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Carola Krauße-Reim
Ein Horrorthriller für schwache Nerven

Rezension von Carola Krauße-Reim Jan 2022

Julius kommt aus München, arbeitet jedoch jetzt in London. Sein Job ist nicht gerade anspruchsvoll, aber er reicht aus, um in der Stadt seiner Träume über die Runden zu kommen. Doch dann wird ihm aus unerfindlichen Gründen gekündigt, seine Freundin macht Schluss und seine Wohnung ist er auch noch los. Und das alles kurz vor Weihnachten, als seine 6-jährige Tochter Emilia ihn besuchen will. Aber, durch einen glücklichen Zufall, erhalten Julius und Emilia eine Einladung nach Wargrave Castle, dem Schloss der Hardings in den North York Moors. Kaum angekommen, werden Vater und Tochter getrennt und es passieren merkwürdige Dinge - die Lage spitzt sich immer mehr zu. 

Die Zutaten stimmen

Tobias Quast hat in seinem Debüt alles parat, was einen Horrorthriller ausmacht: ein abgeschiedenes, riesiges, halb verfallenes Schloss im Moor, inklusive Schlossgespenst und schlechtem Wetter; merkwürdige Bewohner und noch merkwürdigere Vorkommnisse; Rückblicke in die Vergangenheit, die scheinbar nichts mit der Gegenwart zu tun haben - und dennoch kommt kaum Spannung auf.

Die Passagen aus München 1945 stoßen zwar diverse Fragen an, aber jegliche Handlung - ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart (2016) - weist so wenig Realitätsbezug auf, dass eine Bindung an das Geschehen schwerfällt. Julius widerfährt innerhalb weniger Tage eine Katastrophe nach der anderen, aber er hinterfragt weder seine Kündigung, noch den kryptischen Trennungsgrund seiner Freundin. Er macht eine grausame Entdeckung, fühlt sich verfolgt und geht dann ohne zu zögern mit seiner kleinen Tochter zu völlig fremden Leuten in ein abgeschiedenes Schloss, wo er eine Trennung von Emilia ohne zu murren hinnimmt. Auch wenn man Horrorthrillern ein gewisses Maß an Realitätsferne zugesteht, ist der Autor hier doch etwas über das Ziel hinausgeschossen. Leider können auch die Charaktere dieses Manko nicht wirklich ausgleichen.

Pauschale Figurenzeichnungen und ein grauenhafter Stil

Tiefere Charakterbeschreibungen sucht man in diesem Buch vergebens, hier gibt es nur plakative Figuren. Julius ist noch am besten getroffen, aber seine Rolle als Vater ist, wenn er Emilia ohne Widerspruch den Hardings überlässt, ist auch sehr fragwürdig.

Die Hardings selbst entsprechen dem Klischee der Schlossbesitzer in einem Thriller – reich, undurchsichtig und nur anfangs freundlich, ihre Bediensteten sind der Rocky-Horror-Pictureshow würdig, aber kaum als Charaktere zu bezeichnen. Wenn man dann noch das Alter der Figuren betrachtet, kommt man bei den Relationen komplett ins Schwimmen, denn die Abfolge der Generationen ist für die Lösung des ganzen Mysteriums nicht ganz unwichtig.

Der Schluss lässt in Bezug darauf so einige Fragen aufkommen, verbindet aber immerhin Vergangenheit und Gegenwart. Über diese ganzen Schwächen hätte ein packender Stil vielleicht noch hinweggeholfen und die immerhin mehr als 420 Seiten noch ein wenig lesefreundlich gemacht, aber Quast trommelt mit stakkatohaften Sätzen das Geschehen mehr herunter als das er es erzählt. So kommt leider kein Lesefluss auf, vor allem, wenn man schon innerhalb weniger Sätze auf widersprüchliche Aussagen stößt oder sich Wiederholungen häufen.

Fazit

Ein Horrorthriller mit wenig Thrill, aber einem gewöhnungsbedürftigen Stil. „Raubtieraugen“ ist etwas für schwache Nerven oder für Einsteiger in Sachen unerklärliche Phänomene, die hier sanft an das ansonsten spannungsgeladene und gruselgarantierende Genre herangeführt werden möchten.

Raubtieraugen

Raubtieraugen

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