Cars and Crimes

  • Motorbuch
  • Erschienen: März 2021
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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension von Michael Drewniok Feb 2022

Der kurze Weg zur automobilen Kriminalität

Das Automobil wird heutzutage gern als rollender Umweltzerstörer verteufelt. Dabei gehört es zu den Erfindungen, die unseren Lebensalltag entscheidend prägen. Zu zahlreich sind die Möglichkeiten einer Mobilität, auf die man global nicht mehr verzichten will. Schon früh erkannte man, dass man nicht nur von Ort zu Ort fahren, sondern auch schwere Frachten transportieren konnte - oder Soldaten: Die militärische Nutzung pferdeloser Fahrzeuge in zwei Weltkriegen zementierte die zivile Dauerpräsenz der Benzinkutschen.

Die kriminelle Unterwelt beobachtet stets aufmerksam die Entwicklung der Technik. Nicht wissenschaftliches Interesse ist der Antrieb. Im Vordergrund steht der praktische Nutzen: Lässt sich eine Innovation einsetzen, um gesetzestreue Mitbürger um ihr Hab und Gut zu prellen oder die lästigen Gesetzeshüter auszuschalten? Das Automobil wurde zur wortwörtlichen Größe in jenem Rennen, das sich ‚Gut‘ und ‚Böse‘ seit jeher liefern, wobei beide Seiten stets bemüht sind, stets die Nase (bzw. den Kühler) vorn zu behalten sowie zuverlässige, schnelle, schussfeste Fahrzeuge einzusetzen.

Sobald es das „Trial-&-Error“-Stadium verlassen und sich zu einem brauchbaren Fortbewegungsmittel gemausert hatte, war das Automobil aus der Kriminalhistorie nicht mehr wegzudenken. Spätestens seit den 1930er lässt es sich im Umfeld der meisten Übeltaten feststellen. Autor Christian Steiger schildert exemplarisch zwölf berühmte Verbrechen der Jahre 1928 bis 1973, in denen das Auto eine wichtige Rolle spielte.

Der rollende Tatort

So lernen wir, dass Al Capone (1899-1947) luxuriöse und schnelle Wagen liebte - und zu einem Pionier der automobilen Festung wurde, als er seinen Cadillac Town Sedan mit Stahlplatten und Panzerglas sichern ließ: Capone, der für den Tod zahlreicher lästiger Gangster-Konkurrenten sorgte, wusste nur zu gut um die Durchschlagskraft moderner Feuerwaffen. (Sein diesbezüglich nie auf die Probe gestelltes Gefährt ist übrigens noch heute ein vielbestauntes Ausstellungsstück.)

Selbstverständlich erinnert Steiger an das legendäre Verbrecherpaar Clyde Barrow und Bonnie Parker, die von Polizisten im Mai 1934 aus dem Hinterhalt buchstäblich hingerichtet wurden: 167 Kugeln durchsiebten sie, während sie in ihrem bevorzugten Fluchtauto saßen - einem Ford V8, der so schnell und zuverlässig war, dass Barrow dies (möglicherweise) brieflich Henry Ford persönlich wissen ließ. Das zerschossene Wrack sorgt auch im 21. Jahrhundert für Aufmerksamkeit; man kann es in einem Spielkasino im US-Staat Nevada besichtigen.

In mehreren Kapiteln widmet sich der Verfasser deutschen Kriminalfällen, in denen das Auto eine wichtige Rolle spielte: der Mannheimer Postraub von 1949 - auch hier stand ein Ford V8 im Mittelpunkt -, der Mordfall Dr. Müller - er ließ 1954 seine Gattin in einem Borgward verbrennen -, der „Taximord“ in Lübeck - 1962 in einem Opel Kapitän begangen -, die Amokfahrt von Prag - 1973 in einem alten Praga-Lastwagen geschehen - und selbstverständlich der Mord an der Luxus-Prostituierten Rosemarie Nitribitt (1957), die im zur Ikone avancierten Mercedes-190-SL-Cabrio in Frankfurt am Main auf Kundenfang ging.

Das Auto bleibt Instrument

Ansonsten schildert Steiger Verbrechen, in deren Verlauf Automobile zum Einsatz kamen. Als Fortbewegungsmittel waren sie unverzichtbar, aber in der Regel nicht fallrelevant: Man nutzte, was gerade greifbar war, weshalb manches „Crime Car“ eher eine Klapperkiste ist.

Diese ‚Nebenrolle‘ des Automobils bedingt einerseits eine recht willkürliche Auswahl vorgestellter Fälle. Ist man bereit, solche Themenferne zu akzeptieren, wird man mit interessanten Geschichten über historische Übeltaten entschädigt. Im Rahmen seiner Recherchen hat sich der Autor dort in die Primärquellen - meist aus Polizeiarchiven - vertieft und dabei manchen Informationsschatz gehoben, während die Faktendecke eher dünn bleibt, wenn Verbrechen aus dem Ausland dargestellt werden.

Interessant ist die Verschränkung der beschriebenen Kriminalfälle mit der Zeitgeschichte. Delikte wie das „Autobahnspringen“ - wagemutige Ganoven enterten auf steilen Autobahnstrecken PS-schwache und langsame Lastwagen, um während der Fahrt die Ladung zu ‚entladen‘ - oder Überfälle auf faktisch ungesicherte Bankfilialen in winzigen Ortschaften wären so heute nicht mehr möglich.

Blick zurück in eine exotische Vergangenheit

Die beschriebenen Verbrechen führen in eine gar nicht ferne Vergangenheit zurück, als die Welt noch analog funktionierte. Als Nonplusultra der Technik galt die allerdings nur selten vorhandene, weil teure Überwachungskamera. Ein simpler Schal genügte, um eine Gangstervisage im Verborgenen zu halten. Alarmanlagen für Automobile gab es nicht, weshalb es leicht war, sich einen starken Wagen für einen geplanten Gesetzesbruch zu stehlen; dies war auch deshalb hilfreich, weil die Polizei oft im VW-Käfer unterwegs war, was Verfolgungsjagden jegliche Brisanz nahm …

„Cars and Crimes“ bietet gut geschriebene Texte, wobei der Autor die Fälle auf das Wesentliche verdichtet, aber auch auf die Zeitgeschichte einbezieht. Dazu gehört die Präsenz des ‚modernen‘ Verbrechens im noch jungen Fernsehen. Vor allem auf die TV-Serie „Stahlnetz“ geht Ringer immer wieder ein. Sie entstand oft außerhalb des Studios und beinhaltete den regen Einsatz unterschiedlichster Fahrzeuge.

Ergänzt werden die Texte durch eine Fülle historischer Fotos, die oft den Akten entnommen wurden und Tatorte, Indizien und natürlich gefangene Verbrecher zeigen. Die Wiedergabequalität ist hoch, was auch dem wertigen, dicken Papier zu verdanken ist.

Fazit

Zumindest die ‚deutschen‘ Fälle sind faktentief recherchiert, aber auch sonst informiert und unterhält dieses Buch, obwohl das Auto meist auf seine Nebenrolle als Fortbewegungsmittel = Instrument beschränkt bleibt. Viele Bilder ergänzen den lesbaren Text.

Cars and Crimes

Christian Steiger, Motorbuch

Cars and Crimes

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