Der Mann aus dem Fegefeuer

  • Heyne
  • Erschienen: Februar 2010
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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2022

Giftschlanges Biss in die achtlos fütternde Hand

Der moderne Serienmörder - gern gezeichnet nach dem Vorbild des genialischen Hannibal Lecter - galt lange als kriminelles Phänomen aus Übersee. In den USA sorgten reale Killer wie Ted Bundy, Jeffrey Dahmer oder John Wayne Gacy für zweistellige Opferzahlen sowie wohligen Horror dort, wo man sich als Leser einschlägiger Medienberichte in Sicherheit fühlen konnte.

Zwar gab es auch auf anderen Kontinenten Serienmörder, doch erst der Siegeszug des Internets sorgte dafür, dass entsprechendes Wissen sich global verbreiten konnte. Noch um 1990 glaubte man sich in Mitteleuropa jedenfalls nicht betroffen - dies auch deshalb, weil die Forschung zum Thema auch in den USA erst in den Startlöchern stand.

So konnte Jack Unterweger (1950-1994) als Paradebeispiel des heute auch trivialkulturell allgegenwärtigen Serienkillers für Entsetzen und Tod sorgen, obwohl er keineswegs ein ‚echter‘ Lecter war: Wie John Leake in seiner gut recherchierten Darstellung feststellt, profitierte Unterweger von seiner Unstetigkeit, die ihn in (mindestens) drei Ländern auf zwei Kontinenten töten ließ. Dadurch kam es zu Ermittlungsschwierigkeiten, doch sobald sich die Polizei international vernetzt hatte, konnte sie dem Spuk bald ein Ende bereiten. In die Enge getrieben und 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt, brachte sich Unterweger schon in der Nacht nach dem Urteil in seiner Zelle um.

Schmuddelkinds Aufstieg zur Alternativ-Prominenz

Obwohl John Leake sein „True-Crime“-Buch als Debütant schrieb, gelingt ihm ein dichtes und überzeugenden Bild der Causa Unterweger. In den USA geboren, siedelte Leake nach Österreich um. Angesichts der Fallgeschichte war dies von Vorteil, da der Autor sowohl in Europa als auch in den USA ohne Sprachbarrieren recherchieren konnte. Dies trägt das Werk über seine Schwächen; so fällt vor allem Teil 3, in dem Leake über den letzten Prozess gegen Unterweger berichtet, zu ausführlich aus.

Da Unterweger als Täter wie schon erwähnt nicht so schlau war, wie er glaubte, konnte seine Vergangenheit als Dieb, Betrüger, Zuhälter und schließlich Mörder gut rekonstruiert werden; nicht grundlos war ihm eine kopfstarke Sondereinheit auf der Spur. Auf diese Erkenntnisse konnte Leake sich stützen und Unterwegers Doppelleben nachzeichnen. Man glaubt, dass er mindestens zwölf Frauen umgebracht hat; für neun Morde wurde er 2004 verurteilt (wobei dieses Urteil aufgrund seines Selbstmords nie rechtskräftig geworden ist).

Schon sein Weg als Serienkiller ergibt eine erschreckend faszinierende Story. Doch Unterweger war kein ‚normaler‘ Krimineller, sondern ein Ziehkind der kulturellen Elite bzw. Schickeria seiner Zeit. Der wenig gebildete, aber intelligente und vor allem hochgradig charismatische und manipulative Mann arbeitete sich quasi im Selbststudium zum ‚Literaten‘ hoch. 16 Jahre saß er nach einem ersten Mord im Gefängnis. Dort produzierte er eine wahre Flut von Büchern, Theaterstücken und Kindergeschichten (!). Als ‚Stimme aus der Gosse‘ fand er das Gehör einer Gruppe prominenter und etablierter Schriftsteller und Autoren, die sich intensiv und letztlich erfolgreich für seine Freilassung einsetzten - ein Vorgang, die ebenso bestürzt wie Unterwegers Mord-‚Karriere‘, denn diese wurde auch deshalb möglich, weil man den Häftling für ‚geläutert‘ hielt und ihn schon vor seiner Entlassung multimedial hofierte.

