Sechzehn Pferde

  • S. Fischer
  • Erschienen: Februar 2022
Sechzehn Pferde
Sechzehn Pferde
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Mär 2022

Der Schrecken kommt über eine ohnehin sterbende Stadt

Ilmarsh, eine Kleinstadt an der englischen Nordseeküste, ist ein Ort ohne Zukunft. Nachdem die Fischerei aufgegeben werden musste, haben nun auch die Ölbohrplattformen vor der Küste dichtgemacht. Es gibt keine Arbeit mehr, weshalb die jungen Leute Ilmarsh verlassen. Zurück bleiben die Alten und jene, die auch anderswo keine Chance auf einen Neuanfang haben. Die Infrastruktur der Stadt spiegelt den Niedergang wider. Betriebe und Geschäfte schließen, Straßen und Gebäude verfallen.

Obwohl die Kriminalitätsrate steigt, weil sich frustrierte Bewohner durch Gewalt abreagieren oder finanzielle Ausfälle durch Diebstahl oder Drogenhandel abfedern wollen, wurde die örtliche Polizeidienststelle drastisch verkleinert. Viel zu wenige Beamte sind für ein viel zu großes Gebiet zuständig. Detective Sergeant Alec Nichols wurde durch den Krebstod seiner Gattin zusätzlich aus dem Gleis geworfen. Als alleinerziehender Vater ist er überfordert, leidet unter Depressionen und trägt auch sonst viel Weltschmerz mit sich herum. Ebenso ausgelaugt und labil ist die ehemalige Tierärztin Dr. Cooper Allen, die nun als Kriminaltechnikerin und Forensikerin tätig ist.

Diese beiden verlorenen Seelen sollen in einem bizarren Fall zusammenarbeiten: Unweit der Schaffarm der Coles findet man die Körperteile von 16 Pferden. Sie wurden abgeschlachtet und zerlegt, Köpfe und Schweife in einem Muster arrangiert. Die Polizei tut sich schwer mit diesem Fall, bis die Ereignisse sich überschlagen: Nichols Sohn Simon verschwindet spurlos, mehrere Menschen sterben an einem uralten Gift, und mysteriöse Botschaften raunen von einer Rache, die über die verderbten Bürger von Ilmarsh kommt …

Skandinavien trifft auf England

Vor allem deutsche Leser lieben „Morde aus dem Norden“. Die Skandinavier sorgen für jene Mischung aus Spannung, Splatter und Tristesse, die hierzulande gut ankommt. Vor allem in Sachen Niedertracht und Schwermut erwartet man Höchstleistungen, die zuverlässig auch im Fernsehen geliefert wird, wo die Nordlicht-Krimis ebenfalls omnipräsent sind. Wer von einem Kriminalroman mehr als eine über der Handlung lastende Druck-Glocke verlangt, wundert sich über diesen Erfolg. Missmut ist eigentlich kein Unterhaltungselement.

Offenbar denken nicht gerade wenige Leser - und Autoren - anders. Greg Buchanan ist Brite, beweist aber nachdrücklich, dass Depression und Düsternis kein skandinavisches Monopol darstellen. „Sechzehn Pferde“ ist eine wahre Tour de Force durch sämtliche Kreise der Traurigkeit. Tatsächlich ist dies sogar wichtiger als die Handlung, die ungeachtet der kruden Meisterschaft, mit der Buchanan in Seelentiefen fischt, nicht gerade raffiniert entwickelt ist, sondern sich in Bocksprüngen vorwärtsbewegt, die wohl den über allem schwebenden Wahnsinn widerspiegeln sollen.

Falls dies kritisch bzw. skeptisch klingt, steckt durchaus Absicht dahinter: Zumindest dieser Rezensent reiht sich nicht in den Chor derer ein, die Greg Buchanan als neuen Meister des Mystery-Thrillers feiern. Es gibt Gründe, die bei objektiver Betrachtung dagegensprechen.

