In einer Nebelnacht

  • Goldmann
  • Erschienen: April 2022
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Michael Drewniok
65°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Apr 2022

Tiefer Fall eines verhassten Widerlings

Lionel Turner lebt in London. Dort gehört er zu den wenigen Malern, die allmählich bekannt werden. Noch kann er von der Kunst nicht leben, aber es geht ihm gut genug, um Freunde und potenzielle Förderer zu einer Gesellschaft in seine Atelierwohnung einzuladen. Die Resonanz ist groß, obwohl das Wetter nicht mitspielt: Der berüchtigte Londoner Nebel wallt und verhüllt Ankunft und Abschied der insgesamt zehn Gäste.

Zu denen gesellt sich zum Ärger der Anwesenden angesäuselt und ohne Einladung der übel beleumundete Lebemann und Wüstling Francis Gregg. Man munkelt, dass er Briefe und Fotos seiner zahlreichen Frauenbekanntschaften sammelt, um sein Einkommen durch Erpressung aufzubessern. Alle sind froh, als Gregg irgendwann verschwunden ist. Weit kommt er jedoch nicht; später findet man seine Leiche im Fahrstuhlschacht. Gregg ist nicht hinabgestürzt, sondern wurde in die Tiefe geworfen.

Lionel Turner ist als Gastgeber entsetzt, als der notorisch misstrauische Inspektor Felkin kurzerhand alle Teilnehmer der Party zu Verdächtigen erklärt. In der Tat lassen die meisten Alibis zu wünschen übrig. Turner selbst verstrickt sich in Widersprüche, als er einige Indizien verschwinden lässt, weil er seine Freunde vor der Polizei ‚schützen‘ und vor dem Skandal einer Mordermittlung bewahren will.

Von der jungen, insgeheim angehimmelten Molly Bird lässt Turner sich überreden, selbst als ‚Detektiv‘ aktiv zu werden. Obwohl die mangelnde Erfahrung für peinliche und sogar gefährliche Zwischenfälle sorgt, bringt das Paar doch einige Geheimnisse ans Tageslicht, was freilich nicht für die erhoffte Klärung sorgt, sondern Freunde und Gäste in ungünstigem Licht erscheinen lässt, bis die Verwirrung komplett ist …

England muss es sein!

In einem vom Rest der Welt zeitweilig isolierten Raum feiern elf Menschen, von denen einer ein böses Ende findet. Fest steht, dass die oder der dafür Verantwortliche zu der fröhlichen Runde gehört. Damit hat sich das für einen Whodunit-Krimi übliche Figurenpersonal gefunden. Ergänzt wird es durch einen misstrauischen Ermittler, der sich vor allem in ominösen Andeutungen äußert, weil klare Worte die Illusion eines komplizierten Falls rasch zerstieben ließen.

Dies gilt im nachträglichen Wissen um die Auflösung der hier vorstellten Geschichte ganz besonders. „Ferry Rocker“, der eigentlich Eberhard Friedrich Worm (1896-1973) hieß, schrieb ihn 1937 unter dem Pseudonym „Lena Eschner“, was ihm ermöglichte, seinen Roman in Deutschland zu veröffentlichen, obwohl er das Land auf der Flucht vor dem nationalsozialistischen Gewaltregime bereits verlassen hatte.

Schon der Titel deutet an, dass Rocker einen Krimi präsentierte, der nicht in seinem Heimatland spielt, sondern dort, wo der klassische Rätsel-Krimi vorgeblich zu Haus war: in England und hier in London, wo der berüchtigte Nebel für eine atmosphärische Untermalung des Geschehens sorgt. Rocker verfasste in den 1930er Jahren eine Reihe von Kriminalromanen, die in England spielten. Er war keineswegs der einzige Autor, der bemerkt hatte, dass es hier eine lukrative Nische gab. Die deutschen Leser waren süchtig nach Krimis, aber sie mussten (wie) von Edgar Wallace oder Agatha Christie geschrieben sein! Die englischen Autoren konnten den Bedarf nicht stillen. Deutsche Schriftsteller sprangen ein, die sich vorsichtshalber einen ‚englischen‘ Namen gaben, um die Illusion komplett zu machen.

