Das letzte Mysterium

Erschienen: Februar 2021

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Michael Drewniok
Schmerzhafte Schnitzeljagd nach verschollenem Meisterwerk

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

Künstler, Galerist, Handwerker: Ichiro Koga hat fünf am Hungertuch nagende Pechvögel nach Paris ‚eingeladen‘ bzw. sie mit einem beachtlichen Honorar dorthin gelockt. Sie sollen ihm helfen, dieses Mysterium zu lösen: 1990 hatte der japanische Papierfabrikant Saito ein Bild des niederländischen Malers Vincent van Gogh für die Rekordsumme von 82,5 Millionen Dollar erstanden. Saito wollte es nach seinem Tod dem Staat schenken, doch als das Finanzamt eine gewaltige Nachzahlung von ihm forderte, schlug seine Geberlaune in Zorn um: Als Saito 1996 starb, sollte man das Bild zusammen mit seiner Leiche verbrennen.

Das ist nicht geschehen. Stattdessen hat Saito offenbar die letzten Jahre seines Lebens damit verbracht, eine aufwändige Schnitzeljagd um die halbe Welt zu inszenieren. Wer es schafft, der Spur zu folgen und die von ihm gestellten Rätsel zu lösen, wird auf das Bild stoßen.

Koga hat die richtigen (= verzweifelten) Kandidaten ausgesucht! Die Männer und Frauen seines Teams stößt schon in Paris auf Saitos erste Hürde. Der Spaß am Enträtseln bleibt freilich nicht ungetrübt: Da Saito davon ausging, dass ihm womöglich das verhasste japanische Finanzamt auf die Spur kommen wollte, hat er die Stationen seiner Rätseltour mit Fallen gespickt, die jeden Fehler schmerzhaft ahnden, wobei sich die Intensität der Plagen steigert, je näher man dem Ziel kommt. Dies stellt die zwar neugierigen, aber nicht gerade heldenhaften Ermittler auf die Probe, während sie - meist unterirdisch - immer kompliziertere Aufgaben meistern sollen …

Wie man ein Rätsel besser nicht präsentieren sollte

Hin und wieder stößt man als erfahrener - und damit auch leidgeprüfter - Leser auf ein Buch, das nicht aufgrund seines Inhalts für Verblüffung sorgt, sondern weil es mit Attributen angepriesen wird, die einem wirklich gutem Werk vorbehalten sein sollten. Man versucht ja kein Zyniker zu sein und sucht nach den angekündigten Qualitäten, die sich jedoch nicht einstellen wollen.

Matilde Asensi gilt als „spanische Bestsellerautorin“, die ihr Publikum mit „fesselnden Abenteuerroman“ verzaubert, wie die Werbung verkündet. Sie lässt ihre Protagonisten gern auf den Spuren von Indiana Jones wandeln und nach verschollenen Relikten aus der Vergangenheit fahnden. Dabei geht es selbstverständlich abenteuerlich zu, denn nichts ist der Spannung abträglicher als die Realität historischer oder archäologischer Forschung. Sie besteht in der Regel aus mühsamer Kärrner- und Kleinarbeit, die in der Unterhaltungsliteratur nichts verloren hat.

Die absolute Realitätsferne dieses Garns ist deshalb nicht der Grund, weshalb man geneigt ist, „Das letzte Mysterium“ nach Abschluss der Lektüre in „Des Lesers Martyrium“ umzubenennen. Gut fabulierte Unterhaltung ist also kein Knecht der Wirklichkeit; wir erwarten sogar, dass der mühsame Weg zur Erkenntnis möglichst turbulent abgekürzt wird - dies allerdings so, dass man das Ergebnis zumindest für plausibel halten kann. In dieser Hinsicht stellt „Das letzte Mysterium“ das Pendant zum sprichwörtlichen Schuss in den Ofen dar.

