Das Teehaus in Mentone

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1952
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Michael Drewniok
70°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Mär 2022

Wer ihn (er-) kennt, muss sterben

Anfang der 1920er Jahre gründet Ronald Camberwell in London eine Privatdetektei. Als Partner holt er den erfahrenen William Chaney ins Boot. Dieser war lange Inspektor bei Scotland Yard, wo er für seinen Spürsinn bewundert wurde.

Die Geschäfte laufen gemächlich an, doch aktuell ist dem Duo - das durch den noch unerfahrenen, aber einsatzfreudigen Mr. Chippendale zum Trio wird - ein dicker Fisch ins Auftragsnetz gegangen: Lord Cheverdale, ein geadelter Selfmademan, reich, geachtet sowie Eigentümer der (konservativen) Zeitung „Morning Sentinel“, beklagt den Verlust seines Chefredakteurs Thomas Hannington. Er wurde mit eingeschlagenem Schädel beim Haus seines Arbeitgebers gefunden.

Hannington hatte seinen dort offensichtlich geplanten Besuch nicht angekündigt. Lord Cheverdale will wissen, warum der Mord geschah, zumal offensichtlich wichtige Papiere, die Hannington bei sich trug, verschwunden sind. Zwar beschäftigt sich auch die Polizei in Gestalt der Scotland-Yard-Beamten Inspektor Duxford und Sergeant Wisdover mit dem Fall, doch Cheverdale besteht auf einer zusätzlichen Untersuchung. Polizisten und Detektive arbeiten zusammen, aber Chaney legt nicht alle Karten auf den Tisch. Mit Camberwell rollt er die Vorgeschichte des Mordes auf. Die Spur führt nach Frankreich und wieder zurück nach England - und sie wird heißer, was eine ganze Serie neuerlicher Mordtaten bestätigt …

Gut‘ Mörderjagd will Weile haben!

Zwar war früher faktisch gar nichts besser. Immerhin trifft zu, dass die Uhren langsamer gingen. Die Aufklärung eines Verbrechens funktionierte nicht nur rein analog, sondern blieb zumindest im zeitgenössischen Kriminalroman auf die Lösung des Falls fixiert, während heutzutage auch literarisch die Zeit drängt bzw. beschränkt ist, bevor besagter Fall ad acta gelegt wird.

„Das Teehaus in Mentone“ ist die gemächliche Geschichte einer wahrlich gründlichen Ermittlung, wobei das Tempo keineswegs durch vermeintliche technische Einschränkungen der Vergangenheit eingeschränkt wird: Wieder einmal gilt festzustellen, dass zumindest die mitteleuropäische Welt schon in den 1920er Jahren gut vernetzt war. Zwar gab es noch kein Internet, doch per Telefon und Telegramm waren auch weit entfernte Orte schnell kontaktiert. War persönliche Anwesenheit erforderlich, konnte man einen Schienenverkehr nutzen, der in der Perfektion seines Ablaufs die Gegenwart des 21. Jahrhunderts traurig in den Schatten stellt!

Dieser schon ‚globalisierten‘ Vergangenheit verdanken wir einen Kriminalroman, der ‚gemütlich‘ wirkt, während die Ermittler rasch und problemlos auch überregional tätig werden. Ausgerechnet Joseph Smith Fletcher (1863-1935), der zur ersten Generation der Krimi-Autoren zählt, wird zum Vertreter eines somit schon durchaus ‚modernen‘ Genres.

Denken - und laufen

Dies bedingt zudem eine Ermittlung, die in ihrem Ablauf verständlich bleibt, obwohl sie in einer quasi versunkenen Welt abläuft. Tatsächlich wirkt die Handlung erstaunlich zeitgemäß, denn sie schildert die Jagd auf einen Verbrecher, der die Kontrolle über die Ereignisse verliert und ebenso hektisch wie gewalttätig versucht, immer neue Löcher zu stopfen, die ihn als Täter auffliegen lassen könnten. Glaubhaft steigert sich die kriminelle Intensität, bis selbst Serienmord die Spuren nicht mehr verwischen kann.