Die Qual der Wahl

Dabei könnte diese Geschichte problemlos in einer deutschen Großstadt spielen. Die Figuren sind grob gezeichnet und keineswegs ‚englisch‘. Entsprechende Akzente setzen höchstens Klischees, die durch eingestreutes Lokalkolorit unterfüttert werden. Ansonsten geht es einfach darum, unterhaltsam eine widerspenstige Schar Verdächtiger zu befragen bzw. zu beobachten, um eine/n Mörder/in auszusortieren.

Um diese Aufgabe zu erschweren, stellt Rocker keinen Detektiv oder Polizisten in den Mittelpunkt der Ermittlung. Zwar geht der Fall an den sich oft zu Wort meldenden Inspektor Felkin, doch dieser bleibt im Hintergrund und wird sogar zum Kontrahenten zweier beflissener, aber übereifriger Möchtegern-Ermittler, die zu allem Überfluss kein Problem damit haben, Spuren zu verwischen.

Diese Entscheidungen treffen Lionel Turner und Molly Bird jeweils selbst, was Felkin keineswegs verborgen bleibt, da das dilettierende Ermittler-Paar der selbstgewählten Passion mit der Eleganz von Elefanten im Porzellanladen nachgeht - für Rocker auch ein Stilmittel, mit dem er die Handlung auflockert und ihr eine komödiantische Note verleiht.

Das zum Wirrwarr mutierende Rätsel

Guter Wille ersetzt keine professionelle Mordermittlung. Dass sich die Lösung des Falls so lang hinzieht, liegt auch an den engagierten, aber jede Spur falsch interpretierenden ‚Detektiven‘ Lionel und Molly. Rocker setzt auf „Murphy’s Law“, nach der schiefgehen wird, was schiefgehen kann. Gleichzeitig bleibt die Logik schattenhaft. Realismus ist kein Kriterium für diesen Roman, der definitiv nicht ‚ernstgemeint‘ ist, obwohl er sich (scheinbar) an die Regeln des Krimi-Genres hält.

In dieses Umfeld passt eine sich entwickelnde Liebe zwischen Hauptfigur und Heldin, der Rocker viel Raum gibt. Hier muss man Toleranz zeigen und das Alter des Romans bedenken, denn was einst als „zarte Romanze“ galt, wirkt heute nur noch albern - oder interessant, wenn man soziokulturelle Maßstäbe anlegt. In einer internetlosen Ära kann demnach ein ‚frivoles‘ Foto eine Ehe zerstören oder zur gesellschaftlichen Ächtung führen. Außerdem ist es gewagt, als ‚Mädchen‘ wie Molly Bird ohne Anstandsperson die Wohnung eines Junggesellen = nicht ehelich gebundenen und deshalb „ehrbaren“ Mannes zu betreten. Und wenn es heißt, dass Lucy Bronson „eine Medizinstudentin mit sehr männlichem Auftreten“ ist, wussten zeitgenössische Leser, was Rocker damit andeuten wollte!

Das unterhaltsam gemeinte Durcheinander sorgt für eine Krimihandlung, die sich spürbar im Kreis dreht sowie auf Zufälle setzt, um die Ereignisse voranzutreiben. Zwar wird ausgiebig nach klassischem Muster ermittelt und verhört, doch Rocker drückt sich davor, die dabei aufgeworfenen Fragen und Verdachtsmomente zu einem sich aus der Vorgeschichte entwickelnden Finalknoten zu schürzen. Stattdessen schlüpft er mit einer ‚Überraschung‘ durch eine Hintertür, wofür die ihn die Vertreter des ernsthaften, auf Tricks ausdrücklich verzichtenden Kriminalromans zausen dürfen!

Fazit

Durchaus unterhaltsamer, obwohl inhaltlich und stilistisch veralteter Roman, der einer Liebesgeschichte und einer komödiantisch überspitzten ‚Privatermittlung‘ zu viel Raum einräumt: eher eine Krimi-Komödie als ein ‚echter‘ Whodunit.

In einer Nebelnacht

Ferry Rocker, Goldmann

In einer Nebelnacht

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