Das Gotteshaus

  • Goldmann
  • Erschienen: Juni 2022

- Übersetzung: Marcus Ingendaay

- Originaltitel: "The Burning Girls"

- Paperback, Klappenbroschur

- 480 Seiten

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Carola Krauße-Reim
88°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2022

Bloß nicht darüber nachdenken!

Pfarrerin Jack Brooks kümmert sich in Nottingham um ihre Gemeinde. Doch nach einem unangenehmen Vorfall wird sie zusammen mit ihrer Tochter Flo nach Chapel Croft im Süden Englands versetzt. Das kleine Dorf hat eine bewegte Vergangenheit: Vor 500 Jahren wurden hier Protestanten verbrannt; vor 30 Jahren verschwanden zwei Mädchen spurlos und Jacks Vorgänger hat sich in der Kirche erhängt. Bald nach der Ankunft hat Flo düstere Visionen und Jack erhält mysteriöse Drohbotschaften. Die Geheimnisse des Ortes beschäftigen Jack und Flo, doch sie bringen sich damit in große Gefahr.

Eine erfolgreiche Autorin

C.J. Tudor legte mit „Der Kreidemann“ ein Thriller-Debüt vor, das sofort die Bestsellerlisten eroberte. Damit hatte die Autorin die Messlatte für weitere Thriller aus ihrer Feder sehr hoch gelegt. Ihre drei folgenden Bücher waren zwar auch Verkaufsschlager, kamen bei der Leserschaft aber sehr unterschiedlich an. Mit „Das Gotteshaus“ kehrt Tudor zu alter Stärke zurück, indem sie ein hervorragendes Setting schafft, die Geschichte durch reichlich Mystik anreichert und die Vergangenheit die Gegenwart einholt.

Aus zwei Perspektiven erzählt

Im Mittelpunkt stehen Jack und ihre Teenie-Tochter Flo. Beide haben mit der neuen Situation zu kämpfen, Flo vielleicht noch mehr als Jack. Sie wird aus ihrer alten Umgebung gerissen und muss ihre Freunde zurücklassen. Leider erfahren wir dennoch sehr wenig von ihrer Gedankenwelt. Selbst in brenzligen Situationen erlaubt der auktoriale Erzähler keinen totalen Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen. Dennoch ist Tudor das pubertierende Mädchen gut geraten, das sich in der neuen Umgebung und mit einer etwas chaotischen Mutter zurechtfinden muss.

Durch Jack bringt die Autorin eine weitere Perspektive ein. Sie erzählt das Geschehen aus ihrer Sicht und lässt uns dadurch nur so viel wissen, wie sie es für angebracht hält. Tudor schafft damit nicht nur eine unkonventionelle Pfarrerin, sondern eine, die ganz offensichtlich mehr verbirgt als preisgibt. Das schürt die Spannung noch einmal gewaltig. Auch die anderen Charaktere sind gut gelungen – vom reichen Bauern mit verwöhnter Tochter bis hin zum leicht gruftigen Außenseiter.

Viel Geschichte in der Geschichte

„Das Gotteshaus“ ist kein geradliniger Thriller, der sich lediglich mit einem Problem beschäftigt. Hier spielen die vor langer Zeit verbrannten Märtyrer eine Rolle, die beiden verschwundenen Mädchen und der Suizid des Pfarrers, der vielleicht gar keiner war. Dazu kommen die Probleme der Eingewöhnung für Jack und Flo. Am Anfang scheinen die einzelnen Bereiche der Geschichte diese etwas fast zu überfrachten und es dauert eine ganze Weile, bis die Grundlagen gelegt sind, bevor Tudor langsam anfängt das Ganze zu verknüpfen. Dadurch hat der Thriller eine relativ lange Anlaufzeit, die allerdings durch reichlich Mystik und Anspielungen verkürzt wird. Doch dann beginnen die Wendungen, die den Thriller zu einem wahren Pageturner machen. Der Schluss ist dann in mehrerer Hinsicht unglaublich. Er ist ein echter Kracher, der aber leider so abstrus ist, dass man anfängt über die Handlung nachzudenken.

Nehmen Sie den Thriller, wie er ist

Während der Lektüre kann man kaum aufhören zu lesen. Die Handlung ist fesselnd und ein wenig mystisch-gruselig. Das Setting mit dunkler Kirche und schiefen Grabsteinen, ein winziges windschiefes Pfarrhaus oder ein verlassenes Gebäude im dichten Wald tut da sein übriges. Wenn das so bleiben soll, denken Sie bloß nicht über die Handlung nach! Tun Sie es aber doch, könnte es sein, dass das Buch sehr viel an seiner Attraktivität verliert. Die Handlung ist bei genauerem Hinsehen sehr unrealistisch, selbst wenn man die mystischen angehauchten Sequenzen weglässt. Hier hat sich die Autorin scheinbar eine Geschichte ausgedacht, deren Hauptaugenmerk eindeutig auf Spannung liegt, ohne aber auf Logik oder Realitätsnähe auch nur im Entferntesten Wert zu legen. Da man das allerdings erst bei genauerer Betrachtung feststellt, ist das Ziel eines Thrillers dennoch erreicht. Denn eins ist sicher – Tudor versteht es, die Leserschaft an die Geschichte zu fesseln – logisch oder nicht, ist da fast egal.

Fazit

Ein hervorragend erzählter Thriller! Nehmen Sie sich nichts anderes vor, wenn Sie dieses Buch lesen – es fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Damit die Begeisterung anhält, sollte man allerdings nicht über Logik und Realität in der Handlung nachdenken.

Das Gotteshaus

, Goldmann

Das Gotteshaus

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