Schattenhafte Munkeleien und bizarre Übeltaten

Der Autor startet stark mit einem wahrlich einprägsamen Bild: Auf einer Wiese liegen 16 Pferdeköpfe und -schweife. Sie wurden nicht einfach abgeladen, sondern von einem offensichtlich geistig derangierten, aber entschlossenen Schlächter so niedergelegt, dass dahinter eine Botschaft zu ahnen ist, die entschlüsselt werden müsste: Die Polizei weiß, dass die Misshandlung von Tieren oft der ‚Probelauf‘ eines Serienkillers darstellt, der sich noch nicht an Menschen traut.

Ilmarsh ist der denkbar ungeeignetste Ort für eine organisierte, zielgerichtete Fahndung. Tatsächlich fällt es schwer, selbst eine rudimentäre Ermittlung in Gang zu bringen. „Sechzehn Pferde“ ist auch - und oft vor allem - die Momentaufnahme einer (englischen) Gegenwart, die durch Globalisierung und Rezession wirtschaftlich abgehängt wurde. Ilmarsh liegt im Sterben - und Buchanan schwelgt in eindringlichen Bildern, um dies unter Beweis zu stellen.

Der bauliche Verfall, die stetige Schließung von Betrieben, der Rückzug einer Politik, die sich ihrer Verantwortung entzieht, spiegelt sich in einer Bevölkerung wider, die den Mut verloren hat und zombiegleich vor sich hin vegetiert. Viele machen einfach weiter, obwohl es keinen Sinn mehr hat. Ilmarsh ist am Ende, und seine Bürger sind es auch. Viele, viele Seiten füllt Buchanan mit einschlägigen Schilderungen, wobei es ihn nicht kümmert, dass dies mit dem roten Handlungsfaden wenig oder nichts zu tun hat. Hin und wieder scheint es ihm doch aufzufallen; dann lässt er ein weiteres Mysterium aufploppen, um sein Publikum bei der Stange zu halten.

Die Stadt der wandelnden Toten

Vor allem die erste Hälfte wird auf diese Weise aufgewertet, dem Waten durch Pech und Angst folgt eine echte Überraschung, die dem Geschehen einen völlig neuen Twist zu geben scheint. Leider verpufft dieser Schwung bzw. verendet in einer absurden Nebenhandlung, die ausschließlich für diesen Sensationseffekt konzipiert wurde. So etwas ist ärgerlich, weil Buchanan dann in alte Muster zurückfällt, es weiterhin unheimlich raunen und munkeln lässt, aber dabei auf der Stelle tritt.

Dazu passt ein Figurenensemble, das bereits vor Beginn der eigentlichen Handlung verstört und gebrochen ist, ohne dadurch wie vom Verfasser geplant interessanter zu wirken. Buchanan übertreibt es mit einem wahren Psycho-Trommelfeuer, dessen Details sich einfach nicht plausibel zu jenem Finale bündeln wollen, das dem Drama als Auflösung dient. Das Wissen um die wahre Geschichte lässt Buchanans Mystery-Gespinst zerfallen.

Es gibt keine Identifikationsfiguren - oder geht Buchanan davon aus, dass wir uns auf die Seiten der schicksalsgebeutelten Forensikerin oder des Polizisten schlagen? Dafür bleiben ihre Leiden allzu bekannten Klischees verhaftet. Außerdem treiben Cooper und Alec eher durch das Geschehen, als es zu bestimmen: Auch dies ist ein Stilmittel, aber es springt kein Funke über, wenn die Hauptfiguren bis zuletzt ebenso ahnungslos sind wie wir Leser (und dazu nervig). So bleibt eine vor allem von der Werbung behauptete Krimi-Sensation, die in ihren Einzelteilen stärker ist als in der Gesamtheit (und ihre Wirkung in einer zukünftigen TV-Verfilmung sicher stärker entfalten wird).

Fazit

Mit diversen Sensationseffekten gespicktes, aber in der Handlung oft voran dümpelnde, auf Schwermut und Verfall setzende Story, die nicht die von der Werbung behauptete Durchschlagskraft besitzt: dennoch lesenswert - sowie interessant, wie sich die Melodramatik negativ auf die Handlung niederschlägt.

Sechzehn Pferde

Greg Buchanan, S. Fischer

Sechzehn Pferde

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