Der steigende Druck spiegelt sich in der Schilderung einer geradezu unbarmherzigen Ermittlung. Man könnte meinen, dass Scotland Yard seine ganze Fahndungsmacht auf diesen Fall konzentriert. Noch intensiver gehen die Detektive Chaney, Camberwell und Chippendale ans Werk. Sie müssen sich nicht an den Dienstweg halten und werden außerdem von einem Hochadligen entlohnt, was in dieser Ära kurz nach dem Ersten Weltkrieg noch etwas bedeutet: Wenn ein Lord Cheverdale es wünscht, stellt sich auch Scotland Yard quasi in seinen Dienst und räumt ihm Informationsprivilegien ein, von denen der Adel des 21. Jahrhunderts nur noch träumen kann!

Nichtsdestotrotz ist das Prozedere einer Fahndung einst und jetzt deckungsgleich: Ein Fall ist ein Rätsel und muss gelöst werden, was nach bekannten und beliebten Krimi-Traditionen erfolgt. Wenige Indizien lassen sich mehrfach deuten, und jede Theorie muss untersucht werden. Folgerichtig ist „Das Teehaus in Mentone“ ein Krimi, in dem die Ermittler oft zusammensitzen und die herausgefundenen Fakten Revue passieren lassen. Doch Chaney, Camberwell und Chippendale sind keine „armchair detectives“. Sie strapazieren ihre Hirne, aber auch ihre Schuhsohlen und sichten Tatorte und befragen Zeugen. Mit einer Hartnäckigkeit, die den Täter nicht grundlos beunruhigt, folgen sie ihren Spuren.

Die Vergangenheit der Moderne

In diesem Rahmen nutzen sie, was Verkehr und Technik ihnen bieten. Man kann die Welt um 1920 altmodisch nennen. Dies betrifft jedoch eher die Gesellschaftsordnung. Noch ist das traditionelle Kastensystem intakt, haben die alten Eliten das Sagen. Der Umschwung hat jedoch bereits begonnen. Die „Unterschichten“ melden ihren Anspruch auf Mitbestimmung an. Selbst in der Redaktion des konservativen „Morning Sentinel“ hat mit Miss Hetherley eine ‚moderne‘ Frau das Sagen.

Dennoch gilt es die Formen zu wahren. Chaney und Camberwell können nur erfolgreich sein, wenn und weil sie wissen, wie sie mit einem Lord, einem Händler, einem Kleinkriminellen etc. umzugehen haben. Es gibt ‚schichtspezifische‘, ungeschriebene Regeln, die beachtet werden müssen, weil eine Kommunikation sonst zum Scheitern verurteilt ist.

Obwohl Fletcher als „Vielschreiber“ gilt, der sich anders als sein Zeitgenosse Arthur Conan Doyle nie zum „Klassiker“ hocharbeiten konnte, lässt die beinahe dokumentarische Nüchternheit, mit der er sein Krimi-Garn spinnt, „Das Teehaus in Mentone“ trotz der heute stilblütenhaften Eigenheiten erstaunlich unterhaltsam wirken. Natürlich geht es aus heutiger Sicht langsam und bedächtig voran. Dafür verzichtet Fletcher auf ‚literarischen‘ Anspruch. Die Hauptfiguren sind zwar Archetypen, werden aber nicht so markant ge- oder überzeichnet, dass sie zu Klischees gerinnen. Im Gegenzug muss man feststellen, dass vor allem Chaney und Camberwell kaum Profil zeigen. Sie treiben die Handlung voran; darin beschränkt sich ihr Daseinszweck. Wer wie Fletcher jährlich mindestens vier Bücher veröffentlichte, konnte wenig Zeit auf intensive Charakterisierungen oder Beschreibungsfeinheiten verwenden.

Fazit

Nüchtern, d. h. unter Verzicht auf Seifenschaum-Dramatik, stattdessen solide und inzwischen nostalgisch-altmodisch löst das Detektiv-Duo Chaney & Camberwell einen ihrer insgesamt elf Fälle: immer noch lesbarer Krimi eines vergessenen Autors.

Das Teehaus in Mentone

J. S. Fletcher, Goldmann

Das Teehaus in Mentone

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