Bond Cars - Die ultimative Geschichte

Erschienen: September 2021

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Michael Drewniok
Agent mit der Lizenz zum luxuriösen Rasen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2021

1961 debütierte James Bond, Agent im Dienst ihrer Majestät, der Königin von England, und begann seinen niemals endenden Kampf gegen jene Strolche, die unsere Erde entweder erobern oder zerstören wollen. Diese Auseinandersetzungen finden in einer Sphäre statt, die der schnöden Realität ausdrücklich enthoben ist. Bond mag im Prinzip ein Beamter sein, muss sich aber höchstens locker an Dienstvorschriften oder Budgets halten, sondern darf im Dienst der guten Sache prassen, töten und schöne Frauen verführen. Um dies zu gewährleisten, wird er großzügig mit Geld und Hightech Ausrüstung versorgt, um im Kreis der stets superreichen und bestens ausgestatteten Schurken mithalten zu können.

Relativ früh gehörten luxuriöse Automobile zum unverzichtbaren Inventar dieser Filme. Schon Ian Fleming (1908-1964), Bonds geistiger Vater, hatte dafür gesorgt, dass 007 einen ausgeprägten Sinn für schnelle, kostspielige Modelle an den Tag legte. Das Kino griff die Bond-Romane 1961 auf, aber es dauerte drei Jahre, bis sich mit „Goldfinger“ (1964) jener Mega-Erfolg einstellte, der das Franchise bis ins 21. Jahrhunderte begleitet. Von nun an war Geld genug da für automobile Spielereien.

In „Goldfinger“ wurde Bonds Vorliebe für extravagante Fahrzeuge zu einer festen Größe und der mit Maschinengewehren, Reifenschlitzer, Schleudersitz u. a. Extras ausstaffierte Austin Martin DB5 zu einem Kult-Fahrzeug, das mehr als ein halbes Jahrhundert später immer noch von 007 gefahren wird. Parallel dazu bewegte Bond alles, was schnell, teuer, elegant und - wenn möglich - Made in Britain war und ist; es sei denn, ein Hersteller bietet mehr Geld als Aston Martin, Jaguar oder Rolls Royce, um in einem 007-Film vertreten zu sein.

Super-Agent mit gebührendem Fuhrpark

Viele Jahrzehnte präsentierten Medien und Werbung 007 primär als Frauenmagneten. Da diese Sichtweise heutzutage verpönt bzw. nur noch als Rückschau in eine chauvinistisch verblendete Vergangenheit gestattet ist, zieht sich das Franchise auf neutrale Themen zurück, wenn es darum geht, das Merchandising-Karussell in Gang zu halten.

Obwohl auch der benzinbetriebene Motor ins Visier der Kritik geriet, ist es noch möglich, die PS-starken fahrbaren Untersätze des britischen Vorzeige-Agenten vorzustellen, ohne dadurch einen Shitstorm zu entfachen. (Der Film wird kommen, in dem 007 auf Boliden mit E-Antrieb zurückgreifen muss!) „Bond Cars“ ist ein wahrer Prachtband, der auf mehr auf 300 großformatigen Seiten förmlich zelebriert, was in 25 Bond-Filmen erst stolz vorgeführt und dann im Rahmen aufwändiger Verfolgungsjagden verschrottet wurde.

Autor Jason Barlow geht chronologisch vor und orientiert sich an den 007-Filmen zwischen 1961 („Dr. No“) und 2021 („No Time to Die“/„Keine Zeit zu sterben“). Er konnte buchstäblich aus dem Vollen schöpfen und auf das Archiv des Franchises zurückgreifen, weshalb seine Informationsdecke dicht gewebt ist und er seine Funde mit Fotos, Konstruktionszeichnungen u. a. zeitgenössischen Bildquellen illustrieren kann, die oft nie zuvor veröffentlicht wurden.

Symbolik und Spieltrieb

Je erfolgreicher das Franchise wurde, desto tiefer wurde nicht nur in die Geldbörse, sondern auch in die Trickkiste gegriffen. Barlow schaut dem bereits erwähnten DB5 buchstäblich unter die Haube, um dessen Geheimnisse zu lüften. Ähnliches geschieht, wenn er an weitere unvergessliche Bond-Fahrzeuge erinnert - den Lotus Esprit, der 1977 in „Der Spion, der mich liebte“ buchstäblich abtauchen konnte; den von Bond 1997 in „Der Morgen stirbt nie“ vom Rücksitz aus durch ein lumpenverseuchtes Parkhaus ferngesteuerte BMW 750iL; den 2015 eigens für „Spectre“ gebauten, nie auf den Markt gekommenen Aston Marten DB10. Präsentiert werden aber auch Goldfingers wuchtiger Rolls Royce Phantom III von 1937 („Goldfinger“, 1964) oder der RR Silver Cloud von 1962, in dem Max Zorin Bond ertränken will („Im Angesicht des Todes“, 1985), denn auch die Schurken pflegen sich in 007s Welt standesgemäß fortzubewegen.

