City on Fire

  • HarperCollins
  • Erschienen: Mai 2022

- City on Fire 1

- Übersetzung: Conny Lösch

- Hardcover

- 432 Seiten

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Sabine Bongenberg
91°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2022

Man soll sagen, ich lebte zu Zeiten Hektors

In Providence, Rhode Island sind die Machtverhältnisse fein ausbalanciert: Die italienische Mafia rund um Familie Moretti kontrolliert das Glücksspiel, die irische Familie Murphy hat die Gewerkschaften fest in ihrem Griff und lässt die eine oder andere Lkw-Ladung verschwinden. Das Glücksspiel teilen sie sich. Man kennt sich, lädt sich gegenseitig zum Grillen ein und spricht niemals mit der Polizei. Das funktioniert exakt bis zu dem Tag, an dem die wunderschöne Pam – ähnlich der Venus des Botticelli-Gemäldes – aus dem Meer steigt und alsbald verschiedenen Clanmitgliedern die Köpfe verdreht. Schnell begehrt der eine das, was der andere gerade hat und so wie weiland die schöne Helena zwei Königreiche gegeneinander aufstachelte, entzweien sich hier zwei Gangsterfamilien und es entspinnt sich ein epischer Kampf um Reichtum, Macht und die Kontrolle der Stadt.

Der Zankapfel, der zum Krieg führt

Don Winslow’s Auftakt zur neuen Romantrilogie um die Geschichte zweier Verbrecherfamilien erinnert offensichtlich nicht nur zufällig an die „Ilias“ – Homers Werk, das verschiedene Ereignisse aus dem Trojanischen Krieg thematisiert. Vollkommen unbescheiden werden seine Zitate den einzelnen Büchern des Romans vorausgestellt und so erinnert nicht nur das Drama über eine schöne Frau, die von vielen begehrt wird, an das antike Meisterwerk. Dennoch hat Winslow seinen Roman natürlich in der Neuzeit angesiedelt, wenn auch die Zeitschiene der Achtziger eine kleine Zeitreise voraussetzt. Erzählt wird im – für mich – gewöhnungsbedürftigen Präsenz und somit ist der Leser nah an der Handlung, wenn auch mangels eines Ich-Erzählers auch wieder ein deutlicher Abstand zu seinen Helden errichtet wird.

“Nur einer sei Herrscher!“

Winslow kündigt seinen Roman als Erzählung „über die Irrungen und Wirrungen“ eines Helden an, der zeigt, wie sich dieser „nach schweren Niederlagen zu neuen Höhen aufschwingt und ein Imperium gründet“. Festgemacht wird diese Rolle an der Hauptfigur des Danny Ryan. Einst war er der Thronerbe des irischen Gangsterimperiums, doch sein Vater versoff das Königreich und die Murphys übernahmen den keltischen Thron. Man trug sich nicht viel nach, Danny ging im Haus der Murphys ein und aus, verliebte sich in Terri, die Tochter des Hauses und ist als Schwager der Familie immerhin ein besserer Handlanger. Er ist der Held der Trilogie und wenn Winslow seinen Aufstieg in neue Höhen beschreiben will, so muss er den Helden erst einmal tief fallen lassen.

Auf seine eigene trockene und nüchterne Art beschreibt der Autor, wie sich Danny Murphy vom kleinen Gangster und Mitläufer zum Strippenzieher innerhalb der Familie wandelt und wie ihn ein großer Fehler nahezu in einen Abgrund katapultiert. Winslow stellt sich nicht groß auf eine Seite – er beschreibt den Gangsterkrieg als das, was er ist – eine Abfolge von Schlachten und logischen Verkettungen von Gewalt. Gelegentlich stellt er aber auch klar, dass diese Fehde der Familien in der Öffentlichkeit der Stadt Providence als reiner Gangsterkrieg gesehen wird und fast ist der Leser erschreckt, hat er sich doch so sehr in die Kriegsgeschichte einbinden lassen, dass er zwischenzeitlich schon glaubte, dieser Krieg diene tatsächlich mal einem höheren Zweck.

“Herrlich erscheint’s in den Waffen zu sterben.“

Winslow schlachtet die Verbrechen seiner Akteure nicht betont aus, seine Sprache ist einfach und schlicht und abschnittsweise verdeutlicht das noch einmal die besondere Härte des Gangsterkrieges. Manchmal fehlte mir allerdings ein wenig die menschliche Betrachtung, die über eine reine Schilderung der Gefechte hinaus geht. Mit einem kleinen Querverweis auf den Trojanischen Krieg gelingen Winslow aber sogar hier indirekt berührende Momente, so als Clanchef John Murphy - ähnlich dem greisen König Priamos - um die Herausgabe der Leiche eines seiner Söhne bitten muss. Ein ganz klein wenig möchte ich aber auch bei dem grandiosen Winslow meckern: Ich war nicht so ganz glücklich über den Cliffhanger, der den Abschluss von Band 1 bildet. Hier müssen die Götter– um bei den klassischen Begriffen zu bleiben – ganz tief in die Trickkiste greifen, um dem Helden zu Hilfe kommen zu können.

Fazit

Don Winslow schildert auf seine trockene und pragmatische Art ein großes Drama über den Krieg zweier Gangsterfamilien. Ein kleiner Zwischenfall löst eine Lawine der Gewalt aus und so mancher fühlt sich an die Jetztzeit erinnert und wünscht sich einen listenreichen Odysseus, der dieses ineinander verstricke Drama wieder aufdröseln könnte.

City on Fire

, HarperCollins

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