Die sorgfältige Vermeidung der dritten Dimension

Selten findet man einen Roman, dessen schlichtes, schematisches Konstrukt so offenliegt wie hier. Die Handlung beschränkt sich auf die Schnitzeljagd nach einem verschollenen Gemälde. Dessen Besitzer hinterließ einen dubiosen Hinweis auf das Versteck des Werkes, der entschlüsselt eine Reihe von Rätseln ergibt, die natürlich nicht am Schreibtisch gelöst werden. Stattdessen müssen unsere Abenteurer erst in Paris, dann in Japan immer wieder unter die Erde, um dort durch Höhlen und Gänge dorthin zu tappen, wo sie stets ein robuster Fallenmechanismus erwartet. Dort widmen sie sich dem jeweiligen Rätsel, während sie mit spitzen Pfeilen beschossen, mit Stromschlägen traktiert oder mit heißem Wasser bespritzt werden.

Angestochen, angesengt und verbrüht klettert man zurück an die Oberfläche, verpustet eine Nacht und findet nebenbei heraus, wohin man sich als nächstes aufmachen muss. Wenn man nicht schläft, ausgiebig isst oder im Krankenhaus verbunden wird, erzählt man sich Geschichten über Vincent van Gogh, der demnach nicht nur ein fabelhafter Maler war und sich ein Ohr abgeschnitten hat, sondern auch Kinder in die Welt setzte sowie nicht Selbstmord beging, sondern umgebracht wurde - Theorien, die Autorin Asensi vergeblich als spannungsfördernde Elemente einzusetzen versucht.

Der Ereignisablauf ist strikt, es gibt keine Abweichungen. Nur die einzelnen Rätsel und die damit gekoppelte Fallen unterscheiden sich. Erstere werden gelöst, letztere überwunden. Sechs Hürden gibt es auf dem Weg zum Ziel. Es könnten vier oder fünf oder sieben sein; das Handlungsgerüst ist modular, und die einzelnen Sequenzen bauen nicht wirklich aufeinander auf. Daraus resultiert kein Spannungsbogen, sondern eine Folge recht flacher Wellen.

Flach wie ein japanischer Holzschnitt

Durch diese Schema-F-Szenarien werden Figuren geschleust, die nicht einmal Zweidimensionalität beanspruchen können. Niemals bangt man um sie, mag nicht mit ihnen fühlen, weil sie so profilfrei sind bzw. nur aus groben Stereotypen bestehen. Offizielle Hauptfigur ist der Galerist Hubert Loos, der auch als Ich-Erzähler fungiert. Er ist ein Niemand, der sich damit in die Reihe seiner Begleiter/innen einfügt. Eine jederzeit nur aufdringlich behauptete Love-Story soll dem ‚Abenteuer‘ zusätzlich Pep verleihen.

Japan bleibt als Ort des Geschehens eine Kulissenwelt, die mit Lokalkolorit ‚belebt‘ wird, das über einen Wikipedia-Eintrag nicht hinausgeht. Stattdessen fühlt man sich an miserabel budgetierte TV-Serien der Vergangenheit erinnert; vor allem denkt man an „Relic Hunter“ (1999-2002), wo uns exotische Welten eher schlecht als recht, möglichst billig und so gut wie nie überzeugend vorgegaukelt wurden.

Asensi lässt das Geschehen in einem „Facepalm“-Finale gipfeln, das die gesamte Vorgeschichte Lügen straft und dafür eine groteske ‚Begründung‘ aus dem Hut zaubert, für die man die Verfasserin beinahe bewundert: So viel Chuzpe findet man selten! Vielleicht sollte man diesen Roman als Märchen werten; am Ende sind alle glücklich (und reich), und da niemand gestorben ist, leben sie noch heute!

Fazit:

Schlicht konzipierter und hölzern erzählter Mystery-Thriller, dessen Auflösung nicht spannend, sondern haarsträubend gerät; die Figurenzeichnungen sind platt, die Schauplätze gleichen billigen TV-Kulissen: Trivial-Abenteuer der gescheiterten Art.

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