Auch ganz ‚normale‘ bzw. einfallsreich zweckentfremdete Fahrzeuge dienten Bond oft als Flucht- oder Verfolgungsmitteln. Wer könnte die gelbe Citroën-„Ente“ vergessen, mit der 007 spektakulär eine ganze Schar bestens motorisierter Killer ausmanövriert („In tödlicher Mission“, 1981)? Den Panzer, mit dem Bond durch die Innenstadt von St. Petersburg pflügt („Goldeneye“, 1995)? Den BMW Z8, der mit einer hubschraubergetragenen Baumsäge zweigeteilt wird („Die Welt ist nicht genug“, 1999)? Darüber hinaus erwähnt Barlow die anderen fahrenden, fliegenden, tauchenden Gefährte, die in die Filmhistorie eingegangen sind wie der Mini-Hubschrauber „Little Nell“ aus „Man lebt nur zweimal“ (1967), das Flug-Auto des Bösewichts Scaramanga aus „Der Mann mit dem goldenen Colt“ (1974) oder die Luftkissen-Gondel, mit der Bond Venedig durchquert („Moonraker - Streng geheim“, 1979).

Überhaupt beschränkt sich Barlow nicht ausschließlich auf die „Bond Cars“. Er berücksichtigt, dass diese Fortbewegungsmittel zum 007-Universum gehören, auf das er in seiner Gesamtheit dort eingeht, wo es das Thema erfordert. Dabei findet er die Mitte zwischen echter Information und dem Widerkäuen allzu bekannter Bondismen, was seiner Schilderung echten Mehrwert verschafft, auch wenn er hin und wieder über das Ziel hinausschießt: Barlow hat sich offenbar jeden Bond-Film genau angeschaut. Gern referiert es über Automobile, die im Hintergrund auftauchen, wo sie damals wie heute vor allem das Bild füllen.

Der Preis für den Eintritt ins Paradies

„Bond Cars“ ist trotz des themenbezogenen Informationsgehalts nur bedingt ein filmhistorisch relevantes Werk. Damit man ihn in die heiligen Franchise-Hallen einließ, musste sich der Verfasser verpflichten, nach vorgegebenen Regeln zu spielen. Was man im 007-Kosmos überhaupt nicht schätzt, ist jene Schnittmenge zwischen Werbung und Realität, in der es um schnöden Mammon geht. Legendär sind Sean Connerys Klagen über zu niedrige Honorare, die Streitereien zwischen den Produzenten oder die Tricks (allzu) findiger Franchise-Spezialisten, die theoretisch eindrucksvolle Einkünfte praktisch so kleinrechnen, dass vor allem die Finanzämter dieser Welt ohne Beute bleiben.

Stattdessen wird das 007-Paradies beschworen: Vor und hinter der Kamera arbeiten alle Beteiligten hochmotiviert und hart. Man hat Spaß, kooperiert jederzeit, streitet nie, sondern wertschätzt und liebt einander. „Die ultimative Geschichte“, die im Untertitel angekündigt ist, wurde sorgfältig entschärft. Barlow beschränkt sich auf die Wiedergabe harmloser Dokumente, in denen Auto-Leihgeber sich über Schäden beklagen, die ihre Vehikel während der Dreharbeiten erlitten haben, und stellt lieber die handwerklichen Tricks vor, mit denen Autos zu „Bond Cars“ aufgewertet wurden.

Nichtsdestotrotz schreibt Barlow informativ und unterhaltsam, wie es sich für den Verfasser eines Sachbuchs gehört. Die Illustrationen sind erlesen, und sie kommen dank qualitativ hochwertig für den Druck aufbereiteter Vorlagen zur Geltung; dies auch, weil sehr gutes, dickes, für Fotos ideales Papier verwendet wird. „Bond Cars“ ist kein kostengünstiges Werk, aber wer sich für das Thema interessiert, wird nicht mit Allgemeinplätzen und grobkörnigen Abbildungen abgespeist.

Fazit:

Großformatiger Band, dessen Autor auf die Fotoschätze des 007-Franchises zugreifen konnte. Zu den gut ausgewählten Abbildungen kommt ein informativer Text, der über das Thema hinausgreift bzw. es in den Kontext des Bond-Universums stellt, wobei jegliche Kritik ausgeblendet bleibt: dennoch ein auch buchhandwerklich schönes Werk.

Bond Cars - Die ultimative Geschichte

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