How to kill your family

  • Heyne Hardcore
  • Erschienen: April 2022

- Übersetzung: Stephan Glietsch

- Hardcover, Pappband

- 400 Seiten

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Sabine Bongenberg
80°

Krimi-Couch Rezension vonSep 2022

Die neue Salonfähigkeit der Psychopathin

Seit ihrer Geburt war Grace ein Underdog. Für ihren Erzeuger Simon Artemis war ihre wunderschöne Mama Marie nur eine kleine Affaire – aus der sie als „Kollateralschaden“ hervorging. Als Marie ihm eröffnete, dass sie schwanger sei, da fiel ihm wieder ein, dass er verheiratet sei und schon verschwand der feine Herr auf Nimmerwiedersehen. Natürlich zahlte er auch niemals einen Pfennig Unterhalt und so rackerte Marie sich erst halb und dann ganz tot, um sich und ihre Tochter durchzubringen. In dieser Zeit räkelten sich Simon und seine vornehme Blase auf Seidenkissen, kippten sich den Champagner wasserglasweise hinter die Binde und genossen das Leben. Aber damit ist jetzt Schluss. Grace hat beschlossen, dem ein Ende zu bereiten, ihren Anteil vom Kuchen zu verlangen und mit der Familie abzurechnen. Wie sie das machen will? Nun – man werfe einen Blick auf den Buchtitel…

Die sympathische Mörderin?

Immer wenn ich eine Buchkritik verfasse, dann werfe ich einen Blick auf den Klappentext – allein schon um zu sehen, ob ich in der Zusammenfassung irgendetwas Wichtiges übersehe habe. In diesem Fall war mir allerdings tatsächlich etwas entgangen, wird doch zur Ich-Erzählerin Grace aus „How to kill your family“ gesagt, dass egal was sie anstelle, ihr dennoch unsere Sympathie sicher sei. Ich fand mich von Mackies Roman tatsächlich gut unterhalten, aber mir war ehrlich gesagt weder die Protagonistin sympathisch, noch ließen mich ihre Taten unberührt. Die Autorin lässt Grace aus ihrem mörderischen Alltag erzählen und wer so beschlossen hat, sich seiner Familie zu entledigen, der muss - wenn er sympathisch bleiben will - schon über absolut teuflische Verwandte verfügen. Simon Artemis, seine blasierten Eltern, sein mehr als arroganter Bruder werden also so dargestellt, dass ihnen sicher keiner auch nur eine Träne nachweinen könnte und es schon fast als ein Gewinn der Menschheit zu sehen ist, wenn sie tatsächlich das Zeitliche segnen. Mir war das aber zu holzschnittartig. Klar, es ist toll, wenn der abgrundtief böse Kapitän Hook vom Krokodil gefressen wird und vom Schicksal einiger abgrundtief böser Zeitgenossen in „Game of Thrones“ möchte ich gar nicht erst anfangen – aber jetzt mal ehrlich: Wer von uns kennt denn viele, die tatsächlich so böse, hässlich und gemein sein könnten, dass sie es verdient hätten, in ein besseres Jenseits befördert zu werden? Mir missfiel auch, dass die Geschichte – damit sie funktionierte – an Zustände wie zu Charles Dickens Zeiten angelehnt war. Gab es auch im England der Achtziger keine Vaterschafts- oder Unterhaltsklage? War das schöne – aber arme – Mädchen immer noch ein Spielball des rücksichtslosen, reichen Draufgängers?

Falsche Freundlichkeiten

Entgegen der Versprechung des Internet-Klappentextes war mir die Heldin Grace daher überhaupt nicht sympathisch und ich empfand auch tatsächlich Mitleid mit zumindest einem ihre Opfer. Damit blieb bei mir vermutlich schon etwas vom angekündigten Lesegenuss auf der Strecke. Dennoch fand ich es interessant, wie Grace ihre Vorgehensweise plante und wie schnell es eigentlich möglich ist, sich an ein potentielles Opfer heranzupirschen und es tatsächlich schwer verletzen oder sogar töten zu können. Hier warfen sich für mich ein paar wichtige Fragen auf: Wie schnell lassen wir jemanden an uns heran? Wie schnell vertrauen wir einem Fremden? Und wäre es nicht doch schlauer…– ja, das wäre es.

Der Fluch der bösen Tat?

Das Gute an Grace und ihrem Anti-Familienprogramm ist aber auch das, dass sie aus der Haft berichtet. Hier aber wird der Leser, der sich gerade zu dem Gedanken der doch noch siegenden Gerechtigkeit aufschwingt, auch wieder überrascht. Mackie hat sich im letzten Drittel noch einmal einen geschickten Dreh einfallen lassen und der kam genauso passend, wie die letztendliche Aufklärung und Auflösung der Geschichte. Als Leser erfahren wir, dass Familie nicht immer nur schlecht sein muss und wir sehen auch, dass die „böse Tat“ nicht immer den berühmten Fluch hinter sich herziehen muss, dass das aber grundsätzlich schon der Fall sein kann. Je nachdem wie man eben einen „Fluch“ definiert….

„Ich habe nie darüber nachgedacht, dass ich mein Leben absichtlich kleingehalten habe – angetrieben von Wut und Hass auf Menschen, die keinen Gedanken an mich verschwendeten.“

Fazit

Bella Mackie lässt ihre psychopathische Heldin eine Schneise des Todes durch die arrogante, unsympathische Oberschicht Londons ziehen. Das unterhält über viele Seiten auch recht gut, dennoch kam ich nicht umhin, irgendwann Mitleid für die psychopathische Grace zu empfinden.

How to kill your family

, Heyne Hardcore

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