Der Totenvogel

  • Scherz
  • Erschienen: Januar 1963
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Michael Drewniok
95°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2022

Gemütliches Landleben mit bitterbösem Beigeschmack

Netherplash Cantorum ist ein Dörfchen in der englischen Grafschaft Dorset. In dieser idyllischen Umgebung und unter redlichen Landleuten will das Ehepaar John und Jenny Waterson sich niederlassen. Er ließ sich als Universitätsdozent frühpensionieren, sie ist nach einem Nervenzusammenbruch dauerhaft arbeitsunfähig.

Zwar werden die Watersons freundlich in Netherplash empfangen, doch die Stimmung im Dorf ist angespannt. Das in Jahrhunderten festgefügte Beziehungsnetz wurde zerstört, seit der reiche Fabrikant Ronald Paston als moderner Grundherr das Sagen im Dorf beansprucht. Als unübersehbares Zeichen seiner Macht hat er den Brüdern Alwyn und Egbert Card, letzte Überlebende des örtlichen Landadels, den hoch verschuldeten Familiensitz abgekauft. Dies hat ihm vor allem Alwyn nie verziehen, der hinter den Dorfkulissen gegen Paston und seine schöne Gattin Vera stichelt.

Bald nach Ankunft der Watersons geht der Konflikt in eine neue, hässliche Runde. Paston wird durch ein gefälschtes Schreiben blamiert. Kurz darauf werden anonyme Schmähbriefe verschickt; auch Robert findet einen in der Post, der Jenny des Ehebruchs bezichtigt. In Netherplash schlagen die Wogen hoch, der Dorffriede ist vergiftet. Oben auf allen Verdachtslisten stehen der kauzige Alwyn und sein schürzenjagender Bruder sowie selbstverständlich Ronald und Vera Paston, die ‚Fremden‘.

Die Attacken des unsichtbaren Unruhestifters werden handfest und gefährlich. Eine (entschärfte) Handgranate fliegt durch ein Fenster der Dorfkneipe, Feuer wird gelegt, ein Hund erhängt, Die Polizei ist ratlos, sodass es eines Tages kommt, wie es kommen musste: Ein Mensch kommt auf grausame Weise um. Ausgerechnet John Waterson findet das einzige Indiz, das auf die Spur eines bizarren Komplotts führt …

Nichts ist giftiger als das Gerücht

Anonyme Nachreden sind ein besonders heimtückisches Gift. Die Leidtragenden haben keine echte Chance sich zu wehren; die einzige Möglichkeit böte die Bloßstellung des Verursachers, doch dieser hält sich verständlicherweise bedeckt. So kreisen nicht nur die Gedanken der Beschuldigten, sondern auch die der (noch) nicht Betroffenen um das Gerücht. Ist nicht immer auch Feuer dort, wo es Rauch gibt? Wird es auch mich treffen?

Verständlicherweise gipfelt dieser Prozess, der sich auch ohne Nachlegen neuen Brennstoffes ausgezeichnet selbst nährt, in der Frage nach dem Täter oder der Täterin. Hier entwickelt das Gerücht seine besondere Macht: Schwelende Konflikte, Hörensagen und üble Nachreden werden zu einer Schlinge verwoben, die sich stets gleich mehreren Mitmenschen um die Hälse legt. Sie sind unschuldig und geraten doch in einen Strudel, an dessen Rand der Gerüchteschmied sitzt und sich am verursachten Trubel und Leid weidet.

Nicholas Blake spielt in „Der Totenvogel“, einem seiner späten Romane, diese Mechanismen ebenso exemplarisch wie kompromisslos und dabei spannend durch. Die Kunstfertigkeit liegt nicht nur im Geschick, mit dem Blake eine Atmosphäre des Misstrauens und des gegenseitigen Verdachtes aufbaut. Ebenso bewundernswert ist die Disziplin, die er dabei an den Tag legt. Stück für Stück setzt er seine fein geschliffenen Puzzlesteinchen nicht zusammen, sondern schichtet sie übereinander; behutsam, sorgsam austariert, immer weiter in die Höhe wachsend, bis sie einen Turm bilden, den der Verfasser im Finale wirkungsstark zum Einsturz bringt.

Das Böse wuchert im Schönen

Liebhaber des Kuschel-Krimis seien gewarnt: „Der Totenvogel“ ruft in einer Kulisse, die Blake mit im Nachhinein boshaftem Vorsatz trügerisch idyllisch gestaltet. Schon der Name des Dörfleins, in das es die Watersons verschlägt, treibt dies auf die Spitze: Netherplash Cantorum wird zur musterhaften Landgemeinde, wie wir sie aus jenen Kriminalromanen einschlägig bekannter Schriftsteller/innen kennen, die gern ‚klassisch‘ genannt werden.

