Tag der Asche

  • Lübbe
  • Erschienen: April 2022

- Übersetzung: Ulrike Werner-Richter

- Originaltitel: "‎ Le jour des cendres"

- Hardcover

- 366 Seiten

Tag der Asche
Tag der Asche
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Thomas Gisbertz
88°

Krimi-Couch Rezension vonJun 2022

Wenn der Mensch die größte Bestie ist

Während im malerischen Elsass im November die letzten Tage der Weinernte anstehen, wird in der Kapelle von Saint-Ambroise unter den Trümmern eines Freskos die Leiche eines Mannes entdeckt. Alles deutet zunächst auf einen Unfall bei Restaurationsarbeiten hin. Das Gebetshaus gehört einer täuferisch-protestantischen Glaubensgemeinschaft, deren Bewohner ein Leben vergleichbar mit den Amischen in den USA führen und sich durch den Weinbau finanzieren. Um Licht ins Dunkle zu bringen, werden Pierre Niémans und Ivana Bogdanovic als Spezialisten der Zentralstelle gegen Gewaltverbrechen zu Hilfe gerufen. Kommissar Niémans ahnt schon bald, dass der mysteriöse Todesfall nicht das einzige finstere Geheimnis der Täufergemeinde ist. Um mehr zu erfahren, beschließt er, seine Assistentin Ivana Bogdanovic heimlich als Erntehelferin einzuschleusen. Als ein weiterer Mord geschieht, gerät diese aber in große Gefahr.

Roman und Verfilmung

„Tag der Asche“ ist der dritte Band der Pierre-Niémans-Reihe des französischen Bestseller-Autors Jean-Christophe Grangé. Der gebürtige Pariser war jahrelang als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (u.a. Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Gleich sein Debütroman „Der Flug der Störche“ sorgte für großes Aufsehen. Grangés Romane zeichnen sich zumeist durch eine düstere, unheimliche Atmosphäre, knisternde Spannung und oftmals obskure Todesarten aus.

Große Bekanntheit in Deutschland erwarb der Franzose durch seinen Thriller „Die purpurnen Flüsse“ (1998), dem ersten Band der Reihe um den engstirnigen Kommissar Niémans. Es sollte trotz des großen Erfolgs gute zwanzig Jahre dauern, bis Grangé den Kriminalbeamten in „Die letzte Jagd“ (2019) erneut ermitteln ließ. Der aktuelle Band der Reihe erschien in Frankreich 2020 und wurde bereits verfilmt. Aktuell kann man „Tag der Asche“ (zweite Folge der Serie „Die purpurnen Flüsse“) noch in den Mediatheken von 3sat und ZDF sehen.

Der Kommissar und die Dorfpolizistin

An Kommissar Niémans scheiden sich die Geister: Für die einen ist er ein akribischer, beharrlicher Ermittler, der konsequent seinen Weg geht, für die anderen ein überheblicher, voreingenommener Macho. Dieser Meinung ist auch Capitaine Stéphane Desnos, die vor Ort im Florival-Tal die Ermittlungen führt. In der Tat wirkt Niémans Verhalten herablassend dem Team aus der Provinz gegenüber. Das Problem ist, dass niemand es dem Kommissar recht machen kann. Er ist von sich und seiner Arbeit restlos überzeugt. Daher braucht es etwas Zeit, bis Niémans die Hilfe der jungen Ermittlerin zu schätzen weiß.

Während der Kommissar offiziell die Ermittlungen übernimmt, versucht seine Kollegin Ivana Bogdanovic als verdeckte Ermittlerin in der „Domäne“ der religiösen Gemeinschaft an Informationen zu gelangen. Dies ist gar nicht so einfach, da sich die Gesandten, wie sich die Täufer nennen, strikt von der Außenwelt abkapseln. Zwar gilt die Gruppe, die seit dem 16. Jahrhundert im Elsass lebt, als friedvoll, aber Bogdanovic muss schnell erkennen, dass etwas Mysteriöses in der „Diözese“, dem Zentrum der Gemeinde, vor sich geht. Bei ihren Ermittlungen begibt sie sich aber in große Gefahr, denn man hat ihr verdecktes Spiel längst erkannt.

Täter und Opfer

Die Bestie Mensch: Wie so oft seht sie auch in Grangés aktuellem Roman im Mittelpunkt. Denn das, was Niémans, Desnos und Bogdanovic zum Schluss aufdecken, ist nur schwer zu verdauen und hallt noch lange nach. Meisterhaft versteht es Jean-Christophe Grangé, am Ende sogar so etwas wie Mitleid für die Täterin bzw. den Täter entstehen zu lassen. Der Autor lotet bei seinen Figuren und damit auch bei den Leser*innen die Grenzen des Ertragbaren aus. Die Auflösung trifft einen mit voller Wucht: Ekel, Wut, Verachtung. Nicht aber für die Morde, sondern vielmehr aufgrund des Motivs. Kann man Verständnis für die Taten einer Mörderin bzw. eines Mörders haben? Eine schwierige Frage, auf die auch Niémans und Bogdanovic keine Antwort finden.

Wunderbarer Schreibstil

Grangé versteht es einfach, mit wenigen Worten eine greifbare Atmosphäre zu schaffen, Menschen zu durchleuchten und gleichzeitig Spannung auf höchstem Niveau zu erzeugen. Thematisch fühlt man sich mit der Täufergemeinschaft an die Kate-Burkholder-Reihe der US-amerikanischen Thrillerautorin Linda Castillo erinnert.

Was aber stört, ist der offensichtliche Sexismus zu Beginn des Romans. Dies ist nicht zeitgemäß und war es auch nie. Auch wenn Grangé dies mit dem speziellen Charakter Niémans zu erklären versucht, ist dies nicht akzeptabel und nur peinlich. Wenigstens erkennt der Kommissar später, dass Desnos eine hervorragende Polizistin ist und nicht nur ein Sexobjekt.

Fazit

Ein typischer Grangé: mysteriös, packend, verstörend. Man vergisst dabei oft, dass der Franzose auch ein Meister der Erzählweise ist, die mitunter philosophisch anmutet, aber bereits im nächsten Moment in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Grangé ist ein Meister des düsteren Thrillers.

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