Die Toten von Fleat House

  • Goldmann
  • Erschienen: Mai 2022

- Übersetzung: Sonja Hauser, Ursula Wulfekamp

- Originaltitel: "The Murders at Fleat House"

- Hardcover mit Schutzumschlag

- 496 Seiten

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Thomas Gisbertz
80°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2022

„Klassischer“ Kriminalroman um eine starke Ermittlerin

Während der Winter das idyllische Norfolk fest im Griff hat, findet man im Internat St Stephen's frühmorgens einen Schüler tot auf. Der 18-jährige Charlie Cavendish, der im Fleat House, einem der Wohnheime der traditionsreichen Schule, lebte, stirbt an einem anaphylaktischen Schock. Nur unglückliche Umstände oder hat sich jemand an Charlie gerächt? Der herrschsüchtige junge Mann war schließlich dafür bekannt, seine Mitschüler auf das Übelste zu drangsalieren. Da er um den Ruf des Internats fürchtet, beeilt sich Direktor Robert Jones zu erklären, dass es sich beim Tot lediglich um einen tragischen Unfall handelt. Dennoch beginnt die Polizei unter der Leitung von Detective Inspector Jazz Hunter zu ermitteln. Es dauert nicht lange, bis das nächste Opfer zu beklagen ist. Hugh Daneman, Lateinlehrer und Tutor in Fleat House, wird ebenfalls tot in seiner Wohnung gefunden. Hunter und ihr Kollege DS Miles müssen erkennen, dass fast jeder im Internat ein Geheimnis mit sich trägt und die Wahrheit bis weit in die Vergangenheit reicht.

Einziger Kriminalroman

Die gebürtige Irin Lucinda Riley ist eine der erfolgreichsten Autorinnen der letzten Jahre. Seit ihrem gefeierten Roman „Das Orchideenhaus“ stand jedes ihrer Bücher an der Spitze der internationalen Bestsellerlisten, die Romane der „Sieben-Schwestern“-Serie wurden weltweit bisher 25 Millionen Mal verkauft. „Die Toten von Fleat House“ ist ein bisher unveröffentlichtes Werk und der einzige Kriminalroman aus der Feder der im Juni 2021 verstorbenen Bestsellerautorin.

Nachdem Rileys jüngste Kinder 2004 in die Schule gekommen waren, schrieb sie drei Romane ohne eine vertragliche Vereinbarung mit einem Verlag. Mit „Helenas Geheimnis“ und „Das Schmetterlingszimmer“ sind zwei davon mittlerweile erschienen und waren weltweit erfolgreich. Den dritten dieser Romane, so Rileys Plan, wollte sie nach Abschluss der „Sieben-Schwestern“-Reihe veröffentlichen. Nach ihrem Tod entschied sich ihre Familie aber, „Die Toten von Fleat House“ bereits 2022 zu publizieren. Rileys ältester Sohn und Koautor (allerdings nicht bei diesem Projekt) Harry Whittaker nahm am bereits 2006 geschriebenen Roman nur minimale Veränderungen vor, um die Stimme seiner Mutter zu erhalten. Der Schauplatz – besagtes Internat in Norfolk – ist stark von der Schule inspiriert, die Rileys eigene Kinder damals besuchten. Auch die Gegend, in der die Autorin damals lebte, prägt die eindrucksvolle Atmosphäre des Romans.

Überzeugendes Ermittlerteam

Es ist mehr als bedauerlich, dass es nicht mehr Fälle um DI Jazmine „Jazz“ Hunter gibt. Der Roman erinnert atmosphärisch und in seiner Erzählweise an die Werke Elizabeth Georges oder auch Val McDermids, gleichzeitig besitzt er aber seinen ganz eigenen Reiz. Dies liegt vor allem an der sehr eindringlichen Darstellung der charismatischen Scotland-Yard-Ermittlerin. Nach der Trennung von ihrem Mann und einer monatelangen Auszeit in Italien kehrt die 34-jährige Jazz Hunter nach England zurück. Eigentlich hat sie mit dem Polizeidienst abgeschlossen und will sich ganz der Malerei in der Abgeschiedenheit Norfolks widmen. Ihrem ehemaligen Vorgesetzten Norton gelingt es aber, die junge Ermittlerin für den Fall des toten Internatsschülers zu gewinnen. Hunters Stärke sind ihre analytischen Fähigkeiten und ihr großartiger Instinkt, auf den sie sich stets verlassen kann, auch wenn sie des Öfteren von Selbstzweifeln gequält wird.

Ihr zur Seite steht mit DS Alistair Miles ein nicht weniger interessanter Charakter. Beide haben schon früher in zahlreichen Fällen zusammengearbeitet. Der stets gutgelaunte Miles, der sich die ein oder andere ironische Bemerkung nicht verkneifen kann, missgönnt Hunter ihre steile Karriere, die sie beim Yard gemacht hat, in keiner Weise, obwohl er einige Jahre älter ist. Miles ist ein fähiger und zuverlässiger Ermittler, dem aber das Gespür seiner Kollegin fehlt.

Etwas ausschweifende Handlung

Kleinere inhaltliche Schwächen besitzt der Roman dennoch. So ist die Handlung an einigen Stellen zu berechenbar, weshalb man bereits vor dem Ermittlerteam ahnt, wer der Täter ist. Des Weiteren ist die Figurenauswahl insgesamt zu „klassisch“. Man muss es auch mögen, dass die Ermittlungen immer wieder von Episoden aus dem Privatleben Hunters unterbrochen werden, was zu einem Spannungsabfall führt. Hier zeigen sich ebenfalls Parallelen zu den Romanen von Elizabeth George. Allerdings wird dadurch gleichzeitig auch das Bild der beruflich erfolgreichen, aber im Privatleben mit Rückschlägen und Schwierigkeiten kämpfenden Ermittlerin geschärft. 

Fazit

Der Roman um DI Jazz Hunter hätte Potential für eine spannende und unterhaltsame Kriminalreihe gehabt. „Die Toten von Fleat House“ überzeugt vor allem mit einer starken Ermittlerin und einer beeindruckenden Atmosphäre. Ein unaufgeregter, aber fesselnder Kriminalroman, der Fans „klassischer“ englischer Spannungsliteratur gefallen dürfte.

Die Toten von Fleat House

, Goldmann

Die Toten von Fleat House

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