Das versunkene Dorf

  • Blessing
  • Erschienen: März 2022

- Übersetzung: Alexandra Hölscher

- Originaltitel: "Surface"

- Paperback, Klappenbroschur

- 384 Seiten

Das versunkene Dorf
Das versunkene Dorf
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Carola Krauße-Reim
92°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2022

Spannender Cold Case mit kleinen Durchhängern

Olivier Norek, selbst im Polizeidienst tätig, wurde durch seine Capitaine-Coste-Trilogie in Frankreich zu einem Shooting-Star der Krimiszene. Für seine Romane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, jedoch wurden bisher lediglich zwei ins Deutsche übersetzt: „All dies ist nicht geschehen“ und jetzt „Das versunkene Dorf“.

Eine nervige Polizistin und ein Cold Case

Die Pariser Kommissarin Noémie Chastain wird während eines Einsatzes so schwer im Gesicht verletzt, dass sie für immer eine tiefe Narbe zurückbehalten wird. Mit Hilfe eines Psychologen überwindet sie langsam ihr Trauma, doch ihre Vorgesetzten schieben sie in ein abgelegenes Dorf im Süden Frankreichs ab, um eine langweilige und befristete Überprüfung vorzunehmen. Doch kurz vor ihrer Rückkehr nach Paris wird eine Leiche gefunden, die Noémie im Aveyron hält. Ihre Ermittlungen laufen gegen eine Wand des Widerstandes im Dorf. Doch Noémie gibt nicht auf und bringt sich damit in große Gefahr.

Noémie wird zu No

Das Trauma des unvorhersehbaren Schusses direkt in ihr Gesicht, die multiplen Verletzungen und die daraus entstandenen tiefen Narben haben nicht nur Noémies Aussehen verändert, sondern auch ihre Seele erschüttert. Sie ist psychisch mehr als instabil, fühlt sich angreifbar, angestarrt und ausgegrenzt. Das Trauma sitzt so tief, dass sie meint nichts mehr mit der durchsetzungsfähigen und nicht auf den Mund gefallenen Polizistin gemein zu haben. Sie reduziert sich selbst von „Noémie“ zu „No“, einer Person, der mehr als eine Gesichtshälfte abhanden gekommen ist.

Diese Person steht im Mittelpunkt des Romans, auf ihr baut alles Geschehen auf. Norek reduziert dennoch diese in vielen Bereichen verletzte Frau nicht auf die Opferrolle, sondern lässt sie vielschichtiger erscheinen: als emotionale Person, wenn sie einen Hund rettet; als liebesbedürftige junge Frau, die vielleicht keine tiefe Beziehung will, aber Nähe; als eine Polizistin, die sich nichts sagen lässt und als eine unglaublich mutige Person, die ihre Angst unbedingt überwinden will. Mit einer solchen Protagonistin ist die Handlung schon fast gerettet.

Allerdings kann man diese geglückte Figurenzeichnung bei den anderen Handelnden nicht finden. Nos Team entspricht dem Klischee einer hinterwäldlerischen Polizeistation: einem Vorgesetzten, dem noch nichts Vergleichbares untergekommen ist, ansonsten eine Mischung aus fähigen Polizisten und Jungspunden, die noch einiges lernen müssen. Dennoch schafft Norek es,  das Geschehen fast durchgehend auf einem hohen Spannungsniveau zu halten.

Ein bisschen Liebesgeschichte musste dann auch noch sein

Der Cold Case um drei vor mehr als zwanzig Jahren verschwundene Kinder beginnt bedächtig mit der Einführung von Noémie. Ganz langsam steigert sich die Spannung mit Auffindung einer Leiche und den Gefahren, in die sich No bringt, um, durch einige Wendungen angeheizt,  in einem ungeahnten Finale zu enden. Lediglich der nötige Tauchgang der Flussbrigade aus Paris nimmt etwas von der Spannung raus. Zwar ist auch er durchaus packend, verläuft doch nicht alles nach Plan, jedoch scheint hier der Polizist im Autor die Überhand bekommen zu haben, denn die Ausführungen zu Vorbereitungen und Ablauf sind sehr detailliert ausgefallen und wären in etwas gekürzter Fassung noch genauso spannend gewesen. Allerdings wird hier eine Person eingeführt, die für No einen weiteren Schritt in Richtung Normalität bedeutet. Durch Hugo wird ihr bewusst, dass sie durchaus noch eine anziehende Frau ist und auf eine Beziehung nicht zu verzichten braucht. Diese kleine Liebesgeschichte hätte der Krimi zwar nicht unbedingt gebraucht, ist aber ein Indiz für die ganzheitliche Rekonvaleszenz von No zu Noémie.

Die Atmosphäre punktet im Krimi

Die ländliche Gegend in Südfrankreich hat schon ihren Reiz für sich. Ruhe und Abgeschiedenheit prägen viele der kleinen Orte; was der Nachbar tut ist kein Geheimnis; die Dorfgemeinschaften sind noch halbwegs intakt, doch die Arbeitslosigkeit und Landflucht ist auch hier zu bemerken. Diese Stimmung fängt Norek gekonnt ein und steigert sie noch durch den Stausee, der das ursprüngliche Avalone geschluckt hat. Die Atmosphäre des untergegangenen Dorfes, das jetzt wieder sichtbar und begehbar ist, verleiht dem Geschehen einen morbiden fast schon gruseligen Charakter. Ganz besonders die Verlegung der alten Gräber an neuer Stelle lässt das Kopfkino in Gang setzen; doch auch die verrotteten Häuser mit dem zurückgelassenen Mobiliar und der Kirchturm, der langsam aus dem abfließenden Wasser aufsteigt, sind Garanten für eine schaurig-schöne und zugleich packende Atmosphäre, die die spannende Geschichte bestens ergänzt.

Kleine Fehler sind verzeihlich

Bei aufmerksamer Lektüre lassen sich einige Ungereimtheiten nicht leugnen. So wird eine Pistole plötzlich zum Gewehr oder eine im 6. Monat Schwangere hat einige Tage später ein gesundes Kind geboren. Doch das sind verzeihliche Kleinigkeiten, die bei dem guten Gesamtbild dieses Krimis kaum ins Gewicht fallen.

Fazit

Ein Krimi, der nur an wenigen Stellen etwas an Spannung verliert, dafür aber mit einer ungewöhnlich widerspenstigen Protagonistin und einer morbiden Atmosphäre punkten kann. Hoffentlich können wir bald mehr von Noémie Chastain lesen!

Das versunkene Dorf

, Blessing

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