Der denkwürdige Fall des Mr Poe

  • Insel
  • Erschienen: März 2022
Der denkwürdige Fall des Mr Poe
Der denkwürdige Fall des Mr Poe
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Michael Drewniok
90°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Apr 2022

Der Mann, der das Bizarre liebte

Im Oktober des Jahres 1830 genießt Augustus Landor, einst Polizist in der Metropole New York City, seinen Ruhestand im ländlichen Südosten des gleichnamigen US-Staates. Persönliche Probleme und ein Lungenleiden haben den berühmten Ermittler einen Neubeginn abseits jeglicher Hektik suchen lassen.

In der nahen Militärakademie West Point erinnert sich Colonel Sylvanus Thayer an Landors Ruf, als die Leiche des Kadetten Leroy Fry erst an einem Baum hängt, dann von unbekannter Hand ‚entführt‘ und schließlich mit aufgerissenem Brustkorb wiederentdeckt wird; das Herz fehlt.

Thayer fürchtet den Skandal, denn die Akademie gilt in den noch jungen Vereinigten Staaten als zu elitär. Vielen hochrangigen Militärs, aber auch Politikern käme jeder Vorwand recht, um die Einrichtung schließen zu lassen. Deshalb meiden Thayer und sein Assistent, Captain Ethan Hitchcock, den Dienstweg und engagieren Landor, der dem Fall nicht widerstehen kann.

Für die Dauer der Ermittlungen siedelt er nach West Point um. Da er dort als Fremdkörper gilt, sucht Landor nach jemand, der für ihn die Ohren offenhält. Er stößt auf den Kadetten vierter Klasse Edgar Allan Poe, der aufgrund seiner Intelligenz und seines exzentrischen Verhaltens keinen guten Ruf genießt. Der junge Mann nimmt die Herausforderung an. Gemeinsam kommen er und Landor einem Zirkel skrupelloser Satanisten auf die Spur - und offenbar zu nah, was lebensgefährliche Attacken provoziert …

Schmerzensmann der Phantastik

Er wurde nur 40 Jahre alt und schuf trotzdem ein nicht nur umfangreiches, sondern auch großartiges und einflussreiches Werk: Edgar Allan Poe (1809-1849) gilt als Pionier und früher Meister der modernen phantastischen Kurzgeschichte. Mit enormem Einfallsreichtum entwarf er ein Grauen, dass den ‚gotischen‘, eher romantischen Horror seiner Zeit hinter sich ließ. Poe verortete den Schrecken primär im Menschenhirn, wo er sich zu einer Macht entwickelte, vor der Vampire, Werwölfe u. a. Schreckgestalten sich beugen mussten.

Zum Mythos trägt eine tragische Lebensgeschichte bei. Poe empfand sich als intellektueller Freigeist und Gentleman, ohne sich dies leisten zu können. Stets war er in Geldnot, dabei seiner Fähigkeiten sehr bzw. allzu bewusst und weder in der Lage noch willens, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, was ihn in Schwierigkeiten brachte, weil er potenzielle Auftraggeber vor die Köpfe stieß. Sein frühes, bis heute nur ansatzweise geklärtes Ende setzte den aufregenden Schlussstrich unter ein Leben, über das man einerseits gern liest und andererseits froh ist, es nicht selbst führen zu müssen.

Vom realen Schriftsteller Poe hat sich die fiktive Figur Poe abgespalten. Vor allem in der Phantastik ist letztere allgegenwärtig: Poe tritt in Büchern, Filmen, Games auf, wobei dort jene Charakterzüge im Vordergrund stehen, die das Klischees des gepeinigten Genies pflegen, das nicht nur theoretisch über das Böse Bescheid weiß. Louis Bayard schließt sich an, wobei er immerhin das Klischee nicht nur hinterfragt, sondern mit ihm spielt und gleichzeitig seine Leser aufs Glatteis führt.

Treffen der Außenseiter

Die eigentliche Hauptfigur unserer Geschichte ist ein früherer Polizist. Augustus Landor gehört zudem zu jenen Ermittlern, die betont sachlich ihrem Job nachgehen, was wiederum den vom Verfasser erwünschten Kontrast unterstreicht, als Landor auf Poe trifft, der in jeder Hinsicht dessen Gegenteil verkörpert. Schon stilistisch wird dies deutlich, denn Bayard ergänzt Landors nüchternen Ich-Bericht durch Kassiber, die ihm Poe als sein ‚Spitzel‘ zugehen lässt. Der Verfasser orientiert sich kunstvoll am Vorbild, wenn er ihn nicht Fakten schildern, sondern ihn literarisch explodieren lässt, weil ein Edgar Allan Poe nicht einfach beschreiben kann, sondern hinterfragen, übertreiben, interpretieren und verfremden muss.

