringt dem Wechsel zwischen den verschiedenen Figuren und den damit verbundenen Perspektiven und Sichtweisen, die sich aus deren höchst unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten speisen, was Rich mühelos von der Hand geht. Hier koexistieren die schrecklichsten und die schönsten Seiten der menschlichen Natur wie selbstverständlich nebeneinander und verbinden sich zu einem zeit- und atemlosen Jazz, der von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln vermag.

Fazit

Nathaniel Rich verbindet in King Zeno Noir, historischen Roman sowie Gesellschaftskritik. Er zeichnet das Sittengemälde einer fernen Stadt in einer fernen Zeit und fängt dabei überraschend scharfsichtig universelle Wahrheiten des Menschseins ein. Trotz kleiner Schwächen ein unbedingt lesenswertes Buch!

King Zeno

Nathaniel Rich, Rowohlt

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