Steckbrief eines Soziopathen

„Der Mann aus dem Fegefeuer“ ist die unbehaglich stimmende Bestätigung jener kriminologischen Theorie, nach der sich ein ‚funktionierender‘ Soziopath als sogar liebenswerter Zeitgenosse inmitten einer Gemeinschaft etablieren kann, deren Mitglieder ihm faktisch nur Beute sind, die er instrumentalisieren, ausnutzen und umbringen kann. Leake entschlüsselt Unterwegers teuflisches Geschick, die Schwächen seiner Mitmenschen zu erspüren. Vor allem Frauen konnte er in seinen Bann ziehen.

Dass ein so umtriebiger Killer so lange sein Unwesen treiben konnte, führt Leake plausibel auch auf Unterwegers Vernetzung in der genannten Kulturszene zurück. Die Medien waren ihm ebenfalls gern zu Diensten, denn Unterweger war stets für eine griffige Schlagzeile gut. Demgegenüber waren seine an Vorschriften und international unterschiedliche Gesetze gebundenen Verfolger im Nachteil. Sie mussten methodisch und damit langsam arbeiten, was in einer auf Tempo setzenden Mediengesellschaft - an die sich auch die Politiker geschmeidig angepasst haben - in die Defensive drängt.

Als Buch ist „Der Mann aus dem Fegefeuer“ nicht tadellos. Eher ungeschickt bemüht sich Leake um die Charakterisierungen der unterschiedlichen Ermittler. Von Nachteil ist dabei die Tatsache, dass die Realität sich nicht um jene Ereignisaspekte schert, die man in einer nachträglichen Darstellung als „Klischees“ entweder ausklammert oder in Kauf nimmt. Leake geht den zweiten Weg - und tappt immer wieder in die damit verbundenen Fallen. Besser fährt er dort, wo er auf eine romanhafte Beschreibung verzichtet, sondern sich auf die Fakten beschränkt.

Die Kraft der Legende

Leake entdeckt hinter dem Unterweger-Mythos einen letztlich einfach nur bösartigen Menschen, Hochstapler und Killer. Diese Darstellung wirkt aufgrund der Fakten und zerreißt damit jenen Schleier, hinter dem sich Unterweger als tragisches Genie inszenierte. Der Autor konnte mit zahlreichen Zeitzeugen sprechen. Dass deren Erinnerungen (oder nachträglichen Interpretationen) differieren, nimmt er in sein Werk auf. Auf diese Weise macht er deutlich, dass Unterweger zwar tot, aber nicht vergessen ist, so sehr sich jene, die ihn einst tatkräftig unterstützten, dies wohl manchmal wünschen mögen …

Zwei Fotostrecken ergänzen den Text. Nachträglich ist man bekanntlich stets schlauer, weshalb man sich wundert, dass niemand ‚sah‘ = erkennen konnte/wollte, dass Unterweger ein Blender war. Die moderne Mediengesellschaft hat den Begriff „Prominenz“ nach dem Millennium (und auf dem Weg ins „Dschungel-Camp“) weiterhin und quasi systematisch entwertet. Jack Unterweger belegt den Weg dorthin, aber gelernt hat man aus bzw. in diesem Fall wenig.

Fazit

Obwohl sprachlich ein wenig unbeholfen, gelingt es dem Verfasser, nicht nur die kriminelle ‚Laufbahn‘ von Jack Unterweger zu rekonstruieren, sondern auch dessen Aufstieg als ‚Ziehkind‘ einer um sich selbst kreisenden, allzu unkritischen Kulturszene zu schildern. Der meist sachliche Ton hebt dieses Buch über die üblichen, d. h. auf den Blut-und-Ekeleffekt konzentrierten „True-Crime‘-Machwerke hinaus.

Der Mann aus dem Fegefeuer

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