Mord in Kensington

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 1953
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Michael Drewniok
75°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Mär 2022

Nächtlicher Menschenauflauf im Mordhaus

Julian Gossip leitet streng und ungerecht das Immobilienbüro Preston & Copp in London. Dass er zudem kein untadeliges Leben führte, wird erst bekannt, als man ihn in seinem Haus im Stadtteil Kensington findet - im Schädel steckt eine Kugel. Die leider schwer zu deutenden Spuren deuten an, dass sich in der Mordnacht mehr als eine Person im Haus aufgehalten hat.

Scotland Yard setzt Inspektor Peter Shell und Sergeant Croft auf den Fall an. Während es wie gesagt an Indizien mangelt, ist die Gruppe der Verdächtigen unerfreulich kopfstark. Beispielsweise hatte Gossip gerade Sekretärin Amy vor die Tür gesetzt, weil sie ein Kind von ihm erwartete. Aus dem Zuchthaus Dartmoor wurde Bruder Henry entlassen, der vergeblich auf familiäre Unterstützung hoffte. Da Gossip zudem Geld zu Wucherzinsen verlieh, windige Spekulationsgeschäfte trieb sowie illegale Glücksspiele organisierte, müssen Shell und Croft immer neue, meist wacklige Alibis überprüfen.

Obwohl die dabei zu Tage geförderten Informationen die Verwirrung eher noch steigern, bleiben beiden Beamten am Ball. Systematisch fühlen sie sämtlichen Verdächtigen auf den Zahn, lassen sich durch Irrwege und Sackgassen nicht irritieren. Der Erfolg bleibt nicht aus: Langsam, aber sicher nähern sie sich einer Auflösung, die den sich widersprechenden Indizien würdig ist …

Very British Crime - made in Germany

Wer gern altmodisch-gediegene Whodunits britischer Schule liest, dürfte „Mord in Kensington“ schätzen. Das ‚Milieu‘ ist stimmig, und erzählt wird eine Kriminalgeschichte, die sich strikt auf den Fall konzentriert. Handlung und Figurenzeichnung bleiben ausschließlich dem Plot verhaftet. Die heutzutage üblich gewordenen Zwischenmenschlichkeiten glänzen durch willkommene Abwesenheit; hier werden keine Buchseiten geschunden, indem die emotionalen Privatprobleme der Figuren in den Vordergrund geschoben werden.

Dabei ist dieser Roman ein ‚Fake-Krimi‘, der in London spielt, obwohl er von einem Deutschen geschrieben wurde. „Ferry Rocker“ ist ein Pseudonym des Autors Eberhard Friedrich Worm (1896-1973), der nur ‚nebenbei‘ Krimis schrieb. Worms Leben wies viele Brüche auf, wie es für jene Deutschen typisch war, die sich gegen die Willkürherrschaft der Nationalsozialisten stellten. Zudem war Worm Kommunist und Regimekritiker. In den 1920er Jahren arbeitete er als Journalist für ‚linke‘ Presseorgane. 1933 ging er wohlweislich ins Exil. Erst nach dem Zweiten Krieg konnte er aus London zurückkehren. Ab 1945 lebte Worm in Wien.

Seine Krimis wurden im Goldmann-Verlag und dort in der gerade eingeführten Reihe der „Taschen-Krimis“ wieder aufgelegt. Sie bot den deutschen Lesern, wonach es ihnen gelüstete: Kriminalromane aus England, das hierzulande als literarische Quelle der wahren Qualitätsverbrechen galt. Wilhelm Goldmann hatte dem bereits seit 1926 Rechnung getragen, so lange es möglich war. Ab 1950 legte er neu oder wieder auf, was in Deutschland ‚ging‘: Agatha Christie, Edgar Wallace u. a. heute oft vergessene Autorinnen und Autoren, die dem Whodunit huldigten.

Die Formel steht über der Herkunft

Worm = Rocker begeht nicht den viel zu oft begangenen Fehler, auf einen Overkill einschlägigen, aber für das Geschehen unnötigen Lokalkolorits zu setzen. Wenn er ins Detail geht, hat dies seine Bedeutung, und soll nicht den Recherchefleiß des Verfassers belegen. Rocker zeigt sich als Profi, der etwas Spannendes erzählen und uns nicht unter Fakten begraben will.

Dabei kann er auf ein London-Bild setzen, das sich unabhängig von der Realität in der Unterhaltungsliteratur, im Theater oder im Kino durchgesetzt hatte und von Klischees und Archetypen dominiert wurde. Heftig wabert dichter Nebel um ohnehin einsam gelegene Tatorte, während knapp bzw. rollenkonform charakterisierte Familienmitglieder sich verdächtig machen und Polizisten bzw. Detektive abwechselnd klare Kanten zeigen oder sich in Andeutungsnebel hüllen.

Also treffen in „Mord in Kensington“ untadelige Ermittler auf eine bunte Gruppe potenzieller Übertäter, zu denen ein schmieriger ‚Ehrenmann‘, diverse Einbrecher und Räuber mit ausgeprägtem ‚Berufsstolz‘, eine dumm-geile Sekretärin, ein übereifrig-naiver Lehrling und eine völlig verrückte Alte gehören. Was einst (sacht) gewagt oder spannend gewirkt haben mag, atmet heute den Geist einer eher tröstlichen, weil gemächlichen und wenig bedrohlichen Vergangenheit. Zwar geht es um Mord, doch eine Lösung des Falls steht außer Frage, zumal sich die Ermittler alle Zeit der Welt nehmen dürfen: Zumindest auf dem Papier löste Scotland Yard jedes Verbrechen!

Ermittlung ist Arbeit

Genialität kann man Shell und Croft nicht nachsagen. Zwar gibt es jenen Geistesblitz, der das Finale einleitet, weil die Mosaiksteinchen plötzlich an die richtigen Stellen fallen. Doch bis es dazu kommt, wird viel Staub aufgewirbelt - meist von den Schuhen der unermüdlich nachforschenden und -fragenden Polizisten. Rocker arbeitet geschickt mit den Schwierigkeiten einer Indiziensammlung, die sich zu immer neuen Tathergängen zusammensetzen lässt. Die korrekte Reihenfolge will sich lange nicht einstellen.

Daraus entwickelt sich eine Ermittlung, die hin und wieder Längen und Wiederholungen aufweist, aber sonst vom Verfasser klug konzipiert wurde und einem roten Faden folgt, den Rocker fest in der Schreibhand hält, obwohl der Fall über weite Strecken verwirrend ist und viele lose Fäden produziert, die final zusammengedreht werden müssen. Erfreulicherweise gelingt die angestrebte Überraschung: Unter den verdächtigen und verhörten Personen wird ein Täter identifiziert, den man als Leser nicht unbedingt auf dem Schirm hatte.

Angenehm überrascht auch der elegante Erzählton, der zwar manchmal die Entstehungszeit widerspiegelt, aber weiterhin flüssig und lesbar geblieben ist. Tatsächlich sorgt „Mord in Kensington“ für ein Lektürevergnügen, das sogar manchen ‚originalen‘ britischen Alt-Krimi in den Schatten stellt.

Fazit

Obwohl in Deutschland entstanden, lehnt sich dieser Kriminalroman erstaunlich gelungen an den klassischen britischen Whodunit an. Der Plot ist komplex, sämtliche möglichen Lösungen werden durchgespielt. Auch stilistisch steht „Mord in Kensington“ über dem Durchschnitt: eine angenehme Überraschung für Leser, die es altmodisch, aber spannend lieben.

Mord in Kensington

Ferry Rocker, Goldmann

Mord in Kensington

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