Zwar verneinten auch die Agatha Christies des Genres nur selten die unerfreulichen Seiten des Landlebens. Selten gingen sie aber so weit wie Blake, der Netherplash geradezu seziert und dabei bloßlegt, dass von einer ‚Gemeinschaft‘ nur bedingt die Rede sein kann.

Mit quasi dokumentarischer Präzision - für die er die Hauptfigur, einen Oxford-Dozenten, verantwortlich zeichnen lässt - stellt Blake uns außerdem den Schauplatz und jene Bewohner vor, die in der sich anschließenden Handlung von Relevanz sein werden. Ausdrücklich datiert er die Geschichte in das Jahr 1959. Die Schattenseiten von Netherplash wurzeln also in einer Gegenwart, die im „Cozy“ gern ausgeklammert bzw. für den Niedergang bewährter Regeln und Verhaltensweisen verantwortlich gemacht wird.

Ein Dorf schmort im eigenen Saft

Schon bevor Ronald Paston begann, sich als Herr von Nethersplash aufzuspielen, hatte die Gemeinde mit eigenen schwarzen Schafen zu tun. Nie legten die Brüder Alwyn und „Bertie“ Card jenen geistigen Adel, den man ihrem Stand nachsagt, an den Tag. Auch ihr Vater war ein unerfreulicher Zeitgenosse. Mit ihnen ist das alte Geschlecht nicht nur an sein Ende, sondern auch auf den Hund gekommen. Statt sie als eindimensionale Bösewichte darstellen, entwirft Blake das durchaus tragische Bild zweier Brüder, die in der kleinen Welt von Netherplash, die nicht mehr die ihre ist, gefangen sind. Auch Ronald Paston, der neureiche und ehrgeizige, aber gesellschaftlich unsichere und dadurch angreifbare ‚Fremde‘, ist bei Blake Mensch - kein sympathischer Mann, aber jemand, dessen Schwächen verständlich wirken.

Die klare und ambivalente Figurenzeichnung ist keineswegs Selbstzweck, sondern wird von Blake in den Dienst der Krimi-Handlung gestellt: Sowohl die Cards als auch Paston sind ideale Kandidaten für den oder die Täter. Ähnliche Nebelkerzen zündet Blake um andere Figuren. Beispielsweise wäre es möglich, dass Jenny Waterson in einem neuerlichen Anfall geistiger Umnachtung die anonymen Briefe verschickte; sie hatte so während ihres Nervenleidens gehandelt. Das Wissen um diese Vorgeschichte belastet auch John Waterson, der diese Episode vor seinen neuen Freunden in Netherplash gern geheim halten würde.

Eine spannende, aber hässliche Angelegenheit

Was Nicholas Blake gelingt, ist nicht weniger als die Verschmelzung des „Whodunit“ mit dem Psycho-Thriller. Schon seine frühen Kriminalromane, entstanden in der „Goldenen Ära“ des englischen Rätsel-Krimis, zeigten ein Gespür für die seelischen Ursachen, aus denen ein Verbrechen erwachsen kann. Diesen Aspekt hat Blake in den mehr als drei Jahrzehnten, die er Krimis schrieb, immer eindringlicher betont.

Darüber hat er den ‚Fall‘ keineswegs vernachlässigt. „Der Totenvogel“ ist als Rätsel-Krimi eine echte Herausforderung. Blake spielt fair. Prüft man nach in Kenntnis der Auflösung den Text, findet man entsprechende Andeutungen. Das Geschick, mit dem Blake sein Krimi-Komplott entwirft, verwandelt dieses allerdings in ein Labyrinth. Der Leser überlässt schließlich dem Verfasser bereitwillig die Führung und bewundert das Geschick, mit dem er bzw. sie an der Nase herumgeführt wurde. Dies gleicht ein etwas melodramatisches Finale aus, mit dem Blake in einem letzten Hieb gegen die Konventionen den im Krimi-Genre oft besungenen „Sieg der Gerechtigkeit“ ad absurdum führt.

Noch das kleinste Fädchen hält der Autor fest in der Schreibhand. Selbst der (Original-) Titel ist doppeldeutig: Der „Joker“ ist im Spiel der Ersatz für eine beliebige Karte. Er wird als „wilde Karte“ bezeichnet, die sich dem strengen Regelwerk entzieht. Dies erinnert an die anarchistischen, verrückten Späße des mittelalterlichen Hofnarren, der hinter der Maske des Spaßvogels starre Gesellschaftsregeln in Frage stellen und dabei sehr drastisch werden durfte. Von „verrückt“ zu „gefährlich“ kann der Schritt kurz sein, wie Blake mit seinem wahrlich tödlichen Joker unter Beweis stellt.

Fazit

Meisterhafte Mischung aus „Whodunit“ und Psycho-Thriller; der Verfasser beherrscht beide Subgenres und kreiert eine glaubhafte Atmosphäre stetig wachsender Paranoia, bis zum bitteren Ende der Krimi-Knoten kunstvoll aufgelöst wird: Lektüre mit enormem Fessel-Faktor.

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