Al Capone

  • wbg Theiss
  • Erschienen: September 2021
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Michael Drewniok
85°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2022

Die üble Folge einer allzu hehren Absicht

Im Januar 2022 jährte sich zum 75. Mal der Todestag eines Mannes, der wie kaum ein anderer schon zu seinen Leibzeiten sowohl mit dem organisierten, aber brutalen Verbrechen identifiziert als auch als kriminelles Genie idealisiert wurde. In dieser Doppel-Deutung ging Al Capone (1899-1947) zudem in die Unterhaltungskultur ein, wo er sich als moderner Mythos bis heute unter wesentlich jüngeren Schurken problemlos behauptet.

Geboren nach der Auswanderung seiner italienischstämmigen Eltern in die USA, verinnerlichte Al Capone den „Amerikanischen Traum“, der in diesem Land angeblich jedem Erfolg und Glück garantiert, der sich darum bemüht. Die Realität sah (und sieht) selbstverständlich anders aus, denn faktisch waren die einträglichsten ökologischen Nischen schon früh besetzt. Wer sich etablieren und profitieren wollte, musste sich mit denen auseinandersetzen, die sich gegen Konkurrenten brachial wehrten.

Capone suchte auf dem Weg nach oben eine ‚Abkürzung‘. Er wählte das Verbrechen und konnte auf diese Weise viele Einschränkungen unterlaufen. Autor Hornung beschreibt den daraus folgenden, konsequenten Aufstieg eines Mannes, der sich nicht als Gangster, sondern als Kopf eines Wirtschaftsunternehmens begriff, dessen Illegalität er verdrängte, bis er schließlich selbst glaubte, zum angesehenen Mitglied seiner Gesellschaft aufgestiegen zu sein.

Der Fall war tief und brutal. Nicht nur das Gesetz, sondern auch die zeitgenössischen, durchaus rassistischen Vorurteile sowie seine ignorierte Syphilis-Krankheit holten Capone ein. Als er 1933 im Gefängnis verschwand, war seine Zeit als Unterwelt-König vorbei. Als dementes Wrack entließ man ihn 1939; acht Jahre dämmerte der moribunde Capone als Schatten seiner einstigen Größe dahin, bis ihn 1947 der Tod buchstäblich erlöste.

Aufstieg und Fall oder: die Tragik eines gescheiterten Aufsteigers

Al Capones kurzes Leben wurde schon oft beschrieben und kommentiert, weshalb es zunächst wundert, dass eine neue Beschreibung ausgerechnet im fernen Deutschland entstand. Allerdings geht Autor Alfred Hornung, Professor für Amerikanistik und Direktor des Obama-Instituts an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, einen Schritt weiter als die ‚üblichen‘ Biografen. Er thematisiert Capone als ‚historischen Kommentar‘ zur US-amerikanischen Geschichte, die er nicht nur mitprägte, sondern die ihn quasi hervorbrachte.

Hornung relativiert Capones Status als kriminelle Ausnahmegestalt und bettet ihn in die Historie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg entwickelten sich die USA zum zentralen Ziel für Emigranten aus Süd- und Ost-Europa. In ihrer Heimat wurden sie sie verfolgt, weil sie Juden waren oder sich wirtschaftliche Strukturen lokal so verfestigt hatten, dass ein Ausweg aus praktisch geburtsdiktierter Armut unmöglich wurde.

Der Autor beschreibt einen Aufstieg, der sich an zeitgenössischen Vorbildern orientierte. Capone sah sich in der Tradition etablierter US-Dynastien wie Rockefeller, Vanderbilt oder Ford, deren Gründer ebenfalls nicht zimperlich waren, sondern an sich gerissen hatten, was sie besitzen und beherrschen wollten. Dass er auf der ‚falschen‘ Seite bestehender juristischer und moralischer Vorstellungen agierte, konnte oder wollte Capone nicht begreifen. Er glaubte fälschlich das Establishment auf seiner Seite, das er mit dem ab 1920 US-weit verbotenen Alkohol versorgte.

Wie man sich selbst seine Gegner erschafft

Hornung wendet den Blick scheinbar immer wieder von Al Capone ab, um ausführlich auf Ereignisse und Entwicklungen einzugehen, die für die US-Historie von entscheidender Bedeutung waren und nicht nur Capone, sondern einem sich organisierenden Verbrechen die ideale Basis für eine Parallelexistenz schufen, in der es sich hartnäckig bis heute behauptet. Dazu gehört die Einbürgerung nur vorgeblich mit offenen Armen empfangener ‚Ausländer‘, die als billige Arbeitskräfte ausgenutzt wurden und als arbeitsscheues Ärgernis bzw. „Bindestrich-Amerikaner“ galten. Zum von Hornung im Untertitel genannten und im Text immer wieder aufgegriffenen „Amerikanischen Traum“ gehörte die Überwindung dieser Barriere, in die auch Capone viel Zeit und Geld investierte.