So ist es kein Wunder, dass Poe sich in Westpoint fehl am Platze und unwohl fühlt. Für den Schliff zum rein funktionstüchtigen Soldaten ist er viel zu intelligent und eigensinnig. Er weiß es selbst, hat aber keinen Plan B, weil es für ihn eigentlich nirgendwo einen Platz gibt. Gerade erst ist er erwachsen geworden, aber schon steht fest, dass - und wieso - Poe wieder und wieder scheitern wird. Die in Westpoint miterlebte Tragödie lässt ihn dennoch reifen und wird sein überliefertes Real-Werk prägen.

Auch der scheinbar faktenorientierte Landor ist ein Außenseiter. Schon in seiner aktiven Zeit als Ermittler ging er eigene Wege. In dieser Ära einer erst rudimentären Kriminalistik hat sich Landor einschlägige Kenntnisse angeeignet. Deshalb ruft ihn Colonel Thayer nach Westpoint. Doch wie Poe fällt auch Landor umgehend auf, weil er sich nicht anpassen will und den Mechanismus der Soldatenproduktion stört. Landor untersteht allerdings nicht dem Kommando des Colonels und verfügt über genug Selbstvertrauen, seine Ermittlungen so zu führen, wie er es für richtig hält, obwohl er zunehmend unter Druck gerät. Zudem hütet er ein privates Geheimnis, das ihn allmählich zerstört. Wir beobachten seinen Verfall, wissen aber nicht, was Landor umtreibt.

Die Ödnis des Gehorsams

Westpoint wird für Bayard zum Zentrum eines Konflikts, der obrigkeitlich gelenktes Funktionieren einem selbstständigen Denken gegenüberstellt. Mit großem Geschick bezieht Bayard nicht nur den Ort und seine Bewohner, sondern auch die Landschaft, die Jahreszeit - Winter - und das Wetter ein. Hinzu kommt ein Kriminalfall, der schon früh offenbart, dass es hier um Elementares geht. Offenbar treibt ein Satanisten-Zirkel sein Unwesen - und anscheinend sind nicht nur Kadetten, sondern auch hochrangige Akademie-Mitglieder an den daraus resultierenden Untaten beteiligt!

Als Leser mag man zunächst seufzen, denn ein teuflischer Kult suggeriert einen Trash-Faktor, der für dieses vom Verfasser wuchtig angelegte und sorgfältig geschriebene Werk zu leichtgewichtig wirkt. Hinzu kommt ein Mittelteil, der zu breit geraten ist und inhaltlich auf der Stelle tritt. Davon sollte man sich jedoch nicht irritieren oder gar abschrecken lassen, denn im letzten Drittel sorgt Bayard gleich für mehrere Aha! -Effekte, indem er dem Geschehen nach zufriedenstellender und höchst dramatischer Auflösung einen Twist beschert, der die Ereignisse in ein völlig neues Licht stellt - um dies anschließend zu wiederholen!

Die ‚dreifache‘ Aufklärung löst ein, was der Verfasser versprochen hatte. Obwohl dieser Roman von der Figur E. A. Poe zehrt, legt Bayard nicht nur uns, sondern auch Poe herein: Das Leben kann selbst - oder gerade - ein Genie hinters Licht führen. Dies geschieht ohne jene Melodramatik, die Ort und Zeit der Handlung hätten vorgeben können. Stattdessen setzt Bayard auf die emotionale Melodramatik einer Ära, die gleichzeitig eine starre Gefühlskontrolle forderte, ohne darin mehr als ein Stilmittel zu sehen. Er schaut hinter die Kulissen und legt die Scheinheiligkeit, aber auch die Angst offen, ‚Schwäche‘ zu zeigen und damit gegen strikte gesellschaftliche Regeln zu verstoßen.

Fazit

Überdurchschnittlicher Krimi, der markant gezeichnete Figuren in eine ebenso spannende wie bizarre Mordserie verwickelt. Der Plot wird gleich dreifach und zunehmend überraschender aufgelöst, die Sprache ist kunstvoll auch dank der gelungenen Übersetzung, ohne aufdringlich zu sein (was den gar zu offensichtlich auf Werbewirksamkeit getrimmten Deutsch-Titel ausschließt): Dieses Werk legt Ehre für das allzu oft selbstzweckhaft missbrauchte Genre Historienkrimi ein.

Der denkwürdige Fall des Mr Poe

Louis Bayard, Insel

Der denkwürdige Fall des Mr Poe

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