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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension vonFeb 2022

Durch allzu weite Maschen geschlüpft

Er war der „Todesengel von Auschwitz“, Herr über Leben und Tod an einem Ort, den es nicht hätte geben dürfen und der eines der kapitalen Verbrechen der Weltgeschichte markiert: Josef Mengele (1911-1979), wurde zu einem Symbol für die Unmenschlichkeit des Nazi-Regimes - dies auch, weil es ihm gelang sich der Strafe zu entziehen. David G. Marwell gehörte zu denen, die solche Nazi-Verbrecher verfolgten und zur Rechenschaft ziehen wollten.

Als hochrangiger Mitarbeiter des dem US-Justizministerium unterstellten „Office of Special Investigations“ war er viele Jahre in den Fall Mengele involviert. Sein Buch schöpft deshalb auch aus Quellen, die so bisher nicht ausgewertet werden konnten. Das OSI war Mengele auch deshalb auf den Fersen, weil dieser nach Kriegsende zwar in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war, man ihn aber entlassen hatte, sodass er nach Südamerika entkommen konnte: ein Versagen, das aufgeklärt werden sollte.

Marwell präsentiert eine ebenso inhaltsschwere wie eigentümlich gegliederte Darstellung. Die im Untertitel angekündigte „Biographie eines Massenmörders“ stellt die ersten drei Großkapitel dar. Auf einem seit Mengeles Tod und nach Auswertung hinterlassener Quellen gefestigten Wissensstand zeichnet Marwell Mengeles Kindheit und Jugend, das Studium und natürlich die sich anschließenden Laufbahn in der medizinischen Forschung nach, die durch den parallelen Aufstieg des Nationalsozialismus‘ eine unheilvolle Richtung nahm und von rassistischen Irrlehren sowie daraus resultierenden Kapitalverbrechen und Unmenschlichkeiten geprägt wurde.

Die Mühlen der Gerechtigkeit im Leerlauf

Plausibel schildert Marwell, wie Mengele sich mit dem Regime und seinen absurden Ansichten identifizierte und sich Stück für Stück zum aktiven Rädchen eines Systems entwickelte, das auf Unterdrückung und Massenmord basierte. Dabei räumt er mit vielen Vorurteilen auf, die Mengele als „mad scientist“ zeichnen, dessen irre Experimente an den ihm hilflos ausgelieferten Menschen der Befriedigung sadistischer Triebe diente. Die Wahrheit ist schlimmer: Mengele war kein extremer Einzeltäter, sondern gut eingebunden in ein System, das seine ungeheuerlichen Taten guthieß und honorierte.

Auch deshalb fiel Mengele nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ein tiefes Loch. Er wurde von dem abgeschnitten, was sein Leben repräsentierte. Die daraus folgenden Ängste und Frustrationen hielt er schriftlich fest. Marwell greift auf diese Quellen zurück, was seiner Schilderung eine beklemmende Unmittelbarkeit verleiht - und Mengele, den scheinbar überlebensgroßen „Engel des Todes“, als mickriges, in Selbstmitleid schwelgendes und furchtsames, aber unbelehrbar in seinen von der Realität ad absurdum geführten Ansichten verharrendes Männlein entlarvt.

Großkapitel 3 endet mit Eichmanns Entführung und Mengeles Flucht aus Argentinien und Paraguay Anfang der 1960er Jahre. Die Biografie, bisher dicht Mengeles Leben folgend, bricht so plötzlich ab, dass man immer wieder nach einem womöglich im Druck versehentlich entfallenen Kapitel sucht: Für die letzten fünfzehn Jahre unternimmt der Autor einen rigiden Perspektivenwechsel. Mengele taucht nur noch als Leiche auf, die 1985 aus ihrem versteckten Grab gezerrt wird.

Aus dem Grab gezerrter Verbrecher

Die nun folgende Geschichte ist definitiv ebenso interessant, doch der beschriebene Bruch kann nicht überbrückt werden. Als Leser muss man diese Irritation ignorieren und sich auf die ‚Fortsetzung‘ der bizarren, aber wahren Ereignisse konzentrieren. Sie verwandeln sich in ein Drama, das kriminologisches Fachwissen mit Politik, Medienmacht und Opferwut zu einem schier undurchdringlichen Geflecht verknüpft, dem auch Marwells Objektivität nicht gewachsen ist.

Ist es wirklich Josef Mengele, der unter falschem Namen bestattet wurde, oder hat das angebliche diabolische Verbrechergenie eine Spur gelegt, die von ihm ablenken soll?

1985 war die Identifizierung einer (lebenden oder toten) Person auf der Basis körpereigener DNS noch wissenschaftliches Neuland. Selbst als Jahre später das Verfahren gesichert war und im Mengele-Fall eindeutige Beweise erbrachte, wurden diese von den Betroffenen mit Skepsis aufgenommen: Was heute nicht zuletzt durch zahlreiche Krimi-Serien geadelt wurde und als Ermittlungsstandard gilt, musste sich gegen zähen Widerstand durchsetzen.

Mengeles Überreste wurden unter Einsatz mehrerer Methoden entschlüsselt. Marwell kann auch hier aus dem Informationsvollen schöpfen. Immer wieder geht er auf die in diesem Zusammenhang aufkeimenden Missverständnisse, Irrtümer und Auseinandersetzungen ein. Dabei positioniert er sich und vertritt die US-Sicht, während er deutliche Kritik an einigen ‚Konkurrenten‘ äußert, deren Reaktionen ihn noch heute spürbar ärgern. In diesen Passagen leidet die bisher stringente Objektivität; freilich ist die Darstellung unschöner Äußerungen und Aktionen dort, wo eigentlich das Ergebnis im Mittelpunkt stehen sollte, auch ein unverzichtbarer Beitrag zum Thema: Die Causa Mengele besitzt einen psychologischen Subtext, der kaum emotionsneutral zu bewältigen ist, weil das begangene Unrecht schlicht das menschliche Begreifen überfordert.

Die Brisanz des realen Verbrechens

Marwells Darstellung ist ungeachtet solcher Einwände wichtig - dies vor allem, weil der Autor Horror-Mythen um Mengele eine Absage erteilt bzw. ihrer Entstehung nachgeht und sie als Pseudo-Erinnerungen jener erklärt, die der banalen, aber jede bekannte Dimension sprengenden Bösartigkeit eines Regimes ausgeliefert waren, das sie zu Nicht-Menschen erklärte und systematisch umbrachte.

‚Gerechte Entrüstung‘ oder anklagende Vorwürfe sind - Marwell macht es immer wieder deutlich - auf der Suche nach der Wahrheit kontraproduktiv, weil sie Quellen nicht öffnen, sondern verschütten: Mittäter und Mitläufer sind ein scheues Wild, die in ihren Schränken versteckte Skelette sehr ungern lüften. Mehrere Jahrzehnte hat es deshalb gedauert, bis die letztlich nur bedingt zufriedenstellende Tatsache feststand, dass Mengele tot ist. Seine Akte kann geschlossen werden. Die Aufarbeitung seiner Taten dürfte noch viele Jahre in Anspruch nehmen.

Fazit

Inhaltsreich, kundig und nüchtern folgt der Autor dem Leben eines Mannes, der außergewöhnliche Gräueltaten im ‚Dienst der richtigen Sache‘ beging. Etwas abrupt folgt dem die Darstellung der schwierigen Identifizierung der Mengele-Leiche. Das Instrumentarium des Kriminalromans wird in seiner Gesamtheit real eingesetzt, was diesem generell beachtlichen Werk ungeachtet einiger Schwächen Nachdruck verleiht.

Mengele

, wbg Theiss

Mengele

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