Der Autor schreibt betont nüchtern (bzw. ‚wissenschaftlich‘), was die Brisanz des Beschriebenen keineswegs aushebelt. Immer wieder zur Sprache bringt Hornung die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten, die von den ‚echten‘ Amerikanern nicht anerkannt wurden. Der Kampf, den Politik, Justiz und die Medien gegen Al Capone trugen, war demnach stets auch das Bemühen, den dreisten Aufsteiger stellvertretend für alle, die es ebenfalls versuchten, in die Schranken zu weisen. Dass Capone und seine Bande echte Verbrecher waren, die sämtliche Kapitalverbrechen begingen, wird darüber keineswegs verschwiegen.

Hornung schildert die Genese eines Systems, das ohne ein wahlweise korruptes, sensationsgeiles oder tatenloses Establishment nicht möglich gewesen wäre. Im Zentrum steht die Prohibition, mit deren Hilfe die USA „trockengelegt“ werden sollten - ein frommer, aber dummer Wunsch, der durchgesetzt wurde, obwohl sehr viele US-Bürger nicht damit einverstanden waren. Für Capone war die Prohibition quasi ein Geburtstagsgeschenk; sie trat am 17. Januar 1920 in Kraft, als er 21 Jahre alt und damit volljährig wurde. Mehr als ein Jahrzehnt blieb ihm, das System zu unterlaufen, seine Machtbasis aufzubauen und die Konkurrenz auszuschalten, bevor das Pendel zurückschlug und ihn sowohl das Gesetz als auch die ‚Moral‘ einholten.

Der Keim eines beschlossenen Schicksals

Lange wurde es nur angedeutet, aber längst ist es offiziell: Hätte das Gesetz Capone nicht 1933 aus dem Verkehr gezogen, wäre er trotzdem in den folgenden Jahren untergegangen: Capone war syphiliskrank und ließ sich nicht behandeln, was in seinem erst geistigen, dann körperlichen Verfall mündete. 1939 wurde er vorzeitig aus der Haft und damit aus der Gewalt einer US-Justiz entlassen, die damals noch stärker als heute nicht auf Strafe, sondern auf Vergeltung setzte; es ging Capone also wirklich schlecht. 1947 starb er kurz nach seinem 48. Geburtstag nach langem Siechtum.

Der Krankheit kommt auch deshalb eine besondere Bedeutung zu, weil Capone seine Frau und seinen Sohn infizierte. Dieses Wissen machte ihm sehr zu schaffen, denn Hornung geht ausführlich darauf ein, dass Capone, der skrupellose Gangster und Mehrfach-Mörder, nicht nur für Frau und Sohn, sondern auch für zahlreiche Verwandte sorgte, was er als seine Pflicht betrachtete.

Die auffällige Diskrepanz zwischen dem Verbrecher und dem Familienmenschen sowie öffentlichen Wohltäter sorgte für Capones Nachleben, dem Hornung ebenfalls breiten Raum gewährt. Während der echte Capone seit 1933 für die Öffentlichkeit quasi tot war, mutierte er zu einem Mythos und zu einer Figur der Populärkultur. Schon in seiner großen Zeit war die Presse an Capones Seite; er stand gern im Rampenlicht, das er - so Hornung - mit öffentlicher Anerkennung verwechselte.

Das wahre Erbe des Al Capone

Als Capone 1947 starb, hatte sich sein trivialkulturelles Alter Ego längst von der realen Person getrennt. Hornung erinnert an Romane, Filme und Fernsehserien, in denen ein Capone sein Unwesen trieb, dessen Gestalt und Auftreten von überlieferten und fortgesponnenen Klischees geprägt wurde. Lange wurde sein Niedergang als ‚Sieg der Gerechtigkeit‘ zelebriert bzw. instrumentalisiert, was auch auf seine Gegner zurückging, von denen viele Memoiren schrieben, in denen sie ihre Rolle im Kampf gegen einen dämonisierten Capone schönmalten.

Einmal mehr trennt Hornung sachlich zwischen Realität und Fiktion. Er nennt u. a. die wichtigsten Capone-Biografien, stellt sie nebeneinander und erwähnt Ungereimtheiten, die davon künden, dass mancher Biograf der Versuchung einer saftigen Capone-Anekdote trotz mangelhafter Quellenlage nicht widerstand. In diesen Passagen gewinnt diese Darstellung ihre Primärbedeutung, während Hornung für die eigentliche Lebensgeschichte oft auf bereits existierende Publikationen zurückgreift, diese Angaben aber dort berichtigt oder ergänzt, wo es seine Recherchen fordern.

Trotz der überschaubaren Seitenzahl sorgt „Al Capone“ für neue bzw. auf ihre Tatsächlichkeit heruntergebrochene Informationen, die zudem in ein übergeordnetes Verständnisgefüge einsortiert und auf ihre Bedeutung für die Gegenwart des 21. Jahrhunderts untersucht werden.

Fazit

Kompakte, nüchterne Biografie des berühmten Verbrechers, dessen Autor nicht nur Capones Verbrecherlaufbahn, sondern auch deren Verankerung im US-Alltag seiner Ära sowie Capones Bemühungen hervorhebt, sich als „erfolgreicher Geschäftsmann“ im Establishment zu etablieren: manchmal thematisch ein wenig abschweifend sowie allzu karg (= kostengünstig) illustriert, aber informationsreicher als die üblichen „True-Crime“-Metzel-Tableaus.

Al Capone

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