Mord in der Straße des 29. November

  • Kampa
  • Erschienen: Februar 2022
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Carola Krauße-Reim
65°

Krimi-Couch Rezension von Carola Krauße-Reim Mär 2022

Tiefe Einblicke in die israelische Gesellschaft

Mitten im seger, dem Lockdown in Israel, wird die Knesset-Abgeordnete Ruchama Wacholder mit ihrem Mann Gil auf offener Straße ermordet. Der Jerusalemer Polizei wird die Ermittlung entzogen, der Inlandsgeheimdienst übernimmt und geht von einem islamistischen Anschlag aus. Doch die Sache ist komplizierter als der Öffentlichkeit präsentiert wird, denkt sich die Polizeipsychologin Kinny Glass, die eine Freundin des Ehepaares war und nun selbst ein wenig die Strippen zieht.

Jerusalem als Tatort

Alfred Bodenheimer ist Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte. Er pendelt zwischen Basel, wo er unterrichtet und Jerusalem, wo seine Familie lebt. Als Kenner der Ewigen Stadt ist es nur natürlich, dass er sie als Schauplatz seines zweiten Krimis wählt. Für den Leser bedeutet dies, einen vielleicht exotischen aber wahrscheinlich vor allem relativ unbekannten Ort kennenzulernen, der nicht nur in religiöser, sondern auch politischer Hinsicht einiges zu bieten hat.

Bodenheimer führt uns dann auch kreuz und quer durch die Stadt, nennt unglaublich viele Orts- und Straßennamen und zeigt die unterschiedlichen Charaktere der Stadtviertel auf. Hier wäre eine anhängende Karte von Jerusalem sehr brauchbar gewesen, denn wer ist in Europa so ortskundig und kennt Jerusalem so gut, wie ein Einheimischer? Immerhin werden die zahlreichen hebräischen Begriffe, wie z.B. „Matze“, „Pargiot“ oder „Schidduch“ im Anhang erklärt.

Wenig Krimi mit sehr viel Hintergrund

Der Mord am Ehepaar Wacholder ereignet sich mitten im seger, der weltweit bekannten gesellschaftlichen Ausnahmesituation des Lockdowns. Im Mittelpunkt der gesamten Handlung steht Polizeipsychologin Kinny Glass, die, wie alle Israelis, ihre Wohnung nur in Ausnahmefällen verlassen darf und sowieso offiziell nichts mit dem Fall zu tun hat. Dadurch geraten die Ermittlungen und damit die ganze Tat in den Hintergrund, im Vordergrund steht die israelische Gesellschaft. Kinny kämpft mit ihrem familiären Hintergrund als Tochter eines orthodoxen Juden; grübelt über die vertrackte politische Situation mit einem angeklagten Premierminister nach; ist von dem System der „protekzia“, der weit verbreiteten Vetternwirtschaft abgestoßen und kommt immer wieder auf die Bestechlichkeit und die unehrlichen Machenschaften der Behörden zurück.

Natürlich hängt auch der Mord mit diesem gesellschaftlichen Zustand zusammen, der auch zur Anspielung auf die politischen Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern führt. Doch durch diese Passivität und nur periphere Verwicklung in den Mord leidet die Spannung enorm, denn Kinny denkt nur nach, die Ermittlung übernehmen größtenteils die anderen.

Wer nicht am jüdischen Glauben oder der politischen und gesellschaftlichen Lage in Israel interessiert ist, dürfte wenig Freude an der Geschichte haben. Der unaufgeregte Schluss kommt dann auch so plötzlich, dass er ziemlich unbefriedigend erscheint, aber zum Gesamtbild passt.

Kinny steht im Mittelpunkt

Wir begleiten Kinny Glass während des gesamten Geschehens. Sie ist geschieden, hat eine studierende Tochter und wohnt in Jerusalem. Durch sie lernen wir die Probleme in Israel kennen – von protekzia bis orthodoxe Juden, denn in ihrer Familie gibt es das alles. Bodenheimer schafft es, ihr einen scheinbar stabilen Charakter zu geben, der allerdings manchmal doch ins Wanken kommt, wenn es um private Dinge geht. Sie hat immer noch Probleme die vor vielen Jahren erfolgte Scheidung zu verdauen; das Verhältnis zu Tochter Mia ist auch sehr angespannt und ihr orthodoxer Vater schafft es immer wieder Unfrieden zu stiften – das alles ist interessant, doch so ausgeprägt in einem Krimi fehl am Platz, selbst wenn das alles in den Fall hineinspielt.

Der eigenwillige Stil befremdet

Alfred Bodenheimer ist Schweizer, das Buch erscheint in einem Schweizer Verlag, was vielleicht die manchmal eigenwillige Wortwahl begründen könnte, denn z.B. „beelendet“ oder etwas „am Radio“ hören, dürfte außerhalb der Schweiz wenig gebräuchlich sein oder Bemerkungen, wie „Ich habe die längste Zeit gemeint, du hättest denen geöffnet als sie geklingelt haben“ erscheinen Nicht-Schweizern zumindest befremdlich. Was allerdings nur auf schlechten Stil oder mangelndes Lektorat zurückzuführen ist, sind die zahlreichen Stilblüten. „Wenn Kinny die Augen schloss, konnte sie sich beim Lesen der Antwort Ruchamas Stimme vergegenwärtigen ...“ oder „Also gehe ich jeden Tag zum Bäcker in meiner Nachbarschaft und kaufe ein gutes, saftiges Stück Fleisch“ sind nur zwei Beispiele. Der Text erscheint dadurch wenig professionell und Bodenheimer qualifiziert sich damit nicht gerade als ernstzunehmender Autor.

Fazit

„Mord in der Straße des 29. November“ ist weniger ein Krimi als eine Sicht auf die politische und gesellschaftliche Situation in Israel und dürfte damit eher ein Roman für die Leser/innen sein, die sich für den Staat Israel und die jüdische Religion interessieren.

Mord in der Straße des 29. November

Alfred Bodenheimer, Kampa

Mord in der Straße